Festrede

20 Jahre Haus am See

Das Hans Otto Theater feiert Geburtstag
Das Hans Otto Theater hat zur Zeit einen Lauf. Der Publikumszuspruch steigt auf Rekordniveau. Über 100.000 Besucher*innen waren in der letzten Spielzeit im Theater. Und für künstlerische Bestätigung sorgten die Einladungen zum Berliner Theatertreffen sowie die Auszeichnung von Guido Lamprecht als Schauspieler des Jahres.
Mit scheint eine kleine Episode genauso bemerkenswert wie die großen Erfolge. Sie trug sich beim diesjährigen Sommertheater zu.
Zu Beginn der Vorstellung bei sengender Hitze trat Bettina Jahnke, die Intendantin, vor ihr Publikum und teilte uns mit, dass eine Ärztin und Hilfspersonal anwesend seien. Man solle einfach die Hand heben, falls es einem wegen der Hitze schlecht ginge. Während der Pause dürften wir beherzt vom kostenlosen Wasserangebot im Foyer Gebrauch machen. Dann wünschte sie uns viel Spaß bei William Shakespeares 'Was ihr wollt'. Nach der gefeierten Vorstellung folgte ein weiterer Auftritt von Bettina Jahnke. Sie sagte, der Dame, die in der Pause einen Schwächeanfall erlitten hatte, was wir sorgenvoll miterlebt hatten, ginge es wieder gut und wer Lust habe, sei herzlich eingeladen zur jetzt folgenden Preisverleihung des Freundeskreises.
Diese beiläufigen Geschehnisse teilten etwas Wesentliches vom derzeitigen Selbstverständnis des Hans Otto Theaters mit, von seiner Zugewandtheit.
Beim Theatermachen geht es um möglichst folgenreiche Begegnungen. Diese entstehen in geteilter Zeit, also in Anwesenheit der Beteiligten. Wirkliche Begegnung erschöpft sich nicht in rhetorischer Beschwörung und Warmherzigkeit erkennen wir im Kleinen oft besser als in der großen Geste.
Wir wissen, das Theater wird keine besseren Menschen aus uns machen, aber es kann uns zeigen, wie das gehen könnte, ein besserer Mensch zu sein.
Das Theater in Potsdam, man spürt es am Gestus der Intendantin und bei fast allen Aufführungen, erzeugt künstlerische Impulse, die Herz und Hirn erreichen und die die Besucher*innen auf irritierende Weise in ihren Alltag hinein begleiten. Es führt sie in die Tiefe der Geschichte wie beispielsweise bei dem sehr bewegenden Christa-Wolf-Abend „Also träumen wir mit hellwacher Vernunft“ oder bei einer überraschend feinen Bühnenadaption von Hans Falladas „Kleiner Mann was nun?“. Es verändert den Blick auf die eigene Stadt mit dem Potsdam-Portrait „7 1/2 Brücken“ und immer wieder reflektiert es spielerisch die beunruhigende Erfahrung, dass weder die gesellschaftlichen Entwicklungen noch unser individuelles Leben ein langer, ruhiger Fluss sind, sondern voller Erschütterungen, Brüche und abrupter Wendungen.
Es ist kein Zufall, dass seit 1952 der Schauspieler Hans Otto der Namensgeber des Potsdamer Theaters ist. Er hat sich als junger Schauspieler und antifaschistischer Widerstandkämpfer dem Nazi-Terror in den Weg gestellt, er weigerte sich zu Max Reinhardt ins relativ sichere Wien zu fliehen und wurde am 14. November 1933 von der Gestapo gefoltert und ermordet.
In Erinnerung an Hans Ottos Standhaftigkeit kämpfen Theaterschaffende immer neu darum, eine klare Haltung zur demokratischen Verfasstheit dieser Gesellschaft selbst zu gewinnen und zu vermitteln. Viele Erzählungen auf der Bühne sind Zeugnisse gegen antidemokratische und autoritäre Entwicklungen und für gelebte Vielfalt, egal ob das opportun ist oder nicht.
