Der Potsdamer Theaterpreis 2026 geht an Charlott Lehmann und Hannes Schumacher
Und der Potsdamer Theaterpreis 2026 geht an (Trommelwirbel): Charlott Lehmann und Hannes Schumacher! Im Juni war es wieder soweit, der Förderkreis des Hans Otto Theater würdigte eine Künstlerin und einen Künstler, "die in besonderer Weise zur Ausstrahlung des Hans Otto Theaters beigetragen haben". Zuletzt waren 2024 Kristin Muthwill und Guido Lambrecht mit dem Preis geehrt worden. Im Jahr 2022 erhielten ihn Nadine Nollau und Paul Wilms.
Charlott Lehman zeige unter anderem durch ihre enorme Wandlungsfähigkeit und ihre exzellente Körperarbeit, was das Wort Schauspiel bedeute, heißt es in der Jury-Begründung. Sie sei eine tolle Ensemble-Spielerin, was sie unter anderem in "Also träumen wir mit hellwacher Vernunft" beweise. Außerdem überzeuge sie immer wieder mit ihren Gesangskünsten, wie jüngst in "Die Zauberflöte. The opera but not the opera" oder "Was ihr wollt".
Hannes Schumacher decke zwischen Gerichtsrat in „Der zerbrochne Krug“ und eloquentem Revolutionär in „Farm der Tiere“ eine Spanne ab, die nicht nur abbildet, sondern ausspielt, sagt die Jury. Immer trage er eine Lust zur Schau, die handwerklich fundiert ist – dieses Zur-Schau-Tragen sei nie eitel, es trage in sich stets einen gedanklichen und sinnlichen Mehrwert.
Der von der Landesbausparkasse (LBS) gestiftete Publikumspreis ging in diesem Jahr an "Also träumen wir mit hellwacher Vernunft". Die Chronik mit Texten von Christa Wolf von Sascha Hawemann ist bereits die zweite Inszenierung des Regisseurs, die den Publikumspreis bekommen hat: Bereits 2024 wurde sein „Mephisto“ nach dem gleichnamigen Roman von Klaus Mann ausgezeichnet.
Einen Sonderpreis bekam der Jugendclub des Hans Otto Theaters, der in der letzten Spielzeit mit seiner Inszenierung „Gott* aus Plastik" begeisterte.
Charlott Lehman zeige unter anderem durch ihre enorme Wandlungsfähigkeit und ihre exzellente Körperarbeit, was das Wort Schauspiel bedeute, heißt es in der Jury-Begründung. Sie sei eine tolle Ensemble-Spielerin, was sie unter anderem in "Also träumen wir mit hellwacher Vernunft" beweise. Außerdem überzeuge sie immer wieder mit ihren Gesangskünsten, wie jüngst in "Die Zauberflöte. The opera but not the opera" oder "Was ihr wollt".
Hannes Schumacher decke zwischen Gerichtsrat in „Der zerbrochne Krug“ und eloquentem Revolutionär in „Farm der Tiere“ eine Spanne ab, die nicht nur abbildet, sondern ausspielt, sagt die Jury. Immer trage er eine Lust zur Schau, die handwerklich fundiert ist – dieses Zur-Schau-Tragen sei nie eitel, es trage in sich stets einen gedanklichen und sinnlichen Mehrwert.
Der von der Landesbausparkasse (LBS) gestiftete Publikumspreis ging in diesem Jahr an "Also träumen wir mit hellwacher Vernunft". Die Chronik mit Texten von Christa Wolf von Sascha Hawemann ist bereits die zweite Inszenierung des Regisseurs, die den Publikumspreis bekommen hat: Bereits 2024 wurde sein „Mephisto“ nach dem gleichnamigen Roman von Klaus Mann ausgezeichnet.
Einen Sonderpreis bekam der Jugendclub des Hans Otto Theaters, der in der letzten Spielzeit mit seiner Inszenierung „Gott* aus Plastik" begeisterte.
LAUDATIO AUF CHARLOTT LEHMANN
Laudatio auf Charlott Lehmann
von Petra Bläss
„Die Spielwütigen“- so der treffende Titel des Dokumentarfilms von Andreas Veieil aus dem Jahr 2003, in dem er vier junge Schauspielende bei ihrem Berufsstart begleitet.
Wir ehren heute eine „Spielwütige“, die mit ihrer starken und vielseitigen Bühnenpräsenz zeigt, worauf es beim SchauSPIELen ankommt: aufs Spielen…Der Potsdamer Theaterpreis 2026 geht an Charlott Lehmann.
Liebe Charlott, Bravo für Deine starke Bühnenpräsenz, für Deine enorme Wandlungsfähigkeit, und für Deine ansteckende Spielfreude. Du bist ein wahres „Feuerwerk“ auf der Bühne! Chapeau mit welcher Power Du die jetzt zu Ende gehende Spielzeit gerockt hast mit einem enormen Rollen-Pensum und -Spektrum mit der kurzfristigen Übernahme des Lämmchen, durch die Du „Kleiner Mann was nun“ gerettet hast, mit Deiner eigenen Produktion in der Reithalle Box „Bilder deiner großen Liebe“ nach Wolfgang Herrndorf, bei der Du nicht nur allein den Abend bestritten, sondern sogar Bühnenfassung und Regie zu verantworten hattest, mit dem Engagement, mit dem Du Deine schauspielerische Kompetenz in den Jugendklubeingebracht und Co-Regie bei „Gott aus Plastik“ geführt hast. (Zurecht hast Du vorhin dafür zusammen mit Deinen KollegInnen den Sonderpreis erhalten.) und mit Deiner Mitwirkung an der „Lesestunde“ hier im Hause und der „Langen Nacht der Christa Wolf“ in der Buchhandlung Wist.
Danke für Kim, für Teenage Girl 3 und Maemi, für Brooke, für Christa Wolf, Vera, Bettina Wegner, Katharina Thalbach, Maxi Gnauck, die Günderode und die Fischfrau, für Isa, für die zweite Dame, Monostatos und Papagena, für Lämmchen und für Viola!
Bei Dir wäre diese Aufzählung Deiner Rollen der beiden letzten Spielzeiten natürlich viel schneller gegangen – einen Orden fürs (auch noch verständliche!) Schnellsprechen müsstest Du schon allein für das atemberaubende Tempo kriegen, in dem Deine junge Christa Wolf in „Also träumen wir mit hellwacher Vernunft“ in der Kennenlern-Szene mit dem Paul Siesschen Gerhard Wolf spricht
Liebe Charlott, es war und ist eine Freude, Deine Entwicklung auf der Bühne mitverfolgen zu können. 2020 - mitten in der Corona-Zeit – hast Duals Absolventin der Rostocker Hochschule für Musik und TheaterDein Erstengagement an unserem Haus begonnen – und Dich dann sozusagen Rolle für Rollein die Herzen der Potsdamerinnen und Potsdamer gespielt.
Unvergessen bleibt Deine zarte, aber auch selbstbewusste Recha in der phantastischen „Nathans Kinder“-Inszenierung im berührenden Zusammenspiel mit Joachim Berger und Paul Wilms.
Ein echter Paukenschlag war Deine powervolle Lizin „Stolz und Vorurteil“, mit der Du bravorös auf Augenhöhe mit Deinen gestandenen Kolleginnen Franziska Melzer, Kristin Muthwill, Nadine Nollau und Laura Hänsel gespielt und gesungen hast, dass der Saal tobte.
Apropos Toben: Ob im „Blutbuch“, im „Nackten Wahnsinn“ oder in der „Zauberflöte“: Was für eine exzellente Körperarbeit – egal ob Du als Kim durch die Augen (bestimmt nicht nur meiner) LieblingsGroßmeerKulisse kletterst, zum x-ten Male als Brooke Deine Kontaktlinsen suchst, Dich als Monostatosaus Deinem überdimensionierten Kostüm kämpfst oder - als die in eine alte Frau verzauberte Papagena (Kompliment für die Arbeit der Maskenabteilung!) Deinen Papageno wieder triffst. (Jan Hallmann und Du sind da einfach spitze - verschmitzt und berührend zugleich.). Ja, wenn Du Dich so in eine Rolle „reinschmeißt“, da springt der „Funke“ über zum Publikum!
Dass Du das 2023er Sommertheater mit gebrochenem Ellenbogen und zu Jahresbeginn mit gebrochenem Finger gespielt hast, soll hier nicht ganz unerwähnt bleiben und durchaus gewürdigt werden - allerdings bitte bitte nicht als Vorbild!
Großartig ist auch, wie Dir immer wieder gelingt, Gender-Fluiditätauf der Bühne zu verkörpern - als Kim in „Blutbuch“ (wieder in kongenialem Zusammenspiel mit Paul Sies – ja, ihr beide wart schon so was wie ein schauspielerisches „Traumpaar“) oder im Shakespeare- Sommertheater als Rosalinde in „Wie es euch gefällt“ und – zurzeit zu erleben - als Viola in „Was ihr wollt“.
Tja, „Und singen kann se ooch noch!“ – und das wie! Hut ab vor Deinen hervorragenden Gesangsleistungen, mit denen Du zuverlässig in so vielen Inszenierungen (nicht zu vergessen auch bei „Sing ich dir“) das Publikum begeistert hast.
