DIGITALES PROGRAMMHEFT
Zu Stück, Inszenierung und inhaltlichen Hintergründen
Zur Entstehung des Stücks
Text und Inszenierung dieses Theaterabends sind in einer Stückentwicklung entstanden, d. h. zum Probenstart gab es lediglich ein Thema, erste Ideen, einen Titel sowie Entwürfe für Bühnenbild und Kostüme. Am Beginn des Probenprozesses stand eine intensive Recherchephase, in der das Ensemble auf Menschen traf, die besondere Erfahrungen und Perspektiven zum Thema beisteuern konnten. Zugleich brachten die Schauspieler*innen in Gesprächen und Improvisationen eigene Erlebnisse, Ideen, Sichtweisen und Interessen in die Stückentwicklung ein. Daraus entwickelten sich schrittweise erste Figurenskizzen und Handlungselemente. Auf dieser Basis verfasste Autor und Regisseur Jan Neumann sukzessive einen literarisch geformten Theatertext, der parallel zur Inszenierung weiterwuchs und erst kurz vor der Premiere seine endgültige Gestalt annahm.
Regisseur Jan Neumann im Gespräch
Warum spielt der Theaterabend in einer Datschen-Siedlung?
Das Faszinierende an einem solchen Ort ist, dass hier sehr unterschiedliche Menschen und Milieus zusammenkommen und gewissermaßen die große Gesellschaft im Kleinen abbilden: Menschen aus Ost und West, Alteingesessene und Neuzugezogene, Jung und Alt, Familien, Paare, Singles usw. Natürlich erzeugt diese maximale Nachbarschaft von Leuten, die sich sonst häufig in unterschiedlichen Räumen bewegen, auch Konflikte und Reibungen. Was sonst in soziologischen Studien oder auf medial zugespitzte Weise dargestellt wird, begegnet uns hier in Form von konkreten Menschen – mit Gesichtern, Geschichten, Biografien. Dabei spiegeln sich in den alltäglichen Beziehungen auch die großen Fragen, die unsere Gegenwart umtreiben. Das Private ist immer auch politisch.
Aus diesen Konstellationen sind dann Theaterfiguren geworden. Was war dir wichtig dabei?
Während der Probenzeit haben wir gemeinsam mit dem Ensemble konkrete Figuren erfunden – mit Positionen, die auch in den aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten erkennbar sind. Dabei versuchen wir, diese unterschiedlichen Positionen ernst zu nehmen – auch solche, die uns persönlich eher fremd erscheinen oder die wir ablehnen. Das ist ja eine besondere Möglichkeit von Theater: Wir können uns in andere Rollen hineinversetzen, um sie zu erkunden und besser zu verstehen, statt sie gleich einer Bewertung zu unterziehen.
Der Untertitel des Stücks lautet „Komödie der Versöhnung“. Warum?
Die Themen Streit, Konflikt und Polarisierung stehen ja ständig im Fokus der medialen Aufmerksamkeit. Mich hat interessiert, die Perspektive zu wechseln und zu untersuchen, wann, wie und ob Versöhnung möglich sein könnte. Wir alle haben das Gefühl, uns in einer Landschaft voller Gräben zu befinden. Aber bei genauerem Hinschauen stellt man vielleicht fest, dass man je nach Fragestellung mal auf der einen und mal auf der anderen Seite des Grabens steht – oder auch mittendrin. Die scheinbar festbetonierten Fronten brechen auf und es ergeben sich überraschende Verbindungslinien. Trotzdem bleibt Versöhnung natürlich ein schwieriges, ambitioniertes Projekt. Selbst bei den besten Vorsätzen zappelt man schnell wieder im Netz der eigenen Beschränktheit. Und da kommt die Komödie ins Spiel. Je größer der Wille zur Harmonie, desto sichtbarer das Misslingen. Komik entsteht dort, wo Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Außerdem arbeitet die Komödie mit Typisierungen, Zuspitzungen und Übertreibungen. Im Komischen verschiebt sich die Perspektive – und plötzlich wird ein neuer Blick auf eingefahrene Muster und Sichtweisen möglich.
