DIGITALES PROGRAMMHEFT

JOKI TEWES UND JANA FINDEKLEE IM GESPRÄCH
Was schätzt ihr an der Graphic Novel „Im Spiegelsaal“ besonders?
FINDEKLEE: Das Thema „Schönheit“ tangiert uns alle. Manche mehr, manche weniger. Wir sind gesellschaftlich von Rollenbildern und auch Schönheitsidealen geprägt, sie beeinflussen unser Handeln und Leben enorm, auch wenn viele Dinge unterbewusst ablaufen.

Wie habt ihr eure Theaterfassung entwickelt?
TEWES: Wir haben uns besonders von den historischen „Schönheitsikonen“ inspirieren lassen, die im Comic vorkommen, und versucht, diese Figuren in Dialogen und Situationen den Strömquist-Text verhandeln zu lassen. Uns war wichtig, auch die philosophischen Inhalte so plastisch und sinnlich wie möglich zu zeigen.
FINDEKLEE: Wir re-enacten nicht einzelne Comic-Zeichnungen, sondern suchen in den fünf Teilen des Comics nach unterschiedlichen Perspektiven auf „Schönheit“ in fünf theatralen Bildern.

Liv Strömquist hat Kaiserin Sisi - Elisabeth von Österreich-Ungarn - im Spiegelsaal der Hofburg bei Wien und in einem Salon mit Trainingsgeräten gezeichnet. Wie hat euch das angeregt?
FINDEKLEE: Unser Raum ist von diesen Trainingsräumen inspiriert. Zentrales Thema ist der Optimierungsdruck, unter dem Menschen in westlichen Gesellschaften stehen, und der sich in der Formung und der Obsession mit dem eigenen Äußeren zeigt.
TEWES: Das 19. Jahrhundert hat viele unserer gesellschaftlichen bürgerlichen Normen bis heute extrem geprägt, und wir sehen Sisi da in gewisser Weise als Startpunkt für viele Phänomene, mit denen wir heute konfrontiert sind. Die Zeichnungen aus der Sisi-Welt sind aber auch besonders schön. Auch absurd, Sport im Brokat/Palast! Das hat uns sehr angesprochen! Sport war im 19. Jahrhundert eine absolute Ausnahme und war, wenn überhaupt, nur dem Adel vorbehalten für Zerstreuung und Zeitvertreib. Deshalb war Sisis Obsession, ihren Körper zu trimmen, so besonders. Für uns heute sind Personal-Trainer der Promis total normal. Demnach ist Sisi eine Trendsetterin!

Das Motiv des bewertenden Blicks taucht immer wieder auf …
FINDEKLEE: Mit diesem Blick sind wir ständig konfrontiert, nicht nur auf der Ebene, wie sehe ich aus, sondern in allen möglichen Bereichen bewerten wir uns Menschen gegenseitig. Durch die neue Form von Öffentlichkeit in Sozialen Medien stehen wir unter einem enormen Druck und sind ständig mit der Selbstbetrachtung beschäftigt.
TEWES: Das ist, was Strömquist mit der Spaltung in ein „privates und öffentliches Ich“ meint. Selbst Kinder werden damit konditioniert, und Jugendliche können sich kaum noch entziehen, wenn sie Teil der sozialen Gruppen bleiben möchten.

Entdeckt ihr in dem Themenfeld Ansätze für lebbare Alternativen?
FINDEKLEE: Strömquist legt die Mechanismen sehr deutlich offen. Zu sehen, was mit uns passiert, ist ein erster Schritt, um etwas zu verändern. Und auch der gemeinsame Dialog, den wir im besten Fall im Theater führen, kann im nächsten Schritt zur Handlung führen.
TEWES: Wie können wir uns von äußeren Einflüssen emanzipieren? Denn wir sind alle auf unsere eigene Art „schön“!

Interview: Bettina Jantzen
„Seid großzügig zu euch selbst!“
Jana Findeklee und Joki Tewes verwandeln die Graphic Novel Im Spiegelsaal von Liv Strömquist in einen Theaterabend über Schönheit.
Die erste Frage geht an euch beide: Habt ihr heute schon in einen Spiegel geschaut? Falls ja, was habt ihr da gesehen?
Jana Findeklee: Ich bin kurzsichtig und habe mich heute Morgen im Spiegel zuerst nicht ganz scharf gesehen. Das ist wie eine Art Weichzeichner, durch den nicht alle Makel sichtbar sind. Als ich dann die Kontaktlinsen reingemacht hatte, dachte ich, okay, so sehe ich also aus. (schmunzelt)
Joki Tewes: Bei meinem ersten Blick in den Spiegel heute habe ich mich auf meinen Frisörtermin nächste Woche gefreut.

Gibt es Verbindungen zwischen eurem Blick in den Spiegel und der Inszenierung von „Im Spiegelsaal“, die ihr gerade vorbereitet?
Findeklee: Auf jeden Fall. Und zwar, dass man dem, was man im Spiegel sieht, mehr Großzügigkeit entgegenbringen sollte.
Tewes: Direkt unter meinem Spiegel, unter dem Waschbecken, steht meine Waage. Seit ich die Graphic Novel gelesen habe, steige ich wesentlich seltener drauf. Und das ist ganz angenehm. (lacht)

Liv Strömquist veröffentlicht seit 2017 mit großem Erfolg ihre Sach-Comics. Sie verarbeitet darin philosophische und soziologische Themen. Warum muss aus eurer Sicht dieser Comic, auch als Graphic Novel bezeichnet, unbedingt auf die Theaterbühne kommen?
Tewes: In den letzten Jahren ist der Einfluss der digitalen Welt sehr viel stärker geworden. Viele Menschen sind extrem beeinflusst von digitalen Bildern und den Schönheitsidealen, die medial transportiert werden. Ständig geht es darum, sich mit anderen abzugleichen. Sich bewusst zu werden, was das bedeutet und was es mit einem selbst macht, ist sehr wichtig.
Findeklee: In dem Comic wird sehr anschaulich gezeigt, dass das Bild, das man von sich selbst hat, und die Selbstbewertung über den Blick von außen funktionieren. Social Media ist dabei zu einer Art Katalysator geworden: Der kritische Blick ist noch kritischer, und er verändert sich noch schneller.