Stichwort Begeisterung: Wenn nach Sascha Hawemanns (ich nenne es) Geniestreich, dem zutiefst berührenden Christa Wolf-Stück „Also träumen wir mit hellwacher Vernunft“, der Vorhang fällt und ein wirklich ganz besonderer Begeisterungssturm losgeht (Ich oute mich hiermit gern als 16malige Bravo-Ruferin.), dann hast Du einen großen Anteildafür geleistet sowohl als Ensemblespielerinim Miteinander mit den drei anderen ebenso brillierenden Christas von Ulrike Beerbaum, Franziska Melzer und Janine Kress (und natürlich auch den exzellenten Gerds von Joachim Berger, Jan Hallmann, Guido Lambrecht und Paul Sies), als auch und besonders durch die von Dir so einprägsam zum Bühnenleben erwachten Figuren, mit denen Du zeigst, was für eine Verwandlungskünstlerin du bist – und das mit Speed beim Figurenwechsel: In Sekundenschnelle werden da aus Christa Wolf die Vera aus dem Geteilten Himmel oder die Christa T., aus der Günderode die Turnerin Maxi Gnauckoder aus der köstlichen Fischfrau die junge DDR-Oppositionelle. Und jede Rolle wird präzise gespielt… Berührend wie Du als Vera mit Guido Lambrecht als Pawel die „Moskauer Novelle“ zum (Bühnen)Leben erwachen lässt. Klasse, wie Du Bettina Wegners Gesangs-Ton und ihr schnoddriges Berlinern triffst. Und als Katharina Thalbach mischst Du nicht nur die „Sommerstück“-Gemeinde auf, Du glänzt auch als alte Frau mit Jan Hallmann in einem köstlichen „Spiel im Spiel“, vor allem aber lieferst Du – wieder mit Paul Sies, diesmal als Kleist – als Günderode ein wahres 1a-Kabinettstück – Chapeau!!
Liebe Charlott,
Du hast Dich entschlossen, nach sechs Spielzeiten am Hans Otto Theater neue, eigene Wege zu gehen, wirst aber zum Glück unserem Theater weiterhin verbunden bleiben. Wir freuen uns, Dich in der kommenden Spielzeit in den Wiederaufnahmen von „Also träumen wir mit hellwacher Vernunft“ und „Zauberflöte“ erleben zu können, vor allem aber auf Hakan Savas Micans „Solo Sunny“-Premiere im Januar 2027 – mit Dir in der Titelrolle!
Jetzt aber lass Dich erstmal kräftig feiern. Herzlichen Glückwunsch zum Potsdamer Theaterpreis 2026!
Wir ehren heute eine „Spielwütige“, die mit ihrer starken und vielseitigen Bühnenpräsenz zeigt, worauf es beim SchauSPIELen ankommt: aufs Spielen…Der Potsdamer Theaterpreis 2026 geht an Charlott Lehmann.
Liebe Charlott, Bravo für Deine starke Bühnenpräsenz, für Deine enorme Wandlungsfähigkeit, und für Deine ansteckende Spielfreude. Du bist ein wahres „Feuerwerk“ auf der Bühne! Chapeau mit welcher Power Du die jetzt zu Ende gehende Spielzeit gerockt hast mit einem enormen Rollen-Pensum und -Spektrum mit der kurzfristigen Übernahme des Lämmchen, durch die Du „Kleiner Mann was nun“ gerettet hast, mit Deiner eigenen Produktion in der Reithalle Box „Bilder deiner großen Liebe“ nach Wolfgang Herrndorf, bei der Du nicht nur allein den Abend bestritten, sondern sogar Bühnenfassung und Regie zu verantworten hattest, mit dem Engagement, mit dem Du Deine schauspielerische Kompetenz in den Jugendklubeingebracht und Co-Regie bei „Gott aus Plastik“ geführt hast. (Zurecht hast Du vorhin dafür zusammen mit Deinen KollegInnen den Sonderpreis erhalten.) und mit Deiner Mitwirkung an der „Lesestunde“ hier im Hause und der „Langen Nacht der Christa Wolf“ in der Buchhandlung Wist.
Danke für Kim, für Teenage Girl 3 und Maemi, für Brooke, für Christa Wolf, Vera, Bettina Wegner, Katharina Thalbach, Maxi Gnauck, die Günderode und die Fischfrau, für Isa, für die zweite Dame, Monostatos und Papagena, für Lämmchen und für Viola!
Bei Dir wäre diese Aufzählung Deiner Rollen der beiden letzten Spielzeiten natürlich viel schneller gegangen – einen Orden fürs (auch noch verständliche!) Schnellsprechen müsstest Du schon allein für das atemberaubende Tempo kriegen, in dem Deine junge Christa Wolf in „Also träumen wir mit hellwacher Vernunft“ in der Kennenlern-Szene mit dem Paul Siesschen Gerhard Wolf spricht
Liebe Charlott, es war und ist eine Freude, Deine Entwicklung auf der Bühne mitverfolgen zu können. 2020 - mitten in der Corona-Zeit – hast Duals Absolventin der Rostocker Hochschule für Musik und TheaterDein Erstengagement an unserem Haus begonnen – und Dich dann sozusagen Rolle für Rollein die Herzen der Potsdamerinnen und Potsdamer gespielt.
Unvergessen bleibt Deine zarte, aber auch selbstbewusste Recha in der phantastischen „Nathans Kinder“-Inszenierung im berührenden Zusammenspiel mit Joachim Berger und Paul Wilms.
Ein echter Paukenschlag war Deine powervolle Lizin „Stolz und Vorurteil“, mit der Du bravorös auf Augenhöhe mit Deinen gestandenen Kolleginnen Franziska Melzer, Kristin Muthwill, Nadine Nollau und Laura Hänsel gespielt und gesungen hast, dass der Saal tobte.
Apropos Toben: Ob im „Blutbuch“, im „Nackten Wahnsinn“ oder in der „Zauberflöte“: Was für eine exzellente Körperarbeit – egal ob Du als Kim durch die Augen (bestimmt nicht nur meiner) LieblingsGroßmeerKulisse kletterst, zum x-ten Male als Brooke Deine Kontaktlinsen suchst, Dich als Monostatosaus Deinem überdimensionierten Kostüm kämpfst oder - als die in eine alte Frau verzauberte Papagena (Kompliment für die Arbeit der Maskenabteilung!) Deinen Papageno wieder triffst. (Jan Hallmann und Du sind da einfach spitze - verschmitzt und berührend zugleich.). Ja, wenn Du Dich so in eine Rolle „reinschmeißt“, da springt der „Funke“ über zum Publikum!
Dass Du das 2023er Sommertheater mit gebrochenem Ellenbogen und zu Jahresbeginn mit gebrochenem Finger gespielt hast, soll hier nicht ganz unerwähnt bleiben und durchaus gewürdigt werden - allerdings bitte bitte nicht als Vorbild!
Großartig ist auch, wie Dir immer wieder gelingt, Gender-Fluiditätauf der Bühne zu verkörpern - als Kim in „Blutbuch“ (wieder in kongenialem Zusammenspiel mit Paul Sies – ja, ihr beide wart schon so was wie ein schauspielerisches „Traumpaar“) oder im Shakespeare- Sommertheater als Rosalinde in „Wie es euch gefällt“ und – zurzeit zu erleben - als Viola in „Was ihr wollt“.
Tja, „Und singen kann se ooch noch!“ – und das wie! Hut ab vor Deinen hervorragenden Gesangsleistungen, mit denen Du zuverlässig in so vielen Inszenierungen (nicht zu vergessen auch bei „Sing ich dir“) das Publikum begeistert hast.
Stichwort Begeisterung: Wenn nach Sascha Hawemanns (ich nenne es) Geniestreich, dem zutiefst berührenden Christa Wolf-Stück „Also träumen wir mit hellwacher Vernunft“, der Vorhang fällt und ein wirklich ganz besonderer Begeisterungssturm losgeht (Ich oute mich hiermit gern als 16malige Bravo-Ruferin.), dann hast Du einen großen Anteildafür geleistet sowohl als Ensemblespielerinim Miteinander mit den drei anderen ebenso brillierenden Christas von Ulrike Beerbaum, Franziska Melzer und Janine Kress (und natürlich auch den exzellenten Gerds von Joachim Berger, Jan Hallmann, Guido Lambrecht und Paul Sies), als auch und besonders durch die von Dir so einprägsam zum Bühnenleben erwachten Figuren, mit denen Du zeigst, was für eine Verwandlungskünstlerin du bist – und das mit Speed beim Figurenwechsel: In Sekundenschnelle werden da aus Christa Wolf die Vera aus dem Geteilten Himmel oder die Christa T., aus der Günderode die Turnerin Maxi Gnauckoder aus der köstlichen Fischfrau die junge DDR-Oppositionelle. Und jede Rolle wird präzise gespielt… Berührend wie Du als Vera mit Guido Lambrecht als Pawel die „Moskauer Novelle“ zum (Bühnen)Leben erwachen lässt. Klasse, wie Du Bettina Wegners Gesangs-Ton und ihr schnoddriges Berlinern triffst. Und als Katharina Thalbach mischst Du nicht nur die „Sommerstück“-Gemeinde auf, Du glänzt auch als alte Frau mit Jan Hallmann in einem köstlichen „Spiel im Spiel“, vor allem aber lieferst Du – wieder mit Paul Sies, diesmal als Kleist – als Günderode ein wahres 1a-Kabinettstück – Chapeau!!
Liebe Charlott,
Du hast Dich entschlossen, nach sechs Spielzeiten am Hans Otto Theater neue, eigene Wege zu gehen, wirst aber zum Glück unserem Theater weiterhin verbunden bleiben. Wir freuen uns, Dich in der kommenden Spielzeit in den Wiederaufnahmen von „Also träumen wir mit hellwacher Vernunft“ und „Zauberflöte“ erleben zu können, vor allem aber auf Hakan Savas Micans „Solo Sunny“-Premiere im Januar 2027 – mit Dir in der Titelrolle!
Jetzt aber lass Dich erstmal kräftig feiern. Herzlichen Glückwunsch zum Potsdamer Theaterpreis 2026!