An dem Abend spielen Träume und surreal-märchenhafte Figuren eine große Rolle. Was hat es mit dieser Ebene auf sich?
Mir ist klar, dass die Hoffnung auf Versöhnung eine utopische Dimension hat und angesichts der aktuellen Weltlage auch naiv erscheinen mag. Aber ich will diese Hoffnung nicht aufgeben. Deshalb hatte ich die Idee, die Sphäre des Traums in die Stückdramaturgie hineinzunehmen. Träume bilden einen Möglichkeitsraum, in dem die Wirklichkeit in einem anderen Licht erscheint. Alles könnte auch ganz anders sein. Hier besteht die Freiheit, scheinbar zementierte Abläufe, Zuschreibungen und Verhaltensweisen aufzubrechen und spielerisch neu zusammenzusetzen. Sehnsüchte können Gestalt annehmen. Wichtig ist dabei das Motiv der Verwandlung. Die Figuren zeigen Seiten von sich, die unter den Zwängen des Alltags verborgen bleiben, die aber potenziell in ihnen angelegt sind. Durch diesen Verfremdungseffekt können wir mit der Realität in ein spielerisches Verhältnis treten.
Was sind für dich wichtige Aspekte, die Versöhnung befördern können?
Wenn es mir gelingt, jemandem Aufmerksamkeit zu schenken, zuzuhören, nachzufragen. Und mich selbst dabei ein Stück weit zurückzunehmen. Interesse aufzubringen für die Lebenswege anderer, ihre Brüche, ihre Wunden, ihre Sehnsüchte. Und vor allem: anderen nicht mit Verachtung zu begegnen. Verachtung führt nur dazu, dass sie sich in ihrer Existenz bedroht fühlen und umso fester einmauern.
Das Interview führte Christopher Hanf
Das Faszinierende an einem solchen Ort ist, dass hier sehr unterschiedliche Menschen und Milieus zusammenkommen und gewissermaßen die große Gesellschaft im Kleinen abbilden: Menschen aus Ost und West, Alteingesessene und Neuzugezogene, Jung und Alt, Familien, Paare, Singles usw. Natürlich erzeugt diese maximale Nachbarschaft von Leuten, die sich sonst häufig in unterschiedlichen Räumen bewegen, auch Konflikte und Reibungen. Was sonst in soziologischen Studien oder auf medial zugespitzte Weise dargestellt wird, begegnet uns hier in Form von konkreten Menschen – mit Gesichtern, Geschichten, Biografien. Dabei spiegeln sich in den alltäglichen Beziehungen auch die großen Fragen, die unsere Gegenwart umtreiben. Das Private ist immer auch politisch.
Aus diesen Konstellationen sind dann Theaterfiguren geworden. Was war dir wichtig dabei?
Während der Probenzeit haben wir gemeinsam mit dem Ensemble konkrete Figuren erfunden – mit Positionen, die auch in den aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten erkennbar sind. Dabei versuchen wir, diese unterschiedlichen Positionen ernst zu nehmen – auch solche, die uns persönlich eher fremd erscheinen oder die wir ablehnen. Das ist ja eine besondere Möglichkeit von Theater: Wir können uns in andere Rollen hineinversetzen, um sie zu erkunden und besser zu verstehen, statt sie gleich einer Bewertung zu unterziehen.
Der Untertitel des Stücks lautet „Komödie der Versöhnung“. Warum?
Die Themen Streit, Konflikt und Polarisierung stehen ja ständig im Fokus der medialen Aufmerksamkeit. Mich hat interessiert, die Perspektive zu wechseln und zu untersuchen, wann, wie und ob Versöhnung möglich sein könnte. Wir alle haben das Gefühl, uns in einer Landschaft voller Gräben zu befinden. Aber bei genauerem Hinschauen stellt man vielleicht fest, dass man je nach Fragestellung mal auf der einen und mal auf der anderen Seite des Grabens steht – oder auch mittendrin. Die scheinbar festbetonierten Fronten brechen auf und es ergeben sich überraschende Verbindungslinien. Trotzdem bleibt Versöhnung natürlich ein schwieriges, ambitioniertes Projekt. Selbst bei den besten Vorsätzen zappelt man schnell wieder im Netz der eigenen Beschränktheit. Und da kommt die Komödie ins Spiel. Je größer der Wille zur Harmonie, desto sichtbarer das Misslingen. Komik entsteht dort, wo Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Außerdem arbeitet die Komödie mit Typisierungen, Zuspitzungen und Übertreibungen. Im Komischen verschiebt sich die Perspektive – und plötzlich wird ein neuer Blick auf eingefahrene Muster und Sichtweisen möglich.