Diese Haltung hat nichts Statisches oder gar Abgeschlossenes, das man kopieren oder imitieren könnte. Sie besteht vielmehr aus der permanenten Arbeit jedes Einzelnen am Verstehen und Gestalten der Gegenwart. Die Frage ist, wie die Bühne ihre Stimme findet inmitten der lautstarken Polarisierung und Radikalisierung, die die derzeitigen Auseinandersetzungen prägen.
Die Bühne ist von ihrem inneren Wesen her der Ort, wo Grenzerfahrungen und Grenzsituationen miterlebbar sind. Solche Erfahrungen sind Terror, Krieg, Hass auf Minderheiten, Fanatismus und Gewaltherrschaft, im individuellen Leben kommen hinzu: Krankheit, Tod und Trennung, Verrat und Gewalt, aber auch Liebe und Nähe, Vertrauen und die Erfahrung von Schönheit in vielerlei Weise.
Das Theater erkundet, was in uns passiert, wenn wir an diese Grenzen stoßen und die gewohnten Muster des Handelns und Verstehens nicht mehr greifen.
Zur Besonderheit des Theaters gehört es, auf Vereinfachung eben nicht mit Vereinfachung zu reagieren. Die Künste sind ein feinnerviges Instrument des genauen Hinschauens. Sie erzeugen in uns nicht nur Gedankliches, sondern sie nehmen uns hinein in Erfahrungen, die nicht die eigenen sind und in die Emotionalität von Leiden und Leidenschaften. Peter Sloterdijk spricht von den Künsten als „Dunkelkammer des Passionswissens“. Dieses Passionswissen verändert und öffnet uns für etwas Neues, für Mit-Leidenschaft.

William Shakespeares Komödie "Was ihr wollt" beginnt mit einer Grenzerfahrung, einer verheerenden Naturkatastrophe, einem Sturm, der viele Menschenleben auslöscht, und mit einem Wunder:
Viola hat den Untergang ihres Schiffes überlebt und erwacht am Strand. Aber sie muss fürchten, dass ihr Zwillingsbruder, also der andere Teil ihrer selbst, den Sturm nicht überlebt hat. Rettung und Krise fallen ineinander. Für Viola beginnt das neue Leben, voller Irrungen und Wirrungen der Liebe, sie erlebt ihr unerfüllbares Begehren aber auch umgekehrt, geliebt zu werden, wo sie nicht zurücklieben kann.
Beim Potsdamer Sommertheater sehen wir im Bühnenhintergrund auf dem Tiefen See Motor- und Segelboote durchs Bild fahren mit gutgelaunter Entourage. Leben und Theater kommen sich ins Gehege. Glück ist möglich, sagt das fröhliche Leben auf dem See, Glück ist eine schwierige Suche und wirkt begleitet von vielerlei Verletzungen, sagt das Spiel auf der Bühne. Und die Darsteller*innen kommentieren alles, was sie tun. Sie wissen, dass sie spielen und so entstehen gleichzeitig Abstand und Nähe zum verwirrenden Beziehungsgefüge in Shakespeares Liebeskomödie.

Gegen Ende des Stücks scheinen sich die Irrwege und falschen Bewegungen zu verflüchtigen. Alle Figuren finden zueinander, küssen und umarmen sich wechselweise und alle verschmelzen mit allen. Das ist ein utopischer Moment, dann aber einige Sekunden und Schritte weiter zeigt sich, manche haben sich gefunden, sind glücklich, andere haben sich eben doch verfehlt. Ihr Abstand zum Glück, ihre Unerlöstheit bleibt bestehen.