LAUDATIO AUF HANNES SCHUMACHER
Laudatio auf Hannes Schumacher
von Lars Grote
Liebe Theaterrunde,
eigentlich bin ich als Entscheider und Verkünder falsch an diesem Pult, aufgehoben fühle ich mich in der sechsten Reihe des Theaters, wo mir gute Plätze als Kritiker gegeben werden. Im Theater sitze ich zunächst als Träumer, der erst aufwacht, wenn er über das Stück am nächsten Morgen schreiben soll.
Als Kind fand ich das Theater immer schon echter als Hollywood, die Fallhöhe ist größer im Theater. Das bestätigt sich mir grade, wenn ich hinabsehe in den Saal fürs Publikum. In Hollywood dreht man die Szene neu, wenn es nicht lief, im Theater aber muss es sitzen, im ersten Anlauf. Die Freude der frühen Jahre, ins Theater zu dürfen, hat sich bei mir erhalten. Ich bin ziemlich aufgeregt, dass ich hier heute reden darf.
Als Kind fand ich das SPIELEN auf der Bühne toll, ich habe gesehen: Nicht nur im Kinderzimmer darf man spielen, auch im Erwachsenenalter geht es weiter. Darum bin ich froh, dass die Jury sich entschieden hat, heute einen Akteur auszuzeichnen, der das Spielen in allen Facetten beherrscht: ein echter SchauSPIELER. Herzlichen Glückwunsch an Hannes Schumacher!
Hannes Schumacher nimmt erkennbar ernst, was er auf der Bühne tut, und vergisst doch nie die Leichtigkeit, die Anspielung, den doppelten Boden. Er spielt nicht nur gedanklich, er spielt auch körperlich.
Eigentlich spielt er auf zwei Bühnen, habe ich mir sagen lassen. Die Arbeit auf der Bühne ist offensichtlich, doch er ist auch auf Instagram ein „Player“. Hier bin ich nicht zu Hause, doch von Leuten, die sich dort umschauen, habe ich gehört, dass er dort den klugen Witz noch weitertreibt.
Witz? Er kann auch die Vernunft verkörpern, die Unbestechlichkeit, zum Beispiel als Gerichtsrat Walter in Kleists „Der zerbrochne Krug“. Eine staatstragende Rolle. Generell ziehe ich den Hut vor allen, die Kleists schwierige Sprache unfallfrei auf die Bühne heben. Hannes Schumacher gelingt das. Überhaupt ist das Hans-Otto-Theater hier furchtlos, auch den „Kohlhaas“ hat es schon gespielt, ein Text, garniert mit Zungenbrechern und mit Endlos-Sätzen.
Hannes Schumacher kann aber auch den Aufrührer und Revolutionär geben. In Orwells „Farm der Tiere“ war er Boule de Neige, das Hauptschwein. Eine der Hauptrollen. Ein Umstürzler, der an Leo Trotzki erinnert. Ein Kostümstück, das in seinem surrealen Anstrich für mich unvergessen bleibt. Und überhaupt: Für mich hat Boule de Neige vom Klang her ja schon etwas Preisverdächtiges.
Als Schauspieler ist Hannes Schumacher kein Beamter, er ist flexibel, in „Lazarus“ sprang er einmal ein für Arne Lenk. Das lief wunderbar, er hat gesagt, es war die Party seines Lebens. Das hätte Bowie, aus dessen Liedern sich das Drama speist, bestimmt gefreut. Auch Bowie war einer, der die Rollen wechselt. Der zugreift, bevor die Chance vergeht.
Auch in „Sing ich dir“ hat Hannes Schumacher zugegriffen. Er hat gesungen, immer riskant, positiv, meist toll verkleidet. Das hätte ich schon als Kind geliebt. Und ich liebe es immer noch. Herzlichen Glückwunsch, Hannes Schumacher!
eigentlich bin ich als Entscheider und Verkünder falsch an diesem Pult, aufgehoben fühle ich mich in der sechsten Reihe des Theaters, wo mir gute Plätze als Kritiker gegeben werden. Im Theater sitze ich zunächst als Träumer, der erst aufwacht, wenn er über das Stück am nächsten Morgen schreiben soll.
Als Kind fand ich das Theater immer schon echter als Hollywood, die Fallhöhe ist größer im Theater. Das bestätigt sich mir grade, wenn ich hinabsehe in den Saal fürs Publikum. In Hollywood dreht man die Szene neu, wenn es nicht lief, im Theater aber muss es sitzen, im ersten Anlauf. Die Freude der frühen Jahre, ins Theater zu dürfen, hat sich bei mir erhalten. Ich bin ziemlich aufgeregt, dass ich hier heute reden darf.
Als Kind fand ich das SPIELEN auf der Bühne toll, ich habe gesehen: Nicht nur im Kinderzimmer darf man spielen, auch im Erwachsenenalter geht es weiter. Darum bin ich froh, dass die Jury sich entschieden hat, heute einen Akteur auszuzeichnen, der das Spielen in allen Facetten beherrscht: ein echter SchauSPIELER. Herzlichen Glückwunsch an Hannes Schumacher!
Hannes Schumacher nimmt erkennbar ernst, was er auf der Bühne tut, und vergisst doch nie die Leichtigkeit, die Anspielung, den doppelten Boden. Er spielt nicht nur gedanklich, er spielt auch körperlich.
Eigentlich spielt er auf zwei Bühnen, habe ich mir sagen lassen. Die Arbeit auf der Bühne ist offensichtlich, doch er ist auch auf Instagram ein „Player“. Hier bin ich nicht zu Hause, doch von Leuten, die sich dort umschauen, habe ich gehört, dass er dort den klugen Witz noch weitertreibt.
Witz? Er kann auch die Vernunft verkörpern, die Unbestechlichkeit, zum Beispiel als Gerichtsrat Walter in Kleists „Der zerbrochne Krug“. Eine staatstragende Rolle. Generell ziehe ich den Hut vor allen, die Kleists schwierige Sprache unfallfrei auf die Bühne heben. Hannes Schumacher gelingt das. Überhaupt ist das Hans-Otto-Theater hier furchtlos, auch den „Kohlhaas“ hat es schon gespielt, ein Text, garniert mit Zungenbrechern und mit Endlos-Sätzen.
Hannes Schumacher kann aber auch den Aufrührer und Revolutionär geben. In Orwells „Farm der Tiere“ war er Boule de Neige, das Hauptschwein. Eine der Hauptrollen. Ein Umstürzler, der an Leo Trotzki erinnert. Ein Kostümstück, das in seinem surrealen Anstrich für mich unvergessen bleibt. Und überhaupt: Für mich hat Boule de Neige vom Klang her ja schon etwas Preisverdächtiges.
Als Schauspieler ist Hannes Schumacher kein Beamter, er ist flexibel, in „Lazarus“ sprang er einmal ein für Arne Lenk. Das lief wunderbar, er hat gesagt, es war die Party seines Lebens. Das hätte Bowie, aus dessen Liedern sich das Drama speist, bestimmt gefreut. Auch Bowie war einer, der die Rollen wechselt. Der zugreift, bevor die Chance vergeht.
Auch in „Sing ich dir“ hat Hannes Schumacher zugegriffen. Er hat gesungen, immer riskant, positiv, meist toll verkleidet. Das hätte ich schon als Kind geliebt. Und ich liebe es immer noch. Herzlichen Glückwunsch, Hannes Schumacher!
LAUDATIO AUF "ALSO TRÄUMEN WIR MIT HELLWACHER VERNUNFT"
Laudatio auf "Also träumen wir mit hellwacher Vernunft"
von Katrin Jakob (LBS)
Liebe Frau Ministerin Manja Schüle, liebe Frau Dietrich-Kröck, liebe Theaterschaffende, lieber Förderverein, liebes Publikum,
manchmal genügt ein besonderer Anlass und plötzlich ist eine Erinnerung wieder da.
So ging es mir, als ich erfahren habe, dass ich heute den Publikumspreis überreichen darf. Ich musste sofort an einen Abend Anfang der 90er Jahre denken.
Ich bin – das vielleicht vorab kurz zur Erklärung – in Potsdam geboren und aufgewachsen. Ich habe die Geschichte dieser Stadt, insbesondere die Theatergeschichte, miterlebt. Deshalb kenne ich nicht nur das Theater in der Zimmerstraße, sondern natürlich auch die alte Blechbüchse.
Dort hatte ich Anfang der 90er Jahre das Glück, einer Lesung einer Schriftstellerin beizuwohnen, die zu den prägenden Stimmen der DDR-Literatur gehörte, die Debatten der Nachwendezeit mitbestimmt hat und deren Werk bis heute nachwirkt.
Wie viele andere habe ich Christa Wolf zunächst über ihre Bücher „Kindheitsmuster“, „Nachdenken über Christa T.“ oder „Kassandra“ kennengelernt. Mich hat damals fasziniert, wie sie ihre Frauenfiguren gezeichnet hat: stark, klug und zugleich voller Widersprüche.
Vielleicht ist sie mir deshalb bis heute so eindrücklich in Erinnerung geblieben, denn bei jener Lesung begegnete ich einer Christa Wolf, die ernst war, klar in ihrer Haltung, aber auch nicht frei von Zweifeln an den eigenen Antworten.
Wenn ich also heute auf den Titel des Stücks schaue, das ausgezeichnet wird, dann finde ich darin vieles wieder, was auch Christa Wolf ausgezeichnet hat: die Fähigkeit, sich eine Vorstellung von Zukunft zu bewahren, ohne die Wirklichkeit aus dem Blick zu verlieren.
Ich freue mich aber auch, heute hier als Vertreterin der LBS NordOst diesen Publikumspreis überreichen zu dürfen.