An dem Abend spielen Träume und surreal-märchenhafte Figuren eine große Rolle. Was hat es mit dieser Ebene auf sich?
Mir ist klar, dass die Hoffnung auf Versöhnung eine utopische Dimension hat und angesichts der aktuellen Weltlage auch naiv erscheinen mag. Aber ich will diese Hoffnung nicht aufgeben. Deshalb hatte ich die Idee, die Sphäre des Traums in die Stückdramaturgie hineinzunehmen. Träume bilden einen Möglichkeitsraum, in dem die Wirklichkeit in einem anderen Licht erscheint. Alles könnte auch ganz anders sein. Hier besteht die Freiheit, scheinbar zementierte Abläufe, Zuschreibungen und Verhaltensweisen aufzubrechen und spielerisch neu zusammenzusetzen. Sehnsüchte können Gestalt annehmen. Wichtig ist dabei das Motiv der Verwandlung. Die Figuren zeigen Seiten von sich, die unter den Zwängen des Alltags verborgen bleiben, die aber potenziell in ihnen angelegt sind. Durch diesen Verfremdungseffekt können wir mit der Realität in ein spielerisches Verhältnis treten.
Was sind für dich wichtige Aspekte, die Versöhnung befördern können?
Wenn es mir gelingt, jemandem Aufmerksamkeit zu schenken, zuzuhören, nachzufragen. Und mich selbst dabei ein Stück weit zurückzunehmen. Interesse aufzubringen für die Lebenswege anderer, ihre Brüche, ihre Wunden, ihre Sehnsüchte. Und vor allem: anderen nicht mit Verachtung zu begegnen. Verachtung führt nur dazu, dass sie sich in ihrer Existenz bedroht fühlen und umso fester einmauern.
Das Interview führte Christopher Hanf
Trotz aller Gegensätze miteinander auskommen wollen
Ganz zu Beginn der Probenzeit sprach Autor und Regisseur Jan Neumann mit dem Dramaturgen Christopher Hanf über die inhaltlichen Hintergründe dieser Stückentwicklung, über das Spannungsfeld zwischen Streit und Versöhnung und über die Frage, wie ein künstlerischer Umgang mit gesellschaftlichen Spaltungstendenzen aussehen könnte.
Christopher Hanf: Während der Publikumsgespräche zu „7 ½ Brücken“, deiner letzten Inszenierung hier am Haus, wurde immer wieder der Wunsch geäußert, dass es doch eine Fortsetzung geben möge. Willst du mit der „Fröhlichen Zwietracht“ an den Potsdam-Abend anknüpfen?
Jan Neumann: Hinsichtlich der Arbeitsform auf jeden Fall. Weil das eine sehr schöne Erfahrung war, gemeinsam mit dem Ensemble ein Stück zu entwickeln, das die konkrete Lebensrealität hier vor Ort aufgreift und die persönlichen Ideen und Rechercheergebnisse in den Prozess mit einfließen lässt. Was das Thema des Stücks betrifft, wollten wir anfangs eigentlich die Beziehung zwischen Potsdam und Berlin untersuchen. Darüber geriet der so genannte Stadt-Land-Konflikt in unseren Blick, in dem sich viele der Spannungen bündeln, die unser Land aktuell beschäftigen. Also Konflikte zwischen Rechts und Links, Konservativ und Progressiv, Ökonomie und Ökologie, Alt und Jung, Ost und West usw.
Hanf: Soll es also um das Thema gespaltene Gesellschaft gehen, von dem heute überall die Rede ist? Weshalb dann im Untertitel der Begriff Versöhnung?
