Gedanken zum Gott des Gemetzels
ICH GLAUBE AN DEN GOTT DES GEMETZELS
Gedanken zum Stück
Dies sagt Alain im Stück. Der mit einem Löwenkopf oder als Löwe dargestellte altägyptische Gott Mahes gilt als Herr des Gemetzels (französisch: Le dieu du carnage). Ihm wird zugeschrieben, Gefallen am Blutvergießen zu finden. Wenn es in einem Konflikt dazu kommt, ist ein Endpunkt erreicht, bei dem es – so der österreichische Konfliktforscher Friedrich Glasl – nur noch darum geht: gemeinsam in den Abgrund! Zwischen Véronique, Michel, Annette und Alain wird am Ende ein großer Abgrund sichtbar. „Die sind ja völlig entfesselt“, ruft Michel fassungslos und Annette später entsetzt: „Diese Leute sind Ungeheuer!“ Allerdings – bis es so weit ist, glauben die Beteiligten, allen voran Véronique, sie beherrschen „die Kunst des zivilisierten Umgangs miteinander“. Dabei zeigen sie sehr unterschiedliche Verhaltensmuster. Es gibt Versuche, den Konflikt zu vermeiden, Impulse nachzugeben, das Bemühen, eine für alle passende Lösung zu finden, aber auch sehr kämpferisches Auftreten.
Und es verflechten sich zusehends verschiedene Konflikte. In das Anliegen, die Auseinandersetzung ihrer Kinder zu befrieden, mischen sich persönliche Reizthemen und schwelende Beziehungskonflikte der Paare. Das geschieht erst subtil, später offensichtlich. Und dann verändern sich auch noch für Momente und völlig überraschend die Koalitionen.
Durch all diese Zutaten entwickelt das anfangs friedliche Treffen eine ungeheure Dynamik. Was stattfindet, ist die typische Eskalation eines Konfliktes. Friedrich Glasl hat beschrieben, wie eine solche ablaufen kann. Und die Vier sind nah dran an einem derartigen Verlauf. Oder sollte man besser sagen: Sie sind schnell mittendrin? Alles beginnt laut Glasl mit der „Win-Win-Phase“, in der die Konfliktparteien eine für alle zufriedenstellende Lösung suchen. Hier wird offen und respektvoll miteinander kommuniziert und versucht, die verschiedenen Interessen zu berücksichtigen. Aber es gibt erste Anzeichen der Verhärtung von Positionen, kleine Spannungen, offene Wortgefechte und Versuche, dem Gegenüber die persönliche Unzufriedenheit zu signalisieren. In der folgenden „Win-Lose-Phase“ ist die Kommunikation gestört. Ein Machtkampf findet statt, bei dem eine Seite gewinnen will.
Der Konflikt wird jetzt als Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen richtig und falsch wahrgenommen. Man sorgt sich um das eigene Image, es gibt persönliche Angriffe bis hin zu Drohungen. In der letzten, der „Lose-Lose-Phase“, ist eine Konfliktlösung völlig unmöglich geworden. Es kann nur noch Verlierer*innen geben. Das Verhältnis ist aggressiv und feindselig, ein völliger Zusammenbruch der Beziehung droht. Alle sind zu physischen, materiellen, psychischen und intellektuellen Angriffen bereit. Dem Gegner oder der Gegnerin soll möglichst großer Schaden zugefügt werden. In dieser emotional aufgeladenen Situation spielt die Vernunft keine Rolle mehr. Es gibt auch kein Zurück, nur noch: gemeinsam in den Abgrund.
Bettina Jantzen
Und es verflechten sich zusehends verschiedene Konflikte. In das Anliegen, die Auseinandersetzung ihrer Kinder zu befrieden, mischen sich persönliche Reizthemen und schwelende Beziehungskonflikte der Paare. Das geschieht erst subtil, später offensichtlich. Und dann verändern sich auch noch für Momente und völlig überraschend die Koalitionen.