Unser Thema ist das Zuhause von Menschen. Und Zuhause entsteht ja nicht nur dort, wo wir wohnen. Ein Zuhause entsteht auch an Orten, die Menschen zusammenbringen, Erinnerungen schaffen und das Leben einer Stadt prägen.
Das Hans-Otto-Theater ist für viele Menschen ein solcher Ort. Deshalb unterstützen wir diesen Publikumspreis sehr gern.
Ein Publikumspreis ist aber auch etwas Besonderes. Hier entscheidet keine Jury, sondern hier entscheiden die Menschen, die diesen Abend erlebt haben. In einer Publikumsstimme habe ich gelesen, dass diese Inszenierung eigentlich auf die Bühne des Berliner Theatertreffens gehört. Das fand ich toll.
Nicht wegen des Theatertreffens, sondern weil darin die ganze Begeisterung für diesen Abend zu spüren war. Und vielleicht auch ein bisschen Stolz, dass eine solche Inszenierung hier in Potsdam entstanden ist. Beim Lesen der Kritiken und der Stimmen aus dem Publikum habe ich mich gefragt: Worin liegt eigentlich die besondere Kraft dieser Inszenierung?
Und, lieber Sascha Hawemann, ich glaube, es ist Ihnen gelungen, ein Stück auf die Bühne zu bringen, das Christa Wolf weder erklärt noch bewertet, sondern sie einfach sein lässt. Und damit folgen Sie zugleich einem Gedanken, der ihr selbst wichtig war und den Sie zum Leitgedanken Ihrer Inszenierung gemacht haben: der subjektiven Authentizität.
Ihrem Ensemble ist es gelungen, genau das auf die Bühne zu bringen: die Suche nach Wahrhaftigkeit in einer widersprüchlichen Welt und den Mut, die eigenen Widersprüche auszuhalten.
Die Stärke dieses Stückes liegt mutmaßlich darin, dass es eben nicht nur von Christa Wolf erzählt, sondern auch von Hoffnungen und Enttäuschungen, von Gewissheiten und Zweifeln und tatsächlich vom real existierenden Leben eines ganzen halben Landes. Jedenfalls erzählt dieses Stück von Erfahrungen, die viele Menschen, insbesondere in dieser Stadt, wiedererkennen. Und genau das hat vermutlich so viele Zuschauerinnen und Zuschauer berührt.
Ein Stück, das von Christa Wolf erzählt, von einem ganzen halben Land und damit zugleich von uns allen.
Mein herzlicher Glückwunsch gilt dem Ensemble und allen Mitwirkenden zu diesem verdienten Publikumspreis für „Also träumen wir mit hellwacher Vernunft“.
manchmal genügt ein besonderer Anlass und plötzlich ist eine Erinnerung wieder da.
So ging es mir, als ich erfahren habe, dass ich heute den Publikumspreis überreichen darf. Ich musste sofort an einen Abend Anfang der 90er Jahre denken.
Ich bin – das vielleicht vorab kurz zur Erklärung – in Potsdam geboren und aufgewachsen. Ich habe die Geschichte dieser Stadt, insbesondere die Theatergeschichte, miterlebt. Deshalb kenne ich nicht nur das Theater in der Zimmerstraße, sondern natürlich auch die alte Blechbüchse.
Dort hatte ich Anfang der 90er Jahre das Glück, einer Lesung einer Schriftstellerin beizuwohnen, die zu den prägenden Stimmen der DDR-Literatur gehörte, die Debatten der Nachwendezeit mitbestimmt hat und deren Werk bis heute nachwirkt.
Wie viele andere habe ich Christa Wolf zunächst über ihre Bücher „Kindheitsmuster“, „Nachdenken über Christa T.“ oder „Kassandra“ kennengelernt. Mich hat damals fasziniert, wie sie ihre Frauenfiguren gezeichnet hat: stark, klug und zugleich voller Widersprüche.
Vielleicht ist sie mir deshalb bis heute so eindrücklich in Erinnerung geblieben, denn bei jener Lesung begegnete ich einer Christa Wolf, die ernst war, klar in ihrer Haltung, aber auch nicht frei von Zweifeln an den eigenen Antworten.
Wenn ich also heute auf den Titel des Stücks schaue, das ausgezeichnet wird, dann finde ich darin vieles wieder, was auch Christa Wolf ausgezeichnet hat: die Fähigkeit, sich eine Vorstellung von Zukunft zu bewahren, ohne die Wirklichkeit aus dem Blick zu verlieren.
Ich freue mich aber auch, heute hier als Vertreterin der LBS NordOst diesen Publikumspreis überreichen zu dürfen.
Unser Thema ist das Zuhause von Menschen. Und Zuhause entsteht ja nicht nur dort, wo wir wohnen. Ein Zuhause entsteht auch an Orten, die Menschen zusammenbringen, Erinnerungen schaffen und das Leben einer Stadt prägen.
Das Hans-Otto-Theater ist für viele Menschen ein solcher Ort. Deshalb unterstützen wir diesen Publikumspreis sehr gern.
Ein Publikumspreis ist aber auch etwas Besonderes. Hier entscheidet keine Jury, sondern hier entscheiden die Menschen, die diesen Abend erlebt haben. In einer Publikumsstimme habe ich gelesen, dass diese Inszenierung eigentlich auf die Bühne des Berliner Theatertreffens gehört. Das fand ich toll.
Nicht wegen des Theatertreffens, sondern weil darin die ganze Begeisterung für diesen Abend zu spüren war. Und vielleicht auch ein bisschen Stolz, dass eine solche Inszenierung hier in Potsdam entstanden ist. Beim Lesen der Kritiken und der Stimmen aus dem Publikum habe ich mich gefragt: Worin liegt eigentlich die besondere Kraft dieser Inszenierung?
Und, lieber Sascha Hawemann, ich glaube, es ist Ihnen gelungen, ein Stück auf die Bühne zu bringen, das Christa Wolf weder erklärt noch bewertet, sondern sie einfach sein lässt. Und damit folgen Sie zugleich einem Gedanken, der ihr selbst wichtig war und den Sie zum Leitgedanken Ihrer Inszenierung gemacht haben: der subjektiven Authentizität.
Ihrem Ensemble ist es gelungen, genau das auf die Bühne zu bringen: die Suche nach Wahrhaftigkeit in einer widersprüchlichen Welt und den Mut, die eigenen Widersprüche auszuhalten.
Die Stärke dieses Stückes liegt mutmaßlich darin, dass es eben nicht nur von Christa Wolf erzählt, sondern auch von Hoffnungen und Enttäuschungen, von Gewissheiten und Zweifeln und tatsächlich vom real existierenden Leben eines ganzen halben Landes. Jedenfalls erzählt dieses Stück von Erfahrungen, die viele Menschen, insbesondere in dieser Stadt, wiedererkennen. Und genau das hat vermutlich so viele Zuschauerinnen und Zuschauer berührt.
Ein Stück, das von Christa Wolf erzählt, von einem ganzen halben Land und damit zugleich von uns allen.
Mein herzlicher Glückwunsch gilt dem Ensemble und allen Mitwirkenden zu diesem verdienten Publikumspreis für „Also träumen wir mit hellwacher Vernunft“.
LAUDATIO AUF DEN JUGENDCLUB
Laudatio auf den Jugendclub
von Katja Dietrich-Kröck und Bettina Jantzen
Es gibt Theaterarbeiten, die beginnen nicht mit einem fertigen Text, einem klaren Konzept oder einer Regieidee. Sie beginnen mit Fragen. Mit Gesprächen. Mit Unsicherheiten. Mit der Bereitschaft, sich zu öffnen und gemeinsam herauszufinden, was überhaupt erzählt werden soll.
Am Anfang stehen manchmal zunächst nur ein Raum und eine Gruppe junger Menschen, die eingeladen sind, ihre eigenen Themen mitzubringen – ihre Fragen, ihre Widersprüche, ihre Perspektiven. Die sich auf eine gemeinsame Suche begeben.
Was sich daraus entwickelt, ist selten planbar. Und genau das kann etwas Besonderes hervorbringen.
Ein eben solches, besonderes Projekt ist in den letzten zwei Spielzeiten im Jugendklub der Bürgerbühne gewachsen. Begleitet wurde dieser Prozess von Charlott Lehmann, Anna Hercher und Emma Charlott Ulrich – die neben ihren eigentlichen Aufgaben als Ensemblemitglied, Regieassistentin und Dramaturgin diesen künstlerischen Raum getragen, geöffnet und immer wieder neu befragt haben.
Los ging es in der Spielzeit 2024/25 mit 18 Jugendlichen. Die Gruppe arbeitete zu Fragen wie: Glaube. Vergänglichkeit. Hoffnung. Nachhaltigkeit. Also: die ganz kleinen Themen des Lebens 😉.
Aus diesem Material entstand die Werkstattpräsentation *Alien*, die im Juli 2025 in der Reithalle Box zu sehen war. Bereits hier zeigte sich ein entscheidendes Prinzip: Hier wird nichts von oben verordnet. Das Material kommt von den Jugendlichen selbst, die Schwerpunktsetzungen liegen bei ihnen, die Themen sind nicht gesetzt, sondern werden gefunden.
In der kommenden Spielzeit begann die nächste Phase – und die Gruppe wuchs. Jetzt waren es 25 Jugendliche im Alter von 11 bis 22 Jahren. Wer mit kreativen Gruppen arbeitet, weiß, was das bedeutet: Das ist nicht einfach eine größere Zahl.
Das ist eine enorme künstlerische und soziale Aufgabe. Und zugleich eine große Chance.
Im Zentrum stand nun die Entwicklung der Eigenproduktion *Gott* aus Plastik*, die im April 2026 Premiere feierte.