Neumann: Ich würde die Erzählung einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft eher hinterfragen und tatsächlich an „7 ½ Brücken“ anknüpfen wollen. Da ging es ja auch um den Versuch eines Brückenschlags zwischen verschiedenen Ufern. Mich beschäftigt die Frage, wie groß unsere Sehnsucht ist, die ständigen Grabenkämpfe und Spaltungen zu überwinden und wieder stärker das Verbindende zu suchen.
Hanf: Andererseits bringen Konflikte doch Dynamik in menschliche Beziehungen und die Gesellschaft. Konflikte machen das Leben interessant, führen zu Intensität, bauen Spannungsfelder auf, so dass Energie fließen kann.
Neumann: Klar. Leben ohne Konflikt bedeutet Stillstand. Aber ich habe den Eindruck, dass im öffentlichen Diskurs momentan vor allem verhärtete Frontstellungen thematisiert werden. Die Konflikte werden nicht wirklich ausgetragen, sondern scheinen wie einzementiert. Dabei könnten gerade sie uns voranbringen – sofern wir bereit sind, auch ganz andere Standpunkte kennenzulernen und uns mit ihnen wirklich auseinanderzusetzen …
Hanf: … und Kompromisse zu finden. Leider werden die ja heute häufig als halbgare Notlösung verteufelt. Dabei ist doch die Fähigkeit, Kompromisse zu schließen, die Basis von Demokratie.
Neumann: Die Basis jeder Form gleichberechtigten Zusammenlebens!
Hanf: Nehmen wir ein Beispiel aus unseren Probengesprächen: Jemand kommt hundemüde aus der Frühschicht nach Hause und möchte schlafen. Der Nachbar erwartet aber um vier Uhr Geburtstagsgäste und muss vorher noch den Rasen mähen.
Neumann: Beides ja nachvollziehbare Interessen. Die Frage ist doch: Halte ich das für einen unlösbaren Konflikt? Also breche ich in Hasstiraden aus – über den, der mäht, oder über den, der sich darüber aufregt? Soll Wut ernsthaft die einzige Lösung sein? Oder vereinbaren wir einfach Rasenmähzeiten statt Ruhezeiten. In denen wäre es dann zwar richtig laut, aber wenigstens für alle gleichzeitig. Mit etwas sozialer Fantasie ließe sich die Logik der ewigen Grabenkämpfe verändern – sofern man das möchte.
Hanf: Als Advocatus Diaboli würde ich jetzt mit Schiller entgegnen: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Gerade heute ist doch offensichtlich, dass überall aus Machtgier Konflikte vom Zaun gebrochen werden, um rücksichtslos eigene Interessen durchzusetzen. Oder?
Neumann: Unbestritten leben wir in einer herausfordernden Zeit. Aber ich bin nicht sicher, ob sich tatsächlich die große Mehrheit Rücksichtslosigkeit als alles bestimmendes Prinzip wünscht. Für die Probenarbeit gehen wir jedenfalls von der Annahme aus, dass die Menschen in unserem Stück trotz aller Konflikte und Gegensätze miteinander auskommen wollen. Die Behauptung, dass die meisten trotz unterschiedlichster Standpunkte nach Verständigung suchen, finde ich die deutlich spannendere Versuchsanordnung, als wieder und wieder zu erzählen, wie gespalten wir doch alle sind und wie blöde man die anderen findet.
Hanf: Interessanterweise zeigen ja auch Umfragen, dass die meisten Leute ihre persönliche Situation gar nicht als so krisenhaft empfinden, sondern eigentlich ganz zufrieden sind. Und dass es viel mehr Übereinstimmungen gibt – auch zwischen Stadt- und Landbevölkerung. Aber weil in den Medien permanent schlechte Nachrichten verbreitet werden, wirkt das als selbsterfüllende Prophezeiung. Krisenszenarien erzeugen starke Gefühle wie Wut oder Angstlust, die für Social-Media-Plattformen attraktiv sind, weil sie hohe Klickzahlen generieren. Aber für das gesellschaftliche Klima ist das toxisch.