Immer wieder, viele Jahrhunderte hinweg, fragt die Literatur, ob der Mensch ein glücksfähiges Wesen ist. Und obwohl wir auf der Bühne viele Unglücksgeschichten erzählen, oder vielleicht auch gerade dadurch treiben wir Energien hervor, dieses Glück zu suchen und zu wollen. Mit weniger als dem Glück dürfen sich die Menschen nicht zufriedengeben. Sie wissen, dass sie sterblich sind, das verleiht jeder Bemühung um gelingendes Leben einen absurden Hintergrund. Man kann aber auch sagen, gerade in dieser Paradoxie, dass letztendlich nichts bleibt, wir aber dennoch um das Glück und umeinander kämpfen, gerade darin erweist sich unsere Freiheit. So zumindest sehen das große Existenzialisten wie Albert Camus und Sören Kierkegaard.
Das Theater als Gruppe oder als Gemeinschaft, welche die Kunst in ihren Erzählungen erschafft, weiß, dass das Glück und Gelingen ohne die anderen, ohne Begegnungen, ohne Gespräch und Austausch, ja auch ohne Streit und Auseinandersetzung nicht denkbar sind. Der Mensch ist kein Identitätskloß, kein in sich abgeschlossenes Wesen. Er ist vielmehr angewiesen auf die Anderen und in jeder Begegnung gehen wir über uns hinaus, entgrenzen uns, erzeugen Resonanz in anderen. Dadurch entsteht Dringlichkeit, ein Leben ohne Aufschub.
Das hat Folgen für die Arbeit im Theater. Was wir einfordern von der Gesellschaft, Haltung, Richtung, Moral und gutes Handeln, all das sollten wir im Inneren unserer Häuser auch anstreben. Die geglückte Gemeinsamkeit, begleitet von Transparenz und das Aufeinander hören beim Schaffen von Kunst, müssen wir selbst üben. Das wird uns nicht perfekt gelingen, aber wir sollten es immer wieder versuchen. "Ich mache mir gerade so viel aus einem Philosophen, als er imstande ist ein Beispiel zu geben", sagte Friedrich Nietzsche.
Während das Theater auf der Bühne den Ernstfall übt, Grenzsituationen durchschreitet, erlebbar macht und Wege sucht, die aus ihnen herausführen, während es all das tut, arbeitet es selber als personaler Zusammenhang, am Gelingen von Gemeinschaft.
Dass das Hans Otto Theater, in dem wir heute das 20-jährige Bestehen feiern, im Jahr 2006 nach mehrjähriger Planungs- und Bauzeit eröffnet wurde und dass ein herausragender Architekt wie Gottfried Böhm diesen markanten Bau entworfen hat, das war ein städtebaulicher und kulturpolitischer Glücksfall.
Wer hätte das zu hoffen gewagt nach der langen wechselvollen und hoch umkämpften Theater-Geschichte Potsdams.
Diese begann im Jahr 1795 mit einem Paukenschlag. Wie in vielen Städten des kleinstaatlich zerrissenen Römischen Reichs Deutscher Nation im 18. Jahrhundert war es feudaler Wille, nämlich der von Friedrich Wilhelm II., König von Preußen, dass das Königliche Schauspielhaus am Stadtkanal erbaut wurde, im Volksmund 'Kanaloper' genannt. Sie diente nicht allein dem Prestige des Königs, sondern war ausdrücklich "dem Vergnügen der Einwohner" gewidmet. Das Programm wurde von Berlin aus mit Gastspielen bestritten. Ab der Mitte des. 19. Jahrhunderts betrieben dann private Pächter mit eigenem Ensemble das Theater mehr oder weniger glückhaft, bis schließlich 1918 die Phase staatlicher und städtischer Obhut und Finanzierung begann.
Das wohlhabende und bildungsbewusste Bürgertum entwickelte einen Sinn dafür, dass öffentlich geförderte und garantierte Schauspielkunst einen Beitrag zu gesellschaftlicher Selbstvergewisserung leisten könne.

In der Zeit des Nationalsozialismus wird dieses Theater von den herrschenden Nazi-Partei unmissverständlich aufgefordert zu seichter Unterhaltung und zu staatstragender Propaganda, also dem Gegenteil von gesellschaftlicher Selbstbefragung, es brannte nach schwerem Artilleriebeschuss wenige Tage vor Kriegsende aus. Die schwierige Nachkriegsgeschichte ist dann über weite Strecken hinweg bestimmt von der Suche nach dem richtigen Ort und einer angemessenen Dimension für das neu gegründete 'brandenburgische Landestheater'. Die wechselnden vorläufigen Lösungen im Schlosstheater, im Theater an der Zimmerstraße, führten schließlich 1989 zu einem großen Entwurf, ersten Bauabschnitten und dem halbfertigen Rohbau am Alten Markt, der nach der friedlichen Revolution 1993 abgerissen wurde. Es folgte ein wiederum 14-jähriges Provisorium aus Leichtmetall, der so genannten 'Blechbüchse'.
Während all dieser Übergangslösungen blieb es aber gesellschaftlicher Konsens: Wir brauchen und wollen ein Theater für diese Stadt. Schließlich, endlich, 1999, konkretisiert sich der Plan auf dem Kultur- und Gewerbeareal Schiffbauergasse einen Standort für das Theater am Tiefen See zu bestimmen. Beauftragt Gottfried Böhm, interpretierte das Gebiet zwischen Stadt und See als Einladung, den Theaterbau selbst verbindend und einladend zu konzipieren, in den kräftigen Farben Rot und Schwarz gehalten. Das Theater öffnet sich zum See hin mit geschwungenen, übereinander angeordneten Dächern, die Blütenblättern gleich eine sowohl behütende wie auch einladende Geste beinhalten. Dieses Theater verschließt sich nicht, es lädt die Menschen ein und es lässt das Licht herein. Es verbindet das Außen mit dem Innen. Es verbreitet keinerlei auftrumpfende oder dominierende Status- Symbolik, sondern vielmehr eine Ahnung von fließender Weichheit und Zerbrechlichkeit, man könnte auch sagen, einer Freundlichkeit, die den Ort am See aufnimmt, dem sie sich verdankt.
Dieses zarte und doch selbstbewusste Statement könnte auch die Theaterkunst beeinflusst haben, die seither in ihm entstanden ist. Diese Theaterkunst verfügt wie alle Kunst über keinerlei eigene Macht. Sie weiß um ihre Schwäche und verweist dadurch auf die Fragilität des Menschen selbst. Sie lädt ein zur Teilnahme und Teilhabe. Ohne diese Identifikation mit den Künsten durch die Bewohner*innen Potsdams würde das Theater verkümmern. Es bedarf des besonderen Schutzes derer, für die es spielt. Das haben alle Theaterschaffenden erfahren und die heute anwesenden Intendanten Stefan Märki, Uwe Erik Laufenberg und Tobias Wellemeyer haben mit ihren Teams das Hans Otto Theater auch in schwierigen Zeiten tatkräftig und geschickt immer wieder neu positioniert.
Dass in 230 Jahren so viel um dieses Theater gestritten und gekämpft wurde und dass es nun in so strahlender Symbolik zwischen Stadt und See liegt, ist eine besondere Aufforderung an die Politik der Stadt und des Landes dieses Theater in besonderer Weise zu schützen.
Einer langen Vorgeschichte entwachsen ist das Hans-Otto-Theater und die herausragende Qualität, in der es mit einem bestens disponierten Ensemble seit 20 Jahren bespielt wird, ein Beleg dafür, dass nicht nur jeder einzelne Mensch glücksfähig ist, sondern dass auch dieser gemeinschaftliche Ort, das Theater dieser Stadt "das Wissen vom Glück immerzu mit sich herumträgt".

Ulrich Khuon, 26.09.2026