Die Jugendlichen beschäftigten sich mit Konsum, Ritualen, Glauben und Vergänglichkeit – und mit einer sehr direkten Frage: Wie kann ich mich zeigen? Wie erzähle ich von mir, gemeinsam mit anderen, auf einer Bühne?
Die Antworten kamen nicht als fertige Thesen, sondern als Theater – und was für eins.
Eigene Texte, Musik, Tanz und Songs verbanden sich zu einer offenen, lebendigen Form. Da war Wut. Da war Witz. Da war Traurigkeit. Da war Kraft. Das Ensemble war unglaublich präsent – körperlich, sprachlich, stimmlich. Mit großer Spiellust, bemerkenswerter Präzision und einem Teamgefühl, das im Raum fast greifbar war.
Hier zeigte sich auch die besondere Qualität der Leitung.
Charlott Lehmann, Anna Michel Hercher und Emma Charlott Ulrich haben diese Arbeit nicht dominiert – sie haben sie ermöglicht. Sie waren da, strukturierten, begleiteten, verdichteten. Immer ohne sich in den Vordergrund zu stellen und so, dass die Stimmen der Jugendlichen im Zentrum blieben.
Bemerkenswert ist außerdem, wie sehr dieses Projekt auch hinter der Bühne gemeinschaftlich gedacht wurde. Jugendliche wirkten bei Kostümen, Textarbeit und Choreografie mit. In Zusammenarbeit mit Nele Luisa Hübner entstanden die Kostüme, und Hannes Grätz schuf ein visuell überwältigendes Bühnenbild.
Was bleibt, ist mehr als die Erinnerung an einen starken Theaterabend.
Es bleibt die Erinnerung an einen außergewöhnlichen künstlerischen Prozess. An 25 junge Menschen, die etwas zu sagen hatten – und gehört wurden. Die mit ihren Fragen, ihrer Energie und ihren Widersprüchen sichtbar geworden sind. Und an ein Leitungsteam, das Räume geschaffen hat, in denen echte Teilhabe möglich wurde.
Es bleibt die Erfahrung von Theater, das genau das tut, was gutes Theater kann: Gegenwart verhandeln, Fragen stellen und Menschen sichtbar machen.
Und genau dafür wird heute diese Arbeit mit dem Sonderpreis des Förderkreises und der LBS ausgezeichnet. Er ist dotiert mit 400 Euro.
Herzlichen Glückwunsch an den Jugendclub der Bürgerbühne für *Gott* aus Plastik*.
Am Anfang stehen manchmal zunächst nur ein Raum und eine Gruppe junger Menschen, die eingeladen sind, ihre eigenen Themen mitzubringen – ihre Fragen, ihre Widersprüche, ihre Perspektiven. Die sich auf eine gemeinsame Suche begeben.
Was sich daraus entwickelt, ist selten planbar. Und genau das kann etwas Besonderes hervorbringen.
Ein eben solches, besonderes Projekt ist in den letzten zwei Spielzeiten im Jugendklub der Bürgerbühne gewachsen. Begleitet wurde dieser Prozess von Charlott Lehmann, Anna Hercher und Emma Charlott Ulrich – die neben ihren eigentlichen Aufgaben als Ensemblemitglied, Regieassistentin und Dramaturgin diesen künstlerischen Raum getragen, geöffnet und immer wieder neu befragt haben.
Los ging es in der Spielzeit 2024/25 mit 18 Jugendlichen. Die Gruppe arbeitete zu Fragen wie: Glaube. Vergänglichkeit. Hoffnung. Nachhaltigkeit. Also: die ganz kleinen Themen des Lebens 😉.
Aus diesem Material entstand die Werkstattpräsentation *Alien*, die im Juli 2025 in der Reithalle Box zu sehen war. Bereits hier zeigte sich ein entscheidendes Prinzip: Hier wird nichts von oben verordnet. Das Material kommt von den Jugendlichen selbst, die Schwerpunktsetzungen liegen bei ihnen, die Themen sind nicht gesetzt, sondern werden gefunden.
In der kommenden Spielzeit begann die nächste Phase – und die Gruppe wuchs. Jetzt waren es 25 Jugendliche im Alter von 11 bis 22 Jahren. Wer mit kreativen Gruppen arbeitet, weiß, was das bedeutet: Das ist nicht einfach eine größere Zahl.
Das ist eine enorme künstlerische und soziale Aufgabe. Und zugleich eine große Chance.
Im Zentrum stand nun die Entwicklung der Eigenproduktion *Gott* aus Plastik*, die im April 2026 Premiere feierte.
Die Jugendlichen beschäftigten sich mit Konsum, Ritualen, Glauben und Vergänglichkeit – und mit einer sehr direkten Frage: Wie kann ich mich zeigen? Wie erzähle ich von mir, gemeinsam mit anderen, auf einer Bühne?
Die Antworten kamen nicht als fertige Thesen, sondern als Theater – und was für eins.
Eigene Texte, Musik, Tanz und Songs verbanden sich zu einer offenen, lebendigen Form. Da war Wut. Da war Witz. Da war Traurigkeit. Da war Kraft. Das Ensemble war unglaublich präsent – körperlich, sprachlich, stimmlich. Mit großer Spiellust, bemerkenswerter Präzision und einem Teamgefühl, das im Raum fast greifbar war.
Hier zeigte sich auch die besondere Qualität der Leitung.
Charlott Lehmann, Anna Michel Hercher und Emma Charlott Ulrich haben diese Arbeit nicht dominiert – sie haben sie ermöglicht. Sie waren da, strukturierten, begleiteten, verdichteten. Immer ohne sich in den Vordergrund zu stellen und so, dass die Stimmen der Jugendlichen im Zentrum blieben.
Bemerkenswert ist außerdem, wie sehr dieses Projekt auch hinter der Bühne gemeinschaftlich gedacht wurde. Jugendliche wirkten bei Kostümen, Textarbeit und Choreografie mit. In Zusammenarbeit mit Nele Luisa Hübner entstanden die Kostüme, und Hannes Grätz schuf ein visuell überwältigendes Bühnenbild.
Was bleibt, ist mehr als die Erinnerung an einen starken Theaterabend.
Es bleibt die Erinnerung an einen außergewöhnlichen künstlerischen Prozess. An 25 junge Menschen, die etwas zu sagen hatten – und gehört wurden. Die mit ihren Fragen, ihrer Energie und ihren Widersprüchen sichtbar geworden sind. Und an ein Leitungsteam, das Räume geschaffen hat, in denen echte Teilhabe möglich wurde.
Es bleibt die Erfahrung von Theater, das genau das tut, was gutes Theater kann: Gegenwart verhandeln, Fragen stellen und Menschen sichtbar machen.
Und genau dafür wird heute diese Arbeit mit dem Sonderpreis des Förderkreises und der LBS ausgezeichnet. Er ist dotiert mit 400 Euro.
Herzlichen Glückwunsch an den Jugendclub der Bürgerbühne für *Gott* aus Plastik*.
PREISREDE VON ANTJE RÁVIK STRUBEL
Die Fiktion gehört uns!
von Antje Rávik Strubel
„Was macht ein Theaterstück zu einem Klassiker, Therese?“ Das fragt Carol, die Hauptfigur, im gleichnamigen Roman von Patricia Highsmith ihre junge Geliebte, die Bühnenbildnerin werden will.
Lassen Sie uns die Antwort hinauszögern. Ich vermute, Sie gehen in Gedanken sofort die letzten Inszenierungen durch, die Sie gesehen haben: Waren Klassiker darunter? Meine erste Reaktion auf Carols Frage war nahezu klassisch: Ein Klassiker ist zunächst mal alt. Kunst wird erst im Laufe der Zeit zum Klassiker oder eben nicht. Das gilt für die Musik, für die Literatur und eben auch fürs Theater. Alle Kunst war einmal zeitgenössisch, heißt es. Sie muss von der Allgemeinheit anerkannt worden sein, um zum Klassiker zu werden, zu einem der evergreens, die sich in jeder Spielzeit auf den Bühnen wiederfinden von Shakespeare bis Schiller, von Büchner bis Beckett, von Strindberg bis Schnitzler, alle lange tot. Klassiker besitzen die beruhigende Patina des Überlieferten, da mögen die einzelnen Inszenierungen noch so nah am Puls der Zeit sein; wir lieben es, uns ins Wiedererkennbare zu kuscheln und bildungsweise aufzuwerten, indem wir mit dem, was wir erkennen, prahlen! Nun werden Sie mit Recht einwenden, dass ich hier allein auf Bedingungen der Rezeption anspiele. Sollten wir nicht fragen, was die Qualität dieser evergreens ausmacht? Aber wie sollen wir mit Sicherheit wissen, dass das, worin ihre Qualität besteht, nicht auch jenen Stücken zu eigen war, die nicht mehr aufgeführt werden oder vielleicht gar nicht erst zur Aufführung gelangt sind? All dem Verkannten, Verbrannten, Verworfenen, dem Aussortierten, Unerwünschten? Was der Allgemeinheit in dieser oder jener Zeit nicht in den Kram passte?
Was uns in den Kram passt, bezeichnen wir gewöhnlich als Normalität. Ist doch völlig normal! heisst es oft mit Emphase, wobei gern vergessen wird, dass Normalität nicht mehr und nicht weniger als das gesellschaftlich Gewünschte ist, also das, worauf sich Menschen für ihr Zusammenleben einigen.
Diese Einigung findet auch auf dem Theater statt. Seit der griechischen Antike dient das Theater der Gemeinschaftsbildung, ist es Bühne der Auseinandersetzung zwischen Individuum und Gesellschaft. Auf dem Theater werden die großen Menschheitsfragen verhandelt: Wie wollen wir leben? Wer wollen wir sein? Und: Sind wir überhaupt – und wenn ja, sind wir nicht auch ein bisschen bizarr?