Welche Aspekte aus dem Comic interessieren euch persönlich besonders?
Tewes: Ich bin jetzt Mitte 40. Und mit dem Alter verändert sich einiges. Wie schön bin ich? Wie attraktiv bin ich? Solche Fragen bekommen eine ganz neue Realität. Ich finde mich sehr in Themen wieder, wenn es zum Beispiel um das Älterwerden geht oder um den Verlust von Jugendlichkeit, die als „Schönheit“ gelesen wird.
Findeklee: Ich finde Liv Strömquists Humor ganz wichtig. Durch ihre gezeichneten Situationen und erfundenen Charaktere fasst sie sehr humorvoll schwierige Inhalte zusammen. Diese präsentiert sie auf eine anschauliche und leichte Weise, die einen auch ermutigt, großzügiger und freundlicher zu sich selbst zu sein.

Ist der Comic auch für Männer interessant?
Findeklee: Obwohl mehrere weibliche Schönheitsikonen vorkommen, sind Themen wie der Blick auf den eigenen Körper oder auf die Vergänglichkeit genauso auf Männer übertragbar.
Tewes: Aber der Fokus beim Thema Schönheit liegt im Kapitalismus schon sehr stark auf den Frauen, weil genau hier die größten Geschäfte gemacht werden.

Wie wird dieser Comic zu Theater? Sind die Sprechblasen dann die Dialoge?
Tewes: Ein Comic ist viel näher am Theater dran als zum Beispiel ein epischer Text. Hier gibt es viele tolle Situationen und Dialoge.
Findeklee: Aber nicht jedes Detail können wir 1:1 übertragen. Es braucht eine eigene Erzählform und eigene Bilder. Als Grundlage haben wir uns von den Bildern und Motiven des Comics inspirieren lassen. Die Sprechblasentexte haben wir neu zusammengesetzt oder komprimiert, um sie dann den bei uns auftauchenden Figuren zuzuordnen.

Welche Figuren gibt es?
Findeklee: Es treten Schönheitsikonen aus unterschiedlichen Zeiten auf. Die Kaiserin Elisabeth von Österreich, genannt Sisi, ein Vorleser von Sisi, Marilyn Monroe, der Kardashian-Jenner-Clan …
Tewes: … aber auch Märchenfiguren, Hofdamen, Philosophen und Philosophinnen.

Wie hat euch der Comic bei der Kreation des Bühnen- und Kostümbilds inspiriert?
Findeklee: Unsere Bühnen- und Kostümbilder sind generell eher expressionistisch und damit einer Graphic Novel nicht unähnlich. Hier ging es uns darum, eine kleine Welt zu kreieren, die in ihrer Ästhetik etwas mit dem Comic zu tun hat – eine klare, starke Farbigkeit, die sich von einer sonst schwarz-weißen Welt deutlich abhebt.
Tewes: Und das Skulpturale interessiert uns sehr, das Haptische, das Physische. Auch das wird auf der Bühne zu spüren sein.

Ihr arbeitet immer als Team, Duo, Tandem. Wie würdet ihr es bezeichnen?
Findeklee: Als ein Team, das ein Duo ist. Wir arbeiten beide sehr symbiotisch zusammen. Gleichzeitig sehen wir uns als Teil eines größeren Teams, gemeinsam mit dem Ensemble und den anderen Beteiligten am Theater.

Wie ist eure Zusammenarbeit überhaupt entstanden?
Tewes: Wir kennen uns seit dem Studium. Und haben angefangen, als studentische Frauenbeauftragte zusammenzuarbeiten. Schon damals waren wir ein Team. Das hat sich dann weiterentwickelt in gemeinsamen künstlerischen Arbeiten an der Hochschule.

Ihr habt viele Jahre lang die Bühnen- und Kostümbilder von Inszenierungen namhafter Regisseurinnen und Regisseure kreiert. Gab es besonders prägende Arbeiten?
Findeklee: Ja, zum Beispiel durften wir letztes Jahr mit der chilenischen Compagnie La Re-Sentida arbeiten. Es war sehr inspirierend, jenseits der eher hierarchischen Regieteams der deutschen Theaterlandschaft eine andere Art von Zusammenarbeit zu erfahren. Solche Compagnien kennen die gemeinsame Teamarbeit sehr gut, wo dann jede und jeder seinen Platz findet und alle auf Augenhöhe arbeiten.
Tewes: Obwohl unsere Anfänge mit Frank Castorf schon lange zurückliegen, haben uns diese auf dem Weg nach dem Studium natürlich sehr geprägt – hinsichtlich einer bestimmten Theatersprache, die wir dort gelernt haben, und der Form des Theatermachens.

Worauf seid ihr jetzt bei eurem Regie-Debüt besonders gespannt?
Findeklee: Darauf, wie wir unsere enge Teamarbeit auf die Arbeit mit dem Ensemble übertragen können und wie wir im kollektiven Prozess unsere zuvor entworfenen Bilder und Szenen weiterentwickeln.
Tewes: Ich bin voller Vorfreude auf das Spielensemble und darauf, wie, was wir uns ausgedacht haben, nun lebendig wird.

Interview: Bettina Jantzen
erschienen in ZUGABE-THEATERMAGAZIN 04-2025
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