„Ich höre die Zeit rauschen“

Ausstatterin Marina Stefan über das deutsch-polnische Familiendrama Frau Schmidt fährt über die Oder und ihre eigenen biografischen Bezüge zum Stück
Janine Kreß und Charlott Lehmann in "Frau Schmidt fährt über die Oder"
In ihrem neuesten Stück reist die Dramatikerin Anne Habermehl mit ihrer Figur Susanne Schmidt voller Hoffnung von Breslau über die Oder ins bayerische Marktredwitz. In Momentaufnahmen aus den Jahren 1990, 2003 und 2021 gibt sie Einblicke in Susannes Leben, die eine Tochter zur Welt bringt und sich immer wieder mit der eigenen deutsch-polnischen Familiengeschichte konfrontiert sieht. Marina Stefan zeichnet für Bühne, Kostüme und Video verantwortlich.

Marina, du stammst aus Rumänien. 1988 ist deine Familie nach Deutschland emigriert. Da warst du gerade mal drei Jahre alt. Hast du noch Erinnerungen an diese Zeit?
Marina Stefan: Nein. Ich war ein Jahr alt, als meine Mutter allein nach Deutschland gegangen ist. Mein Vater, meine Schwester und ich konnten erst zwei Jahre später nachkommen. Bis dahin haben wir jede bei einer unserer Omas gelebt. Es gibt viele Geschichten über diese Zeit. Zum Beispiel hat meine Mutter Kassetten aufgenommen, auf denen sie uns Geschichten vorliest. Aber als wir dann am Flughafen Frankfurt angekommen sind, haben wir sie gar nicht mehr wiedererkannt und wollten nicht mit ihr mitgehen. Es waren schwere Zeiten.

Findest du in „Frau Schmidt fährt über die Oder“ Bezüge zu deiner eigenen Biografie?
Ja, absolut. Meine Eltern wollten damals unbedingt vor dem Kommunismus fliehen. Es gab nichts – keine Windeln, keine Heizung, kein Wasser, keine Milch. Nicht zu denken an Schokolade. So wollten meine Eltern ihre Kinder nicht großziehen. Ich verstehe Susannes Wunsch nach einer besseren Zukunft für ihre Tochter. In existenziellen Nöten liegt ein Kraftpotenzial, das wir uns nicht imaginieren können. Die Idee eines demokratischen Europa, in dem jede*r eine Stimme und Gleichberechtigung eine Zukunft hat, trieb auch meine Mutter an. Meine Familie hatte großes Glück. Es hätte auch anders laufen können.

Was reizt dich persönlich an Anne Habermehls Stück?
Ich finde es immer toll, wenn ich über ein Einzelschicksal Geschichte begreifen kann. Ich wusste nicht viel über die Geschichte Polens – das hat sich nun geändert. Es liegt viel Poesie darin, es hat etwas Fantastisches. Man spürt die Hoffnung, eine Naivität, die geschützt werden will. Ich mag es, nicht linear zu denken. Die Zeit- und Figurensprünge öffnen die Tür zu einer Gefühlswelt. Gefühle sind auch nicht linear.

Die Handlung spielt in verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten – eine Figur sagt: „Ich höre die Zeit rauschen.“ Du hast dich dennoch für ein „Einheitsbühnenbild“ entschieden. Warum?
Unser Entwurf ist mehr ein „Seelenraum“ als ein konkreter Ort. Ähnlich wie in einem Traum, in dem sich plötzlich verschiedene Orte collagenartig zu einem neuen zusammenfügen. Das Stück erzählt Fragmente aus dem Leben von Susanne, kleine Ausschnitte, aus denen wir eine Geschichte spinnen müssen. Das Bühnenbild ist sowas wie das Archiv ihres Lebens.

Du arbeitest auch als Videokünstlerin. Kommen Videos zum Einsatz?
Ja, zum einen wollen wir mit dokumentarischem Material arbeiten. Bilder aus der Geschichte Polens, die Revolution und der Zeitgeist sollen auf die Bühne schwappen. Das „Außen“ spielt eine wichtige Rolle für die Entfaltung oder Nichtentfaltung der Figuren. Zum anderen werden wir mit den Schauspieler*innen drehen. Hier geht es mehr um kleine Utopien des Alltags. Momente des Glücks und schöne Erinnerungen.