Theater kann die Normalität ja auch herausfordern, die womöglich nur deshalb normal ist, weil sie da ist, und nicht weil sie gut ist. Aus dem heute Radikalen wird das künftige Normale, das hat das Theater immer wieder vorgeführt als einen sich ständig erneuernden Prozess, der den Rahmen dessen, was als normal gilt, andauernd verschiebt.
Was gilt nun laut Highsmith als Klassiker? Ihre Figur antwortet so: Ein Klassiker ist etwas mit einer grundlegenden menschlichen Situation. A basic human situation. Geburt. Familie. Krankheit. Tod. Damit sind eine Reihe von Gefühlen verbunden, die sich zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten unterschiedlich äußern mögen. Doch das im jeweiligen Gefühl verborgene Wahrheitsmoment ist wiedererkennbar: Liebe, Eifersucht, Trauer, Gier, Angst. Diese Wahrheit finden wir auch dann in uns wieder, wenn wir uns nicht mit Figur und Geschichte identifizieren, die ja zeit- und ortsgebunden sind und uns womöglich gänzlich fremd.
An dieser Stelle meiner Überlegungen machte ich mich auf den Weg ins Theater. Bei schönstem Frühlingswetter spazierte ich durch lebendige Straßen, der Flieder ließ seine duftenden Trauben über die Mauern hängen, die Büsche trugen ihr frischestes Grün, am Himmel zogen die Wölkchen nur so dahin, und weil es einen See gab, der dem Himmel ein Spiegelbild war, schien ich gleichermaßen zu fliegen und zu schwimmen, womit ich beiläufig Heinrich von Kleist, einen weiteren Klassiker, widerlegte, der seiner in Männerkleidung reisenden Halbschwester noch geraten hatte: „Amphibion, du, schwanke nicht länger und wähle dir endlich ein sicheres Geschlecht. Schwimmen und fliegen geht nicht zugleich, drum verlasse das Wasser«* Der See spiegelte wieder, was immer sich für Figuren aus den Wolken ergaben, und schon sah ich jede einzelne von ihnen auf der Bühne: da eilte eine fünfzigjährige Lulu durch Paris, da fragte sich eine Schwarze Hamlet, ob sie sein oder nicht sein solle, während Odoardo die Tugend seines queeren Kindes Emilia bewahrte und nicht das Kind, sondern den Prinzen erstach. Und ganz vorn am Bühnenrand trat mir eine Penthesilea entgegen, wie sie sich noch nie hatte zeigen dürfen, in ihrer wahren Gestalt, ihrer weiblichen Männlichkeit: als biologische Frau, doch mit Löwen- und Schlangenhaut und ihrer einen Brust nicht genug Frau, noch ausreichend Mann, sondern in einem Körper, der für beide Geschlechter offen war, wie ihn bisher noch keine Regie in Szene gesetzt hat und der Achill den Atem raubt: „Was er im Weltkreis noch, solang er lebt, mit seinem blauen Auge nicht gesehn, das kann er in Gedanken auch nicht fassen.“ Was für ein phantastisches Schauspiel mir See und Wolken da präsentierten! Ein Theater sah ich, auf dem der Mensch nicht nur entweder Mann oder Frau sein durfte, schwarz oder weiß, jung oder alt, sondern beides zugleich - aber auch nichts dergleichen.
Ein Theater sah ich, in dem nicht 70 Prozent aller klassischen Rollen von Männern gespielte Männerrollen waren, ich sah fünfzig-, sechzig- siebzigjährige Schauspielerinnen in großer Vielfalt eine Kraft ausspielen, die nicht eingehegt und bestraft wurde, ein Theater, in dem die gespielte Rolle unabhängig war vom wirklichen Leib und vom Leib des Wirklichen, ja, wo die Wirklichkeit nicht ihre scharfen Krallen auszufahren und uns erneut ihre Bedingungen aufzuzwingen vermochte.
Doch da: ein Zwischenruf! Ich fiel aus allen Wolken. Da rief jemand, dass das doch keine Luftschlösser mehr seien! Dass beim diesjährigen Berliner Theatertreffen doch erst eine Schauspielerin für ihre Darstellung des Feldmarschall Illo im Wallenstein einen Preis bekommen hatte! Und hatten wir am HOT mit Liv Strömquists „Im Spiegelsaal“ und mit „Und also trämen wir mit hellwacher Vernunft“ nicht erfreulich erfrischende Tableaus von Weiblichkeiten? Und sind am HOT nicht Intendanz und Chefdramaturgie weiblich besetzt, zumal von zwei Ostdeutschen, was ja ein absolutes Alleinstellungsmerkmal in der deutschen Theaterlandschaft sei und sich, wie die vielen ausverkauften Vorstellungen zeigen, durchaus als Vorteil erweise?
In der Tat. Doch warum, rufe ich zurück, ist das 2026 überhaupt noch erwähnenswert?
Die Frage, die Highsmith ihre Hauptfigur stellen lässt, bekommt einen gewissen Hintersinn, wenn man weiß, dass Highsmith das Wort „normal“ für eines der beiden lächerlichsten Adjektive der englischen Sprache hielt. „Durchschnittlich“ war das andere. „Average“ und „normal“ sind Adjektive, hinter denen sie Horror und Schrecken wittert – Denn dieses „Normale“ bringt Bedingungen mit sich, die es den einen erlaubt, an einer grundlegenden menschlichen Situation teilzuhaben, und anderen nicht. Wird die Liebe oder die Familie jener, die in der ausgehandelten Normalität verkehrt sind oder unsichtbar, als menschliche Situation überhaupt anerkannt? Da verhält es sich auf der Bühne nicht anders als im Zuschauerraum, weshalb das Theater nicht selten bloßes Abbild des gesellschaftlich Gewünschten ist. Anders lässt sich kaum erklären, dass die Rollen der Schauspieler*innen den unseren im Publikum oft ähneln.
Hier wie da geben Floskeln, Redensarten, eingeübte Sprechmuster diese Rollen vor. Als Mutter, Tochter, Ehemann, König, Vater und Liebhaber, als junge Naive, Schlampe oder sugar daddy beschränken wir uns auf das, was die Welt ist, indem wir die immer gleiche Rollenprosa wiederholen. „One is just supposed to conform“; sagt Carol an anderer Stelle, man müsse sich eben anpassen in dieser Welt, in der Männer ihre Frauen auswählen wie „Läufer für das Wohnzimmer“.
Doch ich bin heute hier, um eine Lobrede auf das Theater zu halten. Und ja: Dieses Theater lobe ich mir, das an die Grenzen des Wirklichen geht und sie überschreitet. Ich lobe mir das Theater in seiner besten, der Möglichkeitsform, das über das, was die Welt ist, hinausgeht. Wo die Wirklichkeit nicht die Bedingungen des Lebens diktiert und auch noch die Fiktion bestimmt.
Wozu sonst gibt es die Verabredung? Die gute alte Verabredung, dass wir uns, wenn wir ins Theater gehen, für eine begrenzte Zeit gemeinsam in eine fiktive Welt hineinbegeben. Eine Welt, in der die Vorzeichen andere sind.
Unter der Voraussetzung, dass wir uns auf dem Boden des Künstlerischen befinden, kann das Theater wie die Literatur innerhalb weniger Sätze aus dem Herbst einen Frühling machen, wie Virginia Woolf vorführt, wenn sie in ihrem berühmten Essay „Ein Zimmer für sich allein“ schreibt: „Da ich bereits gesagt habe, dass es ein schöner Oktobertag war, werde ich nicht das Risiko eingehen, Ihren Respekt zu verlieren und den hehren Ruf der Literatur zu gefährden, in dem ich die Jahreszeit ändere und Flieder, der über Gartenmauern hing, Krokusse, Tulpen und andere Frühlingsblumen beschreibe“. Nein, unseren Respekt verliert sie nicht, sondern gewinnt im Gegenteil meine Bewunderung dafür, wie beiläufig sie mich mitten im Oktober in den Frühling schickt, während sie noch gewitzt behauptet, genau das nicht zu tun.
Wir können uns beruhigt auf diese verkehrte Welt einlassen, weil wir sicher sind, dass wir danach in die Wirklichkeit zurückkehren, verändert hoffentlich, zu Veränderungen aufgelegt, aber nicht in Gefahr.
Wenn wir allerdings nach dem Verlassen des Theaters aus dem Theater nicht herausfinden, wenn etwa draußen der Frühling ausgerufen wurde, obwohl laut Kalender doch Oktober ist, was dann? Wenn dort plötzlich das Gute das Böse und das Böse gut sein soll und ein Kriegstreiber ein Friedensfürst? Wenn das Gesunde angeblich krank macht und das Schlechte gesund und zwei diametral entgegengesetzte Geschlechter angeblich alles sind, was dann? Wenn die Ukraine Russland und Grönland Amerika wird und uns weisgemacht wird, dass nicht Demokraten in Europa regieren, sondern Faschisten und NGOs ausländische Agenten? Dann sind wir in Gefahr.
Wenn die Wirklichkeit das Fiktive an sich reißt, wird aus dem, was Virginia Woolf so spielerisch für sich und alle Kunst in Anspruch nahm, Täuschung. Aus der Erweiterung unseres Vorstellungsvermögens wird die Einschränkung des Vorstellbaren. Wenn die Verabredung aufgekündigt wird, dass es einen Unterschied zwischen Erfindung und Tatsache gibt, zwischen Halluzination und Sachverhalt, können wir nicht nur nicht das Wirkliche, das Normale, länger in Frage stellen. Wir verlieren jede Fähigkeit zur Orientierung. Die Gefilde des Möglichen und die Welt, wie sie ist, fallen ineinander. Die Welt hat keine Möglichkeiten mehr.