Neumann: Die dauernde Rede von der polarisierten Gesellschaft halte ich vor allem für ein Narrativ, das die Spaltung vorantreibt. Mag es politische Kräfte geben, die das wollen, um es für sich zu benutzen. Ist aber halt auch die Frage, ob wir das mitmachen wollen. Ich kann meine Nachbarn ja wahlweise auf ein Bierchen in den Garten einladen und feststellen: Ach, die denken zwar anders, haben aber auch gerade Probleme mit ihren älter werdenden Eltern, dem Rücken, den steigenden Preisen ... oder wir brüllen uns am Zaun an wegen Rasenmäherlärm um 14:54 Uhr oder Schmetterlingsökowiesensamen, die den glattrasierten Golfrasen versauen. Die Wahl, was einem da sinnvoller erscheint, hat man ja!
Hanf: Deine letzten Beispiele stammen aus der Gartenkultur. Das hat wahrscheinlich mit dem Schauplatz des Stücks zu tun: einer Ferienhaussiedlung. Wie bist du darauf gekommen?
Neumann: Das ist ja einfach die Gesellschaft im Kleinen, da treffen die unterschiedlichsten Menschen und Milieus aufeinander. Aber alle haben das ungefähr gleichgroße Stück Land, buddeln in ihren Beeten und wollen es sich irgendwie schön machen.
Hanf: Du hast inzwischen einen persönlichen Bezug zur Lebensform Ferienhaussiedlung.
Neumann: Ja, seit drei Jahren bin ich stolzer Datschenbesitzer – und schon viele Jahre davor regelmäßiger Gast in der Siedlung gewesen. Ich finde diese direkte Nachbarschaft von Menschen inspirierend, die sich sonst oft in ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Räumen bewegen: Ost und West, Alteingesessene und Zugezogene, Jung und Alt, Familien, Paare und Singles. Natürlich erzeugt diese maximale Nachbarschaft auch Konflikte und Reibungen. Aber darin liegt ja etwas Wunderbares: Die Verschiedenheit begegnet mir nicht abstrakt medial als zugespitzte Meinung, sondern in konkreten Menschen, mit Gesichtern, Geschichten, Biografien. Ich erlebe dort Gesellschaft stärker als etwas, das aus vielen sehr unterschiedlichen Lebensrealitäten besteht – und das verändert meinen Blick darauf.
Hanf: Der Untertitel der Stückentwicklung lautet: „Eine Komödie der Versöhnung“. Über den Aspekt der Versöhnung haben wir schon gesprochen, aber warum Komödie?
Neumann: Der Versuch der Versöhnung zwischen gegensätzlichen Positionen und Lebensrealitäten ist ein ernstes, ambitioniertes Projekt – gerade, weil er an Unterschiede rührt, die sich nicht einfach auflösen lassen. Der Keim des Scheiterns ist darin ja bereits angelegt. Scheitern gehört zur Komik jedes Clowns. Je größer der Wille zur Harmonie, desto sichtbarer das Misslingen. Komik entsteht, wo Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Die Datschensiedlung hat wunderbares Komödienpotenzial, gerade, weil man es hier besonders nett, idyllisch und friedlich haben möchte – ein so schönes Vorhaben, das aber eben schon am Rasenmäher des Nachbarn scheitert
(erschienen in: ZUGABE Magazin 02/2026)
Christopher Hanf: Während der Publikumsgespräche zu „7 ½ Brücken“, deiner letzten Inszenierung hier am Haus, wurde immer wieder der Wunsch geäußert, dass es doch eine Fortsetzung geben möge. Willst du mit der „Fröhlichen Zwietracht“ an den Potsdam-Abend anknüpfen?
Jan Neumann: Hinsichtlich der Arbeitsform auf jeden Fall. Weil das eine sehr schöne Erfahrung war, gemeinsam mit dem Ensemble ein Stück zu entwickeln, das die konkrete Lebensrealität hier vor Ort aufgreift und die persönlichen Ideen und Rechercheergebnisse in den Prozess mit einfließen lässt. Was das Thema des Stücks betrifft, wollten wir anfangs eigentlich die Beziehung zwischen Potsdam und Berlin untersuchen. Darüber geriet der so genannte Stadt-Land-Konflikt in unseren Blick, in dem sich viele der Spannungen bündeln, die unser Land aktuell beschäftigen. Also Konflikte zwischen Rechts und Links, Konservativ und Progressiv, Ökonomie und Ökologie, Alt und Jung, Ost und West usw.
