Das Theater der Geopolitik und die Bühne

Eine Liebeserklärung ans Theater von Richard Dion
Es vergeht kein Tag, an dem die Welt nicht gewaltsam zwischen Tragödie, Komödie und Farce hin- und herwechselt. Wie Shakespeare schrieb: „Die ganze Welt ist eine Bühne, und alle Männer und Frauen sind nur Schauspieler.“ Man könnte fast meinen, jeder Tag sei der Internationale Theatertag, doch tatsächlich ist es nur der 27. März. Was die Frage aufwirft… Wer braucht schon „echtes“ Theater, wenn es direkt aus dem Haus des wohl mächtigsten Mannes der Welt auf den Bildschirm kommt?

Kurz gesagt: die Welt und in unserem speziellen Fall Potsdam und seine Bürger.

Die wesentlichste aller Kunstformen

Die Unvergänglichkeit des Theaters – von den griechischen und römischen Bühnen bis hin zu Shakespeare, Beckett und Brecht – sollte als zeitlos betrachtet und von Regierungen auch so behandelt werden. In Potsdam hat dies eine besondere Bedeutung durch den Schauspieler Hans Otto. Er war einer von vielen, die am Theater arbeiteten, was dazu führte, dass die Nazis ihm auf so brutale Weise das Leben nahmen.

In einer zunehmend digitalen Welt bleibt das Theater analog – ein paar Menschen oder sogar nur einer auf einer Bühne, der eine Geschichte erzählt, ist alles, was man braucht. Zeitloser geht es nicht. Vielleicht fragen wir uns deshalb auch in 500 Jahren noch, ob Godot tatsächlich auftauchen wird.

Da ist auch das schiere Talent derer, die auf die Bühne treten. Sie stehen vor der gewaltigen Aufgabe, sich Dutzende Seiten Text zu merken und diese Worte unerschrocken in eine Geschichte zu verwandeln, die provoziert, inspiriert und gelegentlich Tränen hervorruft – aus Traurigkeit und Freude.

Wir erleben es „live“. Wir haben keine 50 Takes, um es genau richtig hinzubekommen. Wir erleben die Intonation und die Körpersprache hautnah, ohne Lautstärkeregler, und wir müssen mit gelegentlichen Nebelmaschinen, Zigaretten und ja, sogar mit gelegentlichen Fehlern zurechtkommen. Wir sind Fliegen an der Wand, privilegierte Zuschauer einer fremden Situation (oder vielleicht unserer eigenen aus einer anderen Perspektive).

Dadurch ist es roh und unverhüllt und zwingt uns, „präsent“ zu sein. Es holt uns aus unserer Komfortzone heraus. Nachdem wir den größten Teil des letzten Jahrzehnts damit verbracht haben, auf winzige zweidimensionale Bildschirme zu starren, hat das Erleben einer dreidimensionalen Live-Aufführung (und dazu noch auf einer größeren Bühne) etwas Besonderes.

Der Film wird oft als Traumfabrik bezeichnet. Im Theater gleicht es einer dreidimensionalen Traumfabrik oder vielleicht eher einem Spiegelsaal, der uns reflektiert.

In unseren besten Momenten erkennen wir uns selbst wieder. Wir fühlen uns bestätigt. Das sind wir. In unseren schlimmsten Momenten neigen wir dazu, uns eine unangenehme Frage zu stellen: Sind wir das geworden? In der Inszenierung von „Mephisto“ im Hans-Otto-Theater (eine Ende 2023 entstandene Adaption des Romans von Klaus Mann) tragen diejenigen, die Mephisto spielen, eine Brille. Allein durch das Auf- und Absetzen unserer Brille können wir entweder Mephisto sein oder jemand anderes. Wie viele von uns setzen ihre Brille täglich auf und ab? Verwandeln auch wir uns manchmal in Mephisto? Ein noch intensiverer Blick in den Spiegel in „Im Spiegelsaal“ – eine der jüngsten Reflexionen und Kommentare des Theaters zu unserer Gesellschaft. Das Stück thematisiert die jahrzehntelange Besessenheit von Schönheit, die zu einer Kultur der (Über-)Optimierung und zu einem permanenten Gefühl des Mangels oder der Nichtakzeptanz geführt hat.

Aktueller denn je

Wir alle sind Schauspieler und spielen unsere Rollen – Mütter, Väter, Töchter, Söhne, Tanten, Onkel, Cousins und Großeltern. Nicht zu vergessen die Kollegen. Lichter aus, und wir denken darüber nach, was wir waren, wer wir sind und wer wir hoffentlich sein werden. Potsdam als Stadt selbst diente auch als Bühne für viele historische Ereignisse, eines im März 1933, eines im Juli 1945, ein weiteres im November 2023.

Heutzutage mag jeder Tag wie Theater sein. Dennoch sollten wir die wahren Profis auf der Bühne und hinter den Kulissen würdigen, die diese zeitlosen Geschichten erzählen, wenn die Lichter erlöschen – und nicht die extravaganten Amateure in manchen Machtkorridoren, die auf Zerstörung besessen sind. Das Ergebnis eines Theaterabends ist eine stärker angeregte und inspirierte Bürgerschaft, die hoffentlich unsere Dämonen im Zaum hält und unsere engelhafte Seite stärkt.

Wäre das nicht ein Gewinn für den menschlichen Fortschritt?


Richard Dion ist Vorstandsmitglied des Förderkreises des Hans-Otto-Theaters in Potsdam.