Wenn wir annehmen müssen, dass der Kalender lügt und sich Landkarten nicht länger an die Geografie halten, wird aus der erkenntnisreichen spielerischen Verunsicherung des Ich auf dem Theater ein bis auf die Knochen verunsichertes Ich in der Welt. Aus der Verunsicherung heraus fangen wir an, zu brüllen. Statt zu verhandeln, wie wir miteinander leben wollen, brüllen wir uns an, bis wir alle in einem Strudel der Instabilität und Hilflosigkeit stecken, in der nur der Angstpegel konstant bleibt; konstant hoch.
„Dies war nicht die Unruhe, die Menschen anspornt, aktiv zu werden und etwas zu vollbringen“, schreibt Masha Gessen in ihrem Buch „Die Zukunft ist Geschichte“, in dem sie am Beispiel Russlands vorführt, wie die totale Verunsicherung der Menschen der Ausweitung autoritärer Machtstrukturen dient. „Es war die Art von Beunruhigung, die Menschen an den Rand ihrer Kräfte bringt. Du kannst nicht länger kühl nachdenken (…), du regredierst und irgendwann kannst du nur noch schreien, wie ein hilfloses, verängstigtes Kind. Du brauchst einen Erwachsenen, eine Autoritätsperson, (…) jemanden, der bereit ist, die Dinge in die Hand zu nehmen. Wenn dieser Mensch die Dinge auch weiterhin in der Hand behalten will, muss er dafür sorgen, dass du dich weiter hilflos fühlst.“
Wenn das Fiktive unsere Wirklichkeit überschwillt, unterstützt von einer Technik, die uns pausenlos mit täuschend echten fake facts und fake faces versorgt, sind wir nicht mehr in der Lage, der Wahrheit unserer eigenen Gefühle zu trauen, ja außerstande, sie in uns wiederzufinden und überlassen unsere basic human situations hilflos dem Autoritären und seinem gewaltsamen Zugriff aufs Normale. Die bizarren Rollen, die sich gerade in prekärer Form hier oder da hervorgewagt hatten, verschwinden zuerst, und dann verschwinden nach und nach auch jene, an die wir uns in den demokratischen Jahren so schön gewöhnt, die wir gern wiedererkannt hatten und uns in ihnen, die Klassiker, die evergreens.
Ich aber möchte schwimmen und fliegen zugleich! Ich brauche das Theater. Ich brauche die Illusion, die ich mich aus der Wirklichkeit rettet. Ich kann nicht anders, als der manipulativen Vergiftung von Bedeutung entgegenzutreten, der Propagandisierung und Vulgarisierung der Sprache und möchte deshalb an die wichtigste Verabredung im Sinne der Gemeinschaft erinnern: dass Verabredungen gemeinschaftlich getroffen werden und von der ganzen Gemeinschaft, von eben jener realitätsbasierten und bereits 2004 von George W Bushs Chefstrategen verächtlich gemachten „Wirklichkeitsgemeinschaft“. Zu diesen Verabredungen gehört zwingend auch die Ermöglichung des Theaters als Raum des Möglichen.
Lasst uns dafür sorgen, dass die Theatermacher*innen, die Schriftsteller*innen, die Kunstschaffenden mit der Fiktion beauftragt sind.
Die Fiktion, liebe Leute, gehört uns!
*Heinrich von Kleist: Briefe an seine Schwester Ulrike (Hg. A.Koberstein) Berlin 1860, 161. Denkbar waren solche „unsicheren“ Wesen schon lange, die Fabelwelt war von ihnen bevölkert. Einige Jahre später schrieb Kleist, er fände sich von all seinen Figuren am stärksten in der Penthesilea wieder.
Lassen Sie uns die Antwort hinauszögern. Ich vermute, Sie gehen in Gedanken sofort die letzten Inszenierungen durch, die Sie gesehen haben: Waren Klassiker darunter? Meine erste Reaktion auf Carols Frage war nahezu klassisch: Ein Klassiker ist zunächst mal alt. Kunst wird erst im Laufe der Zeit zum Klassiker oder eben nicht. Das gilt für die Musik, für die Literatur und eben auch fürs Theater. Alle Kunst war einmal zeitgenössisch, heißt es. Sie muss von der Allgemeinheit anerkannt worden sein, um zum Klassiker zu werden, zu einem der evergreens, die sich in jeder Spielzeit auf den Bühnen wiederfinden von Shakespeare bis Schiller, von Büchner bis Beckett, von Strindberg bis Schnitzler, alle lange tot. Klassiker besitzen die beruhigende Patina des Überlieferten, da mögen die einzelnen Inszenierungen noch so nah am Puls der Zeit sein; wir lieben es, uns ins Wiedererkennbare zu kuscheln und bildungsweise aufzuwerten, indem wir mit dem, was wir erkennen, prahlen! Nun werden Sie mit Recht einwenden, dass ich hier allein auf Bedingungen der Rezeption anspiele. Sollten wir nicht fragen, was die Qualität dieser evergreens ausmacht? Aber wie sollen wir mit Sicherheit wissen, dass das, worin ihre Qualität besteht, nicht auch jenen Stücken zu eigen war, die nicht mehr aufgeführt werden oder vielleicht gar nicht erst zur Aufführung gelangt sind? All dem Verkannten, Verbrannten, Verworfenen, dem Aussortierten, Unerwünschten? Was der Allgemeinheit in dieser oder jener Zeit nicht in den Kram passte?
Was uns in den Kram passt, bezeichnen wir gewöhnlich als Normalität. Ist doch völlig normal! heisst es oft mit Emphase, wobei gern vergessen wird, dass Normalität nicht mehr und nicht weniger als das gesellschaftlich Gewünschte ist, also das, worauf sich Menschen für ihr Zusammenleben einigen.
Diese Einigung findet auch auf dem Theater statt. Seit der griechischen Antike dient das Theater der Gemeinschaftsbildung, ist es Bühne der Auseinandersetzung zwischen Individuum und Gesellschaft. Auf dem Theater werden die großen Menschheitsfragen verhandelt: Wie wollen wir leben? Wer wollen wir sein? Und: Sind wir überhaupt – und wenn ja, sind wir nicht auch ein bisschen bizarr?
Theater kann die Normalität ja auch herausfordern, die womöglich nur deshalb normal ist, weil sie da ist, und nicht weil sie gut ist. Aus dem heute Radikalen wird das künftige Normale, das hat das Theater immer wieder vorgeführt als einen sich ständig erneuernden Prozess, der den Rahmen dessen, was als normal gilt, andauernd verschiebt.
Was gilt nun laut Highsmith als Klassiker? Ihre Figur antwortet so: Ein Klassiker ist etwas mit einer grundlegenden menschlichen Situation. A basic human situation. Geburt. Familie. Krankheit. Tod. Damit sind eine Reihe von Gefühlen verbunden, die sich zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten unterschiedlich äußern mögen. Doch das im jeweiligen Gefühl verborgene Wahrheitsmoment ist wiedererkennbar: Liebe, Eifersucht, Trauer, Gier, Angst. Diese Wahrheit finden wir auch dann in uns wieder, wenn wir uns nicht mit Figur und Geschichte identifizieren, die ja zeit- und ortsgebunden sind und uns womöglich gänzlich fremd.
An dieser Stelle meiner Überlegungen machte ich mich auf den Weg ins Theater. Bei schönstem Frühlingswetter spazierte ich durch lebendige Straßen, der Flieder ließ seine duftenden Trauben über die Mauern hängen, die Büsche trugen ihr frischestes Grün, am Himmel zogen die Wölkchen nur so dahin, und weil es einen See gab, der dem Himmel ein Spiegelbild war, schien ich gleichermaßen zu fliegen und zu schwimmen, womit ich beiläufig Heinrich von Kleist, einen weiteren Klassiker, widerlegte, der seiner in Männerkleidung reisenden Halbschwester noch geraten hatte: „Amphibion, du, schwanke nicht länger und wähle dir endlich ein sicheres Geschlecht. Schwimmen und fliegen geht nicht zugleich, drum verlasse das Wasser«* Der See spiegelte wieder, was immer sich für Figuren aus den Wolken ergaben, und schon sah ich jede einzelne von ihnen auf der Bühne: da eilte eine fünfzigjährige Lulu durch Paris, da fragte sich eine Schwarze Hamlet, ob sie sein oder nicht sein solle, während Odoardo die Tugend seines queeren Kindes Emilia bewahrte und nicht das Kind, sondern den Prinzen erstach. Und ganz vorn am Bühnenrand trat mir eine Penthesilea entgegen, wie sie sich noch nie hatte zeigen dürfen, in ihrer wahren Gestalt, ihrer weiblichen Männlichkeit: als biologische Frau, doch mit Löwen- und Schlangenhaut und ihrer einen Brust nicht genug Frau, noch ausreichend Mann, sondern in einem Körper, der für beide Geschlechter offen war, wie ihn bisher noch keine Regie in Szene gesetzt hat und der Achill den Atem raubt: „Was er im Weltkreis noch, solang er lebt, mit seinem blauen Auge nicht gesehn, das kann er in Gedanken auch nicht fassen.“ Was für ein phantastisches Schauspiel mir See und Wolken da präsentierten! Ein Theater sah ich, auf dem der Mensch nicht nur entweder Mann oder Frau sein durfte, schwarz oder weiß, jung oder alt, sondern beides zugleich - aber auch nichts dergleichen.
Ein Theater sah ich, in dem nicht 70 Prozent aller klassischen Rollen von Männern gespielte Männerrollen waren, ich sah fünfzig-, sechzig- siebzigjährige Schauspielerinnen in großer Vielfalt eine Kraft ausspielen, die nicht eingehegt und bestraft wurde, ein Theater, in dem die gespielte Rolle unabhängig war vom wirklichen Leib und vom Leib des Wirklichen, ja, wo die Wirklichkeit nicht ihre scharfen Krallen auszufahren und uns erneut ihre Bedingungen aufzuzwingen vermochte.