Durch all diese Zutaten entwickelt das anfangs friedliche Treffen eine ungeheure Dynamik. Was stattfindet, ist die typische Eskalation eines Konfliktes. Friedrich Glasl hat beschrieben, wie eine solche ablaufen kann. Und die Vier sind nah dran an einem derartigen Verlauf. Oder sollte man besser sagen: Sie sind schnell mittendrin? Alles beginnt laut Glasl mit der „Win-Win-Phase“, in der die Konfliktparteien eine für alle zufriedenstellende Lösung suchen. Hier wird offen und respektvoll miteinander kommuniziert und versucht, die verschiedenen Interessen zu berücksichtigen. Aber es gibt erste Anzeichen der Verhärtung von Positionen, kleine Spannungen, offene Wortgefechte und Versuche, dem Gegenüber die persönliche Unzufriedenheit zu signalisieren. In der folgenden „Win-Lose-Phase“ ist die Kommunikation gestört. Ein Machtkampf findet statt, bei dem eine Seite gewinnen will.
Der Konflikt wird jetzt als Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen richtig und falsch wahrgenommen. Man sorgt sich um das eigene Image, es gibt persönliche Angriffe bis hin zu Drohungen. In der letzten, der „Lose-Lose-Phase“, ist eine Konfliktlösung völlig unmöglich geworden. Es kann nur noch Verlierer*innen geben. Das Verhältnis ist aggressiv und feindselig, ein völliger Zusammenbruch der Beziehung droht. Alle sind zu physischen, materiellen, psychischen und intellektuellen Angriffen bereit. Dem Gegner oder der Gegnerin soll möglichst großer Schaden zugefügt werden. In dieser emotional aufgeladenen Situation spielt die Vernunft keine Rolle mehr. Es gibt auch kein Zurück, nur noch: gemeinsam in den Abgrund.
Bettina Jantzen
Gedanken zum Bühnenbild
In der Eltern-Arena
In Yasmina Rezas Komödie "Der Gott des Gemetzels"geraten Rollenmuster ins Wanken, und der Zuschauerraum wird zum Schauplatz des Geschehens
Zwei Elfjährige haben sich im Park geprügelt, und der Schneidezahn des einen Jungen ist nun in Gefahr. Leider liegt der Grund der Schlägerei im Ungewissen. Trotzdem sind die Eltern entschlossen, mit pädagogischem Feingespür, klaren Absprachen und vor allem mit zivilisierten Umgangsformen diesen Konflikt der Kinder zu klären. Véronique und Michel empfangen Annette und Alain bei Kaffee und Kuchen, um das weitere Vorgehen abzustimmen. Doch schon bald werden subtile verbale Seitenhiebe in verschiedene Richtungen ausgeteilt. Klare Rollenmuster geraten ins Wanken und scheinbar feste Koalitionen zerbrechen.
Alles entwickelt sich vom Versuch der „Aufrechterhaltung der Fassade bis zum Kontrollverlust“ – so beschreibt Claudia Rohner den Verlauf des Treffens. Sie hat das Bühnenbild für die brillante Komödie „Der Gott des Gemetzels“ der renommierten französischen Autorin Yasmina Reza entworfen. Rohners Idee ist es, das Publikum ganz nah und unmittelbar an die Begegnung der vier Erwachsenen heranzuholen: „Man sitzt quasi im eigenen Garten und hört den Nachbarn beim Streiten zu.“ Wie in einer Arena werden die Zuschauenden den Schauplatz umringen, in dessen Mitte sich eine Fläche aus echtem grünem Rasen ausbreitet. Der Kampf, der darauf stattfindet, wird zuerst noch mit Argumenten und – bei Erhöhung des Konfliktlevels – mit handfesten Mitteln geführt. Rohners Fantasie geht dabei so weit, dass „alles in einer Schlammschlacht endet“. Ob es wirklich dazu kommt, darauf kann man gespannt sein.