Hanf: Soll es also um das Thema gespaltene Gesellschaft gehen, von dem heute überall die Rede ist? Weshalb dann im Untertitel der Begriff Versöhnung?
Neumann: Ich würde die Erzählung einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft eher hinterfragen und tatsächlich an „7 ½ Brücken“ anknüpfen wollen. Da ging es ja auch um den Versuch eines Brückenschlags zwischen verschiedenen Ufern. Mich beschäftigt die Frage, wie groß unsere Sehnsucht ist, die ständigen Grabenkämpfe und Spaltungen zu überwinden und wieder stärker das Verbindende zu suchen.
Hanf: Andererseits bringen Konflikte doch Dynamik in menschliche Beziehungen und die Gesellschaft. Konflikte machen das Leben interessant, führen zu Intensität, bauen Spannungsfelder auf, so dass Energie fließen kann.
Neumann: Klar. Leben ohne Konflikt bedeutet Stillstand. Aber ich habe den Eindruck, dass im öffentlichen Diskurs momentan vor allem verhärtete Frontstellungen thematisiert werden. Die Konflikte werden nicht wirklich ausgetragen, sondern scheinen wie einzementiert. Dabei könnten gerade sie uns voranbringen – sofern wir bereit sind, auch ganz andere Standpunkte kennenzulernen und uns mit ihnen wirklich auseinanderzusetzen …
Hanf: … und Kompromisse zu finden. Leider werden die ja heute häufig als halbgare Notlösung verteufelt. Dabei ist doch die Fähigkeit, Kompromisse zu schließen, die Basis von Demokratie.
Neumann: Die Basis jeder Form gleichberechtigten Zusammenlebens!
Hanf: Nehmen wir ein Beispiel aus unseren Probengesprächen: Jemand kommt hundemüde aus der Frühschicht nach Hause und möchte schlafen. Der Nachbar erwartet aber um vier Uhr Geburtstagsgäste und muss vorher noch den Rasen mähen.
Neumann: Beides ja nachvollziehbare Interessen. Die Frage ist doch: Halte ich das für einen unlösbaren Konflikt? Also breche ich in Hasstiraden aus – über den, der mäht, oder über den, der sich darüber aufregt? Soll Wut ernsthaft die einzige Lösung sein? Oder vereinbaren wir einfach Rasenmähzeiten statt Ruhezeiten. In denen wäre es dann zwar richtig laut, aber wenigstens für alle gleichzeitig. Mit etwas sozialer Fantasie ließe sich die Logik der ewigen Grabenkämpfe verändern – sofern man das möchte.
Hanf: Als Advocatus Diaboli würde ich jetzt mit Schiller entgegnen: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Gerade heute ist doch offensichtlich, dass überall aus Machtgier Konflikte vom Zaun gebrochen werden, um rücksichtslos eigene Interessen durchzusetzen. Oder?
Neumann: Unbestritten leben wir in einer herausfordernden Zeit. Aber ich bin nicht sicher, ob sich tatsächlich die große Mehrheit Rücksichtslosigkeit als alles bestimmendes Prinzip wünscht. Für die Probenarbeit gehen wir jedenfalls von der Annahme aus, dass die Menschen in unserem Stück trotz aller Konflikte und Gegensätze miteinander auskommen wollen. Die Behauptung, dass die meisten trotz unterschiedlichster Standpunkte nach Verständigung suchen, finde ich die deutlich spannendere Versuchsanordnung, als wieder und wieder zu erzählen, wie gespalten wir doch alle sind und wie blöde man die anderen findet.