Doch da: ein Zwischenruf! Ich fiel aus allen Wolken. Da rief jemand, dass das doch keine Luftschlösser mehr seien! Dass beim diesjährigen Berliner Theatertreffen doch erst eine Schauspielerin für ihre Darstellung des Feldmarschall Illo im Wallenstein einen Preis bekommen hatte! Und hatten wir am HOT mit Liv Strömquists „Im Spiegelsaal“ und mit „Und also trämen wir mit hellwacher Vernunft“ nicht erfreulich erfrischende Tableaus von Weiblichkeiten? Und sind am HOT nicht Intendanz und Chefdramaturgie weiblich besetzt, zumal von zwei Ostdeutschen, was ja ein absolutes Alleinstellungsmerkmal in der deutschen Theaterlandschaft sei und sich, wie die vielen ausverkauften Vorstellungen zeigen, durchaus als Vorteil erweise?
In der Tat. Doch warum, rufe ich zurück, ist das 2026 überhaupt noch erwähnenswert?
Die Frage, die Highsmith ihre Hauptfigur stellen lässt, bekommt einen gewissen Hintersinn, wenn man weiß, dass Highsmith das Wort „normal“ für eines der beiden lächerlichsten Adjektive der englischen Sprache hielt. „Durchschnittlich“ war das andere. „Average“ und „normal“ sind Adjektive, hinter denen sie Horror und Schrecken wittert – Denn dieses „Normale“ bringt Bedingungen mit sich, die es den einen erlaubt, an einer grundlegenden menschlichen Situation teilzuhaben, und anderen nicht. Wird die Liebe oder die Familie jener, die in der ausgehandelten Normalität verkehrt sind oder unsichtbar, als menschliche Situation überhaupt anerkannt? Da verhält es sich auf der Bühne nicht anders als im Zuschauerraum, weshalb das Theater nicht selten bloßes Abbild des gesellschaftlich Gewünschten ist. Anders lässt sich kaum erklären, dass die Rollen der Schauspieler*innen den unseren im Publikum oft ähneln.
Hier wie da geben Floskeln, Redensarten, eingeübte Sprechmuster diese Rollen vor. Als Mutter, Tochter, Ehemann, König, Vater und Liebhaber, als junge Naive, Schlampe oder sugar daddy beschränken wir uns auf das, was die Welt ist, indem wir die immer gleiche Rollenprosa wiederholen. „One is just supposed to conform“; sagt Carol an anderer Stelle, man müsse sich eben anpassen in dieser Welt, in der Männer ihre Frauen auswählen wie „Läufer für das Wohnzimmer“.
Doch ich bin heute hier, um eine Lobrede auf das Theater zu halten. Und ja: Dieses Theater lobe ich mir, das an die Grenzen des Wirklichen geht und sie überschreitet. Ich lobe mir das Theater in seiner besten, der Möglichkeitsform, das über das, was die Welt ist, hinausgeht. Wo die Wirklichkeit nicht die Bedingungen des Lebens diktiert und auch noch die Fiktion bestimmt.
Wozu sonst gibt es die Verabredung? Die gute alte Verabredung, dass wir uns, wenn wir ins Theater gehen, für eine begrenzte Zeit gemeinsam in eine fiktive Welt hineinbegeben. Eine Welt, in der die Vorzeichen andere sind.
Unter der Voraussetzung, dass wir uns auf dem Boden des Künstlerischen befinden, kann das Theater wie die Literatur innerhalb weniger Sätze aus dem Herbst einen Frühling machen, wie Virginia Woolf vorführt, wenn sie in ihrem berühmten Essay „Ein Zimmer für sich allein“ schreibt: „Da ich bereits gesagt habe, dass es ein schöner Oktobertag war, werde ich nicht das Risiko eingehen, Ihren Respekt zu verlieren und den hehren Ruf der Literatur zu gefährden, in dem ich die Jahreszeit ändere und Flieder, der über Gartenmauern hing, Krokusse, Tulpen und andere Frühlingsblumen beschreibe“. Nein, unseren Respekt verliert sie nicht, sondern gewinnt im Gegenteil meine Bewunderung dafür, wie beiläufig sie mich mitten im Oktober in den Frühling schickt, während sie noch gewitzt behauptet, genau das nicht zu tun.
Wir können uns beruhigt auf diese verkehrte Welt einlassen, weil wir sicher sind, dass wir danach in die Wirklichkeit zurückkehren, verändert hoffentlich, zu Veränderungen aufgelegt, aber nicht in Gefahr.
Wenn wir allerdings nach dem Verlassen des Theaters aus dem Theater nicht herausfinden, wenn etwa draußen der Frühling ausgerufen wurde, obwohl laut Kalender doch Oktober ist, was dann? Wenn dort plötzlich das Gute das Böse und das Böse gut sein soll und ein Kriegstreiber ein Friedensfürst? Wenn das Gesunde angeblich krank macht und das Schlechte gesund und zwei diametral entgegengesetzte Geschlechter angeblich alles sind, was dann? Wenn die Ukraine Russland und Grönland Amerika wird und uns weisgemacht wird, dass nicht Demokraten in Europa regieren, sondern Faschisten und NGOs ausländische Agenten? Dann sind wir in Gefahr.
Wenn die Wirklichkeit das Fiktive an sich reißt, wird aus dem, was Virginia Woolf so spielerisch für sich und alle Kunst in Anspruch nahm, Täuschung. Aus der Erweiterung unseres Vorstellungsvermögens wird die Einschränkung des Vorstellbaren. Wenn die Verabredung aufgekündigt wird, dass es einen Unterschied zwischen Erfindung und Tatsache gibt, zwischen Halluzination und Sachverhalt, können wir nicht nur nicht das Wirkliche, das Normale, länger in Frage stellen. Wir verlieren jede Fähigkeit zur Orientierung. Die Gefilde des Möglichen und die Welt, wie sie ist, fallen ineinander. Die Welt hat keine Möglichkeiten mehr.
Wenn wir annehmen müssen, dass der Kalender lügt und sich Landkarten nicht länger an die Geografie halten, wird aus der erkenntnisreichen spielerischen Verunsicherung des Ich auf dem Theater ein bis auf die Knochen verunsichertes Ich in der Welt. Aus der Verunsicherung heraus fangen wir an, zu brüllen. Statt zu verhandeln, wie wir miteinander leben wollen, brüllen wir uns an, bis wir alle in einem Strudel der Instabilität und Hilflosigkeit stecken, in der nur der Angstpegel konstant bleibt; konstant hoch.
„Dies war nicht die Unruhe, die Menschen anspornt, aktiv zu werden und etwas zu vollbringen“, schreibt Masha Gessen in ihrem Buch „Die Zukunft ist Geschichte“, in dem sie am Beispiel Russlands vorführt, wie die totale Verunsicherung der Menschen der Ausweitung autoritärer Machtstrukturen dient. „Es war die Art von Beunruhigung, die Menschen an den Rand ihrer Kräfte bringt. Du kannst nicht länger kühl nachdenken (…), du regredierst und irgendwann kannst du nur noch schreien, wie ein hilfloses, verängstigtes Kind. Du brauchst einen Erwachsenen, eine Autoritätsperson, (…) jemanden, der bereit ist, die Dinge in die Hand zu nehmen. Wenn dieser Mensch die Dinge auch weiterhin in der Hand behalten will, muss er dafür sorgen, dass du dich weiter hilflos fühlst.“
Wenn das Fiktive unsere Wirklichkeit überschwillt, unterstützt von einer Technik, die uns pausenlos mit täuschend echten fake facts und fake faces versorgt, sind wir nicht mehr in der Lage, der Wahrheit unserer eigenen Gefühle zu trauen, ja außerstande, sie in uns wiederzufinden und überlassen unsere basic human situations hilflos dem Autoritären und seinem gewaltsamen Zugriff aufs Normale. Die bizarren Rollen, die sich gerade in prekärer Form hier oder da hervorgewagt hatten, verschwinden zuerst, und dann verschwinden nach und nach auch jene, an die wir uns in den demokratischen Jahren so schön gewöhnt, die wir gern wiedererkannt hatten und uns in ihnen, die Klassiker, die evergreens.
Ich aber möchte schwimmen und fliegen zugleich! Ich brauche das Theater. Ich brauche die Illusion, die ich mich aus der Wirklichkeit rettet. Ich kann nicht anders, als der manipulativen Vergiftung von Bedeutung entgegenzutreten, der Propagandisierung und Vulgarisierung der Sprache und möchte deshalb an die wichtigste Verabredung im Sinne der Gemeinschaft erinnern: dass Verabredungen gemeinschaftlich getroffen werden und von der ganzen Gemeinschaft, von eben jener realitätsbasierten und bereits 2004 von George W Bushs Chefstrategen verächtlich gemachten „Wirklichkeitsgemeinschaft“. Zu diesen Verabredungen gehört zwingend auch die Ermöglichung des Theaters als Raum des Möglichen.
Lasst uns dafür sorgen, dass die Theatermacher*innen, die Schriftsteller*innen, die Kunstschaffenden mit der Fiktion beauftragt sind.
Die Fiktion, liebe Leute, gehört uns!
*Heinrich von Kleist: Briefe an seine Schwester Ulrike (Hg. A.Koberstein) Berlin 1860, 161. Denkbar waren solche „unsicheren“ Wesen schon lange, die Fabelwelt war von ihnen bevölkert. Einige Jahre später schrieb Kleist, er fände sich von all seinen Figuren am stärksten in der Penthesilea wieder.