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FALLADAS GEDANKEN ZU "KLEINER MANN - WAS NUN?"
„Ein wenig daran denken, wie dem anderen manchmal zu Mute ist.“
In zahlreichen Briefe gibt Hans Fallada einen Einblick in seine Gedanken rund um seinen Roman „Kleiner Mann – was nun?“
„Ehe und Wehe von Johannes Pinneberg, verliert seine Stellung, bekommt eine Stellung, wird endgültig arbeitslos. Einer von sechs Millionen, ein Garnichts, und was der Garnichts fühlt, denkt und erlebt.“ So fasste Hans Fallada den Roman, der ihn weltberühmt machen sollte, in einem Brief an seinen Verleger Ernst Rowohlt zusammen. Als Fallada die Arbeit an „Kleiner Mann – was nun?“ 1931 aufnahm, steckte der Rowohlt Verlag wegen der Weltwirtschaftskrise tief in den roten Zahlen. Trotzdem ermutigte Rowohlt seinen Autor in der Arbeit: „Schreiben Sie um Gottes Willen so, wie es Ihnen um die Hand resp. ums Maul oder ums Herz herum ist, dann wird der neue Roman ganz sicher ein großer Erfolg.“ Und Rowohlt sollte recht behalten: der Roman wurde über die Landesgrenzen hinaus ein Bestseller und konsolidierte sowohl Verlag als auch Autor.

Über sein Anliegen mit dem Werk schrieb Hans Fallada 1932 an einen Leser: „Ich habe den Kleiner Mann geschrieben erstens einmal, weil ich hoffte, ihm dadurch ein wenig helfen zu können, dass ich auf sein Schicksal aufmerksam machte, dann aber weil ich wirklich wahrheitsgetreu von seinem Leben berichten wollte.“ Und Fallada wusste wovon er mit der Ehe und Wehe erzählte: „Nun einmal bin ich selber mein Lebtag ein Kleiner Mann gewesen, bis ganz vor kurzem immer Angestellter, bin verheiratet, ich hab ein Kind – das gibt genug Parallelen.“

So entstand die berührende Geschichte von Johannes Pinneberg, seiner Frau Emma, genannt Lämmchen, und ihrem kleinen Sohn, dem Murkel, die dem Rand ihrer Existenz entgegen taumeln. Mit dem Roman lieferte Fallada eine detaillierte Bestandsaufnahme des politischen, ökonomischen und sozialen Klimas am Ende der Weimarer Republik. Das bekommen Pinneberg und Lämmchen auf ihren Stationen in der heimischen, norddeutschen Provinz, in der rasanten, unbarmherzigen Großstadt Berlin und am Ende gestrandet in einer Gartenlaube immer wieder zu spüren: die stetige Angst vor der Kündigung, das Geld reicht hinten und vorne nicht und um sie herum, sind alle nur mit ihrem eigenen Wohl befasst. Fallada: „Nun habe ich sicher nicht gewollt, dass die Leute Sachen kaufen sollen, die sie nicht gebrauchen können, aber richtig ist es schon, das hab ich gewollt, dass sie ein bisschen netter zueinander sind, dass sie sich nicht unnötig auf die Zehen treten, dass sie ein wenig daran denken, wie dem anderen manchmal zu Mute ist. Das habe ich also gewollt. Nicht mehr.“

Doch was nun – wenn sich niemand um den Kleinen Mann schert? “Man hat mich in vielen Briefen gefragt: warum weißt du keine Antwort auf die Frage: Kleiner Mann – was nun? Ich weiß schon eine Antwort und ich habe sie ja auch hingeschrieben, meine Antwort heißt Lämmchen.“

Wie die nicht ganz heimliche Heldin und ihr Kleiner Mann sich gegenseitig Halt geben, aber auch an den kleinbürgerlichen Mentalitäten am Vorabend der NS-Diktatur scheitern, inszeniert die Regisseurin Annette Pullen, die am Hans Otto Theater bereits u.a. für „Jeder stirbt für sich allein“ von Hans Fallada und „Woyzeck“ von Georg Büchner verantwortlich zeichnete.

(von Jan Pfannenstiel, aus: ZUGABE 04 - 25)
Die Kraft der Solidarität
Die Kraft der Solidarität
„Jawohl, es gab eine Solidarität der Angestellten, die Solidarität des Neides gegen den Tüchtigen, die gab es!“ – So beschreibt Hans Fallada in „Kleiner Mann - was nun?“ das nicht vorhandene Zusammengehörigkeitsgefühl in der damals neuen Berufsgruppe der Angestellten, zu denen auch Johannes Pinneberg gehört. Ihre Zahl verdoppelte sich zwischen 1914 und 1933 von zwei auf über vier Millionen. Sie arbeiteten in Banken und in Kaufhäusern, hinter Schreib- und Lochkartenmaschinen, für die Bürokratie und den Warenverkehr. Auch wenn ihr Verdienst im Vergleich zu den Arbeiter*innen gar nicht oder nicht viel höher war, fühlten sie sich doch überlegen, denn sie machten sich ja nicht in der Produktion die Hände schmutzig, sondern sahen sich als Teil der Betriebs- und Verwaltungsleitung – egal wie minimal ihr Anteil und wie monoton die Arbeit auch war. Sie imitierten einen modernen bürgerlichen Status und waren doch näher an der Realität des Proletariats. Der Konkurrenzkampf und ihr unerschütterlicher Glaube an eine Beförderung machten sie unkritisch und loyal gegenüber ihren Vorgesetzten und der Arbeitswelt im Ganzen.

Siegfried Kracauer beschrieb die Berufsgruppe in seiner soziologischen Studie „Die Angestellten“ als „geistig obdachlos“ und „ohne eine Lehre, zu der sie aufblicken, ohne ein Ziel, das sie erfragen könnte. Also lebt sie in Furcht davor, aufzublicken und sich bis zum Ende durchzufragen.“ In den politischen und ökonomischen Wirren der späten 1920er und frühen 1930er Jahre wäre ein solches gedankliches Ende, zu dem man sich durchfragt, vielleicht eine Form der Solidarität untereinander gewesen. Doch in ihrem blinden Streben nach persönlichem Erfolg wurden die Angestellten zum Gegentyp des solidarischen Menschen, den der Soziologe Heinz Bude den „Trittbrettfahrer“ nennt. Trittbrettfahrer profitieren von Verbesserungen, die andere erkämpft haben und gleichzeitig verurteilen sie diese Errungenschaften, weil sie anderen genau jenes Verhalten unterstellen, das sie selbst an den Tag legen. Damit lässt sich alles vermeiden, was eine klare Haltung erfordern würde: Teilnahme, Verpflichtung und Rechtfertigung.

Fallada selbst schreibt über die Angestellten: „Es ist doch so, dass heute der Angestellte in den meisten Fällen eben nicht Stellung nimmt. Er pendelt – und vor den extremen Parteien hat er einen Horror (solange er noch Stellung hat). Ob ich, der Autor, das für richtig halte, hat meiner Ansicht nach nichts mit dem Buch zu tun. Da will ich nur zeigen: so ist es heute.“ So waren es auch die Angestellten, die in ihrem politischen Opportunismus mit wenig Skrupel in großen Zahlen für die Nationalsozialisten an die Wahlurnen gingen und ihnen den Weg zur Macht ebneten.

Emma Mörschel, genannt Lämmchen, dagegen wehrt sich gegen eine Neiddebatte und den Kult um die Leistung der vermeintlich Tüchtigen. Und auch Pinneberg strampelt und strampelt gegen ein System, in dem das Paar nach und nach vereinzelt. Sie stehen für eine utopische Gemeinschaft nach Heinz Bude, für die wir etwas einsetzen müssen, von dem nicht sicher ist, dass es sich auszahlt: „Vertrauen, das sich als allzu riskante Vorleistung entpuppt; Bindung, deren ungeheurer Wert erst im Moment der Trennung erlebt wird, und Engagement, das nicht selten in Enttäuschung endet.“ Und doch bleibt die Solidarität und die Liebe zueinander das Stärkste, das wir denen entgegensetzen können, die Geld über Menschen setzen und gegen andere Menschen hetzen.

Jan Pfannenstiel
Weiterführende Links
Der Regisseur und Kabarettist Rainald Grebe und die Schauspielerin erzählen in einem Hörspiel-Podcast vom RBB das widersprüchliche Leben Hans Falladas. Seine Biografie lässt sich in vielerlei Hinsicht auch in „Kleiner Mann, was nun?“ finden, Folge 3 beschäftigt sich explizit mit seinem bekanntesten Werk.
Ein Radiowissen-Beitrag des BR zu den sozialen Umwälzungen der Weimarer Republik und den politischen Strömungen, die nach dem 1. Weltkrieg aufeinander prallten.
Eine Bestandsaufnahme der Bundeszentrale für politische Bildung zur Krisenhaftigkeit der Zwischenkriegszeit mit einem Überblick über die wirtschaftliche und politische Entwicklung der Weimarer Republik.
Interview mit der italienischen Wirtschaftswissenschaftlerin Clara Mattei über die Folgen von Austeritätspolitik, die laut ihr sowohl in den 1920er als auch heute als Wegbereiter für faschistische Bewegungen dient.
Gespräch mit dem Soziologen Heinz Bude zum Thema Solidarität und ihrem Wert für die Gesellschaft. Heinz Bude veröffentlichte 2019 ein Buch mit dem Titel „Solidarität – Die Zukunft einer großen Idee“.