Hanf: Interessanterweise zeigen ja auch Umfragen, dass die meisten Leute ihre persönliche Situation gar nicht als so krisenhaft empfinden, sondern eigentlich ganz zufrieden sind. Und dass es viel mehr Übereinstimmungen gibt – auch zwischen Stadt- und Landbevölkerung. Aber weil in den Medien permanent schlechte Nachrichten verbreitet werden, wirkt das als selbsterfüllende Prophezeiung. Krisenszenarien erzeugen starke Gefühle wie Wut oder Angstlust, die für Social-Media-Plattformen attraktiv sind, weil sie hohe Klickzahlen generieren. Aber für das gesellschaftliche Klima ist das toxisch.
Neumann: Die dauernde Rede von der polarisierten Gesellschaft halte ich vor allem für ein Narrativ, das die Spaltung vorantreibt. Mag es politische Kräfte geben, die das wollen, um es für sich zu benutzen. Ist aber halt auch die Frage, ob wir das mitmachen wollen. Ich kann meine Nachbarn ja wahlweise auf ein Bierchen in den Garten einladen und feststellen: Ach, die denken zwar anders, haben aber auch gerade Probleme mit ihren älter werdenden Eltern, dem Rücken, den steigenden Preisen ... oder wir brüllen uns am Zaun an wegen Rasenmäherlärm um 14:54 Uhr oder Schmetterlingsökowiesensamen, die den glattrasierten Golfrasen versauen. Die Wahl, was einem da sinnvoller erscheint, hat man ja!
Hanf: Deine letzten Beispiele stammen aus der Gartenkultur. Das hat wahrscheinlich mit dem Schauplatz des Stücks zu tun: einer Ferienhaussiedlung. Wie bist du darauf gekommen?
Neumann: Das ist ja einfach die Gesellschaft im Kleinen, da treffen die unterschiedlichsten Menschen und Milieus aufeinander. Aber alle haben das ungefähr gleichgroße Stück Land, buddeln in ihren Beeten und wollen es sich irgendwie schön machen.
Hanf: Du hast inzwischen einen persönlichen Bezug zur Lebensform Ferienhaussiedlung.
Neumann: Ja, seit drei Jahren bin ich stolzer Datschenbesitzer – und schon viele Jahre davor regelmäßiger Gast in der Siedlung gewesen. Ich finde diese direkte Nachbarschaft von Menschen inspirierend, die sich sonst oft in ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Räumen bewegen: Ost und West, Alteingesessene und Zugezogene, Jung und Alt, Familien, Paare und Singles. Natürlich erzeugt diese maximale Nachbarschaft auch Konflikte und Reibungen. Aber darin liegt ja etwas Wunderbares: Die Verschiedenheit begegnet mir nicht abstrakt medial als zugespitzte Meinung, sondern in konkreten Menschen, mit Gesichtern, Geschichten, Biografien. Ich erlebe dort Gesellschaft stärker als etwas, das aus vielen sehr unterschiedlichen Lebensrealitäten besteht – und das verändert meinen Blick darauf.
Hanf: Der Untertitel der Stückentwicklung lautet: „Eine Komödie der Versöhnung“. Über den Aspekt der Versöhnung haben wir schon gesprochen, aber warum Komödie?
Neumann: Der Versuch der Versöhnung zwischen gegensätzlichen Positionen und Lebensrealitäten ist ein ernstes, ambitioniertes Projekt – gerade, weil er an Unterschiede rührt, die sich nicht einfach auflösen lassen. Der Keim des Scheiterns ist darin ja bereits angelegt. Scheitern gehört zur Komik jedes Clowns. Je größer der Wille zur Harmonie, desto sichtbarer das Misslingen. Komik entsteht, wo Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Die Datschensiedlung hat wunderbares Komödienpotenzial, gerade, weil man es hier besonders nett, idyllisch und friedlich haben möchte – ein so schönes Vorhaben, das aber eben schon am Rasenmäher des Nachbarn scheitert
(erschienen in: ZUGABE Magazin 02/2026)
Weiterführende Informationen
Denn worüber es erlaubt sein soll zu streiten, da muss Hoffnung sein, unter einander übereinzukommen.
Immanuel Kant
Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine.