Um die von Rohner erdachte Arena-Situation entstehen zu lassen, baut die Bühnentechnik des Hans Otto Theaters knapp 200 Stühle im Zuschauerraum des Großen Hauses aus, transportiert diese mit speziellen Hubwagen ab, um sie in Schwerlastregalen auf der Seitenbühne zu lagern. Ein Teil wird auch neu im Raum positioniert. Zugleich werden für jede Aufführung 72 Quadratmeter Rollrasen angeschafft. Der Technische Direktor Tobias Sieben ist gespannt, welche Erfahrungen er und sein Team damit sammeln werden. Interessant und ungewöhnlich ist dabei, dass hier ein nachhaltiger und im wörtlichen Sinne „nachwachsender Rohstoff“ ins Spiel kommt. Er könnte im Anschluss an seinen Bühnenauftritt nämlich weiter genutzt werden, „zum Beispiel zum Ausbessern der Rasenflächen rund um das Theater und auf unseren Terrassen“, so Sieben. Er hofft dabei auf eine Zusammenarbeit mit dem Grünflächenamt der Stadt Potsdam.
Vieles ist also vorbereitet, damit Véronique, Michel, Annette und Alain in der Regie von Bettina Jahnke in einer Arena auf grünem Rasen gegeneinander antreten können. Wer wird welche Niederlage einstecken müssen? Und wer könnte vielleicht den Sieg davontragen? Eines ist auf jeden Fall sicher: „Der Gott des Gemetzels“ steht über allem!
Bettina Jantzen
Alles entwickelt sich vom Versuch der „Aufrechterhaltung der Fassade bis zum Kontrollverlust“ – so beschreibt Claudia Rohner den Verlauf des Treffens. Sie hat das Bühnenbild für die brillante Komödie „Der Gott des Gemetzels“ der renommierten französischen Autorin Yasmina Reza entworfen. Rohners Idee ist es, das Publikum ganz nah und unmittelbar an die Begegnung der vier Erwachsenen heranzuholen: „Man sitzt quasi im eigenen Garten und hört den Nachbarn beim Streiten zu.“ Wie in einer Arena werden die Zuschauenden den Schauplatz umringen, in dessen Mitte sich eine Fläche aus echtem grünem Rasen ausbreitet. Der Kampf, der darauf stattfindet, wird zuerst noch mit Argumenten und – bei Erhöhung des Konfliktlevels – mit handfesten Mitteln geführt. Rohners Fantasie geht dabei so weit, dass „alles in einer Schlammschlacht endet“. Ob es wirklich dazu kommt, darauf kann man gespannt sein.
Um die von Rohner erdachte Arena-Situation entstehen zu lassen, baut die Bühnentechnik des Hans Otto Theaters knapp 200 Stühle im Zuschauerraum des Großen Hauses aus, transportiert diese mit speziellen Hubwagen ab, um sie in Schwerlastregalen auf der Seitenbühne zu lagern. Ein Teil wird auch neu im Raum positioniert. Zugleich werden für jede Aufführung 72 Quadratmeter Rollrasen angeschafft. Der Technische Direktor Tobias Sieben ist gespannt, welche Erfahrungen er und sein Team damit sammeln werden. Interessant und ungewöhnlich ist dabei, dass hier ein nachhaltiger und im wörtlichen Sinne „nachwachsender Rohstoff“ ins Spiel kommt. Er könnte im Anschluss an seinen Bühnenauftritt nämlich weiter genutzt werden, „zum Beispiel zum Ausbessern der Rasenflächen rund um das Theater und auf unseren Terrassen“, so Sieben. Er hofft dabei auf eine Zusammenarbeit mit dem Grünflächenamt der Stadt Potsdam.
Vieles ist also vorbereitet, damit Véronique, Michel, Annette und Alain in der Regie von Bettina Jahnke in einer Arena auf grünem Rasen gegeneinander antreten können. Wer wird welche Niederlage einstecken müssen? Und wer könnte vielleicht den Sieg davontragen? Eines ist auf jeden Fall sicher: „Der Gott des Gemetzels“ steht über allem!
Bettina Jantzen
Weiterführende Links
Verschiedene Beiträge über das Streiten
Yasmina Reza im Gespräch zu ihrem Erzählband „Die Rückseite des Lebens“ (2025):
Konflikteskalation erläutert vom Konfliktforscher Friedrich Glasl