Interview: Alexandra Engelmann

erschienen in: ZUGABE 02-2022

ANNE HABERMEHL IM GESPRÄCH

Ihr neuestes Stück heißt „Frau Schmidt fährt über die Oder“ – ein etwas sperriger Titel für ein Drama, oder?
Mir kommt er eher oberflächlich statt sperrig vor, auch ein Fernsehfilm im Ersten könnte so heißen. Meine anderen Stücke haben sehr viel poetischere Titel, aber jeder Text hat seine Zeit, und dieser Titel war plötzlich da, und es war keine poetische Zeit. Mir erschien dann auch genau die Oberflächlichkeit daran richtig, dass er erstmal einen Vorgang beschreibt, der ohne jede tiefere Bedeutung ist. Der Titel verrät nichts, es könnte sich auch um eine Kaffeefahrt handeln. Ich glaube, dass die Dinge, die wir tun, oft erst im Nachhinein ihre Bedeutung erhalten, aber nicht in dem Moment, in dem wir sie tun. Es gibt, glaube ich, so etwas wie die Naivität des Moments.

Haben Sie selbst schon die Oder überquert?
Öfter, ja. Und gerade kürzlich wieder, ich war auf der Suche nach Geschichte, kann man vielleicht so sagen. Ich habe aber keine gefunden, nur Tabakgeschäfte mit Dumpingpreisen, es war absolut unspektakulär. Da stand ein Haus, auf das hatte jemand groß gesprayt: No Past. Ich hatte das Gefühl, ich suche nach Bedeutung, wo keine existiert. Das betrifft auch das Wasser, das dort fließt, und zwar sehr unabhängig von uns, der Natur ist es ziemlich egal, mit welcher Bedeutung wir sie aufladen. Die Tragik im Moment ist, dass die Ignoranz der Bedeutung des Flusses, auch im historischen Sinn, dazu geführt hat, dass dort die Fische verrecken. Ich dachte dann, dass die wahre Bedeutung in der Bedeutungslosigkeit liegt.

In Ihrem Stück geht es um die Frage, wie sich Traumata weitervererben und so persönliche Beziehungen beeinflussen. Was fasziniert Sie an der Epigenetik?
Sie fasziniert mich vor allem als kollektive Erfahrung. Dass es Wunden gibt, die gesellschaftlich sind, und einen Schmerz, der nicht individuell ist. Dass es im eigenen persönlichen Erleben eine größere Geschichte gibt als nur das eigene Leben, und dass die über die eigene Lebenszeit hinausgeht. Hinter den Jahreszahlen und Fakten liegen Erlebnisse, und diese Erlebnisse haben keine Zeit, keinen Anfang und kein Ende, sie sind immer im Jetzt.

Als Hintergrundfolie nutzen Sie die konfliktreiche Geschichte zwischen Deutschland und Polen. Wieso gerade diese?
Es hat biografische Gründe, meine Großeltern lebten in Breslau, haben den Ort aber vor dem Zweiten Weltkrieg verlassen. Mich interessierte die Frage von Optionen, in Bezug auf die deutsche Vergangenheit, und was gewesen wäre, wären sie geblieben. In den Debatten über die europäische Idee kommen mir diese Wunden der Vergangenheit viel zu wenig vor. Letztlich ist es aber eine Folie und auf unzählige Orte anwendbar.

Sie wurden in den 80er und 90er Jahren in Westdeutschland sozialisiert. Wann haben Sie begonnen, sich mit dem Zusammenbruch des Ostblocks zu beschäftigen und warum?
Ich habe 2010 ein Stück in Gera inszeniert, da fing das an. Mich hat der Osten tief berührt, er kam mir vor wie eine offene Wunde. Es gab dort einen spürbaren und viel konkreteren Verlust, die Suche nach Identität hatte dort eine andere Anwesenheit und eine völlig andere Perspektive. Wo ich aufgewachsen bin, waren alle Fragen von Enttäuschung und Utopie an kein anderes Narrativ angebunden als an das des Kapitalismus.

Interview: Alexandra Engelmann

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