Helmut Schmidt
Gesellschaften brauchen Konflikt und Kritik als Lebenselixier. „Konflikt ist Freiheit“, erklärte einst Ralf Dahrendorf, „weil durch ihn allein die Vielfalt und Unvereinbarkeit menschlicher Interessen und Wünsche in einer Welt notorischer Ungewissheit angemessenen Ausdruck finden kann.“ Allerdings braucht Konflikt auch „eine Kultur der Solidarität und Zusammengehörigkeit“. Die Balance zwischen Konflikt und Solidarität müssen wir uns alle als Bürgerinnen und Bürger abverlangen.
Tim B. Müller (Demokratiehistoriker an der Universität Mannheim)
Die These der unversöhnlich gespaltenen Gesellschaft bestimmt viele Diskurse unserer Gegenwart. Dabei ist diese These in vielerlei Hinsicht zweifelhaft. Vieles hängt davon ab, wie wir die vermeintlich ganz Anderen – Menschen mit anderen Haltungen, mit anderen Herkünften und aus anderen Milieus anschauen. Alles eine Frage der Perspektive, wie es der folgende Videoclip (der vor einigen Jahren von einem dänischen TV-Sender produziert wurde) eindrücklich vor Augen führt:
Immanuel Kant
Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine.
Helmut Schmidt
Gesellschaften brauchen Konflikt und Kritik als Lebenselixier. „Konflikt ist Freiheit“, erklärte einst Ralf Dahrendorf, „weil durch ihn allein die Vielfalt und Unvereinbarkeit menschlicher Interessen und Wünsche in einer Welt notorischer Ungewissheit angemessenen Ausdruck finden kann.“ Allerdings braucht Konflikt auch „eine Kultur der Solidarität und Zusammengehörigkeit“. Die Balance zwischen Konflikt und Solidarität müssen wir uns alle als Bürgerinnen und Bürger abverlangen.
Tim B. Müller (Demokratiehistoriker an der Universität Mannheim)
Die These der unversöhnlich gespaltenen Gesellschaft bestimmt viele Diskurse unserer Gegenwart. Dabei ist diese These in vielerlei Hinsicht zweifelhaft. Vieles hängt davon ab, wie wir die vermeintlich ganz Anderen – Menschen mit anderen Haltungen, mit anderen Herkünften und aus anderen Milieus anschauen. Alles eine Frage der Perspektive, wie es der folgende Videoclip (der vor einigen Jahren von einem dänischen TV-Sender produziert wurde) eindrücklich vor Augen führt:
Auch Steffen Mau, einer der wichtigsten Soziologen Deutschlands, betrachtet das Polarisierungsnarrativ kritisch. Das von ihm gemeinsam mit Thomas Lux und Linus Westheuser 2023 veröffentlichte Buch „Triggerpunkte“ ist ein maßgeblicher Debattenbeitrag zu dieser Thematik. Hier finden sich viele zentralen Thesen des Buches in Interviewform:
Inwieweit Polarisierungsbewegungen im europäischen bzw. weltweiten Kontext eine Rolle spielen, beleuchtet folgender Artikel:
Marie-Luisa Frick, Expertin für politische Philosophie, plädiert für „zivilisiertes Streiten“. In ihrem zu diesem Thema erschienen Buch beschäftigt sie sich u.a. mit folgenden Fragen: „Wie gehe ich mit Menschen um, die nicht meiner Meinung sind? Wo sind in Zeiten von Hate Speech und Co. Grenzen der Meinungsfreiheit erreicht? Welche „roten Linien“ setzt das demokratische Prinzip, welche ziehen die Menschenrechte?“ In folgendem Interview sind einige ihrer zentralen Thesen nachzulesen:
Das Phänomen „Datschensiedlung“ in seiner Tradition und zugleich seiner Bedrohung durch Gentrifizierungsprozesse beschreibt folgender Artikel:
In Märchen und Sagen heißen sie: Zwerge, Wichtel oder Lutken. Sie kommen aus dem Erdreich, sind von kleiner Gestalt und erscheinen den Menschen, um sie zu ermahnen oder ihnen hilfreich zur Seite zu stehen. Über die mythologischen Hintergründe der „Lutken“ (aus dem Sagenkreis der Lausitz) gibt dieser Artikel Auskunft: