DIGITALES PROGRAMMHEFT
Interview mit Regisseurin Alice Buddeberg
„Rutschbahn in die Katastrophe“
Regisseurin Alice Buddeberg über den Mythos der Nibelungen, die Frauenfiguren als Überlebende und die Frage, was der deutsche Held eigentlich ist
Welche Bedeutung haben Mythen für dich?
Alice Buddeberg: Ich komme aus einer Familie, in der die 68er-Diskurse prägend waren. Mein erster Zugang war also, Mythen unter dem Aspekt der Vernunft zu hinterfragen. Aber ich glaube, dass es gewisse Einschreibungen in uns gibt, die sich in Mythen wiederfinden. Einerseits in Form von kulturell erlerntem, tradiertem Verhalten, andererseits in einer Sprache für die unbewussten, nicht rationalen menschlichen Antriebe. Es ist, als wäre in ihnen das, was unter der dünnen Decke unserer Zivilisation rumort, in eine Form gebracht.
Was erzählt dir der Mythos der Nibelungen?
Buddeberg: Für mich geht es sehr stark darum, was eine Gemeinschaft tun muss, um eine solche zu sein, wie sie sich Rituale und Werte für ihren Zusammenhalt schafft – und damit gleichzeitig auch die Ausgrenzung des Anderen, bis hin zur Gewalt. Siegfried und Brunhild erfahren das beide auf unterschiedliche Weise. Im Prinzip geht es um Zivilisation
und deren Auflösung.
In deiner Theaterfassung rückst du die Frauenfiguren ins Zentrum.
Buddeberg: Auch Friedrich Hebbel, auf dessen Dramatisierung unsere Fassung basiert, fokussiert die Frauenfiguren schon, aber aus unserer heutigen Perspektive ist seine Sicht natürlich veraltet. Ich wollte die Frauen als Erzählende etablieren und damit auch als die Überlebenden. Das Stück beginnt bei uns mit einer älter gewordenen, trauernden Kriemhild, die auf ihr Leben und ihre Liebe zurückblickt und fragt, was passiert ist. Sie ringt darum, die Geschichte zu Ende zu bringen und eine Sprache dafür zu finden.
Dadurch gibt es auch eine ungewöhnliche theatrale Setzung: Siegfried ist zu Beginn bereits tot. Der deutsche Held wird zu einer Leerstelle, die von den anderen Figuren immer wieder gefüllt werden muss.
Buddeberg: Ich finde das inhaltlich nur folgerichtig. Es gibt bei Hebbel von Anfang an eine Art unausweichliche Rutschbahn in die Katastrophe. Der unbesiegbare Siegfried reitet in Worms ein und hat Angst; er spürt gewissermaßen seinen Untergang. Alles in diesem Drama zielt auf Vernichtung und Tod. Heiner Müller hat treffend formuliert, dass Siegfried schon todgeweiht ist, als er den Drachen tötet. Das haben wir zugespitzt – in unserer Fassung ist er tatsächlich schon tot. Diese Retrospektive der Geschichte, das Erzählen von und über Siegfried, aber auch das sich darin Verlieren und das Wiedererleben, ermöglichen uns zu hinterfragen, was der deutsche Held eigentlich ist und ob Geschichte wirklich so zwangsläufig ist.
Wie heutig kann man diese mythologisch aufgeladenen Figuren denken?
Buddeberg: Ich glaube, dass der ganze Stoff sehr heutig funktioniert. Die Glorifizierung von Männlichkeit und Heldenmut sind wie eingeschriebene Muster, die bis ins Heute fortwirken. Auch die Erfahrung von Trauer oder Traumata durch sexuelle Gewalt ist immer noch aktuell. Aber es ist notwendig, die Figuren aus ihrer historischen Dimension zu lösen und die Momente von Gewalt und Schuld genau anzuschauen. Bei Hebbel geht es nach der Hochzeitsnacht nicht darum, Brunhilds Vergewaltigung aufzuarbeiten. Der Konflikt entbrennt daran, dass Kriemhild Brunhild mitteilt, dass sie vergewaltigt wurde und Brunhild sich betrogen fühlt, aber nicht vergewaltigt. Das ist eine wirklich irre Verschiebung. Die Schuldfrage oder Brunhilds Trauma werden gar nicht angefasst, stattdessen geht es um Ehre und Konventionen, und so zieht sich eine Decke des Schweigens ein, eine Tabuisierung, welche die eigentliche Schuld nicht mehr bearbeiten lässt. Das gleiche passiert nach dem Mord an Siegfried nochmal, was Kriemhilds Trauer massiv verstärkt: Keiner übernimmt die Verantwortung für die Tat, und ihre Forderung nach einem Gericht läuft ins Leere.
Viele Aspekte daran, nicht zuletzt das kollektive Schweigen, lassen einen sofort an das Nachkriegsdeutschland denken.
Buddeberg: Absolut. Ich lese gerade die Gedichte der DDRSchriftstellerin Inge Müller. Sie ist in der NS-Diktatur aufgewachsen, wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs lebendig verschüttet und erst drei Tage später geborgen. Nach dieser traumatischen Erfahrung hat sie Zeit ihres Lebens darum gerungen, wieder ins Leben zurückzukommen; ihre Gedichte beschäftigen sich stark mit dem Motiv des Übrigbleibens und der Schuld. Das finde ich inspirierend für eine weibliche Erzählperspektive – und auch für eine modern gedachte Kriemhild. Wie findet man überhaupt Worte für diese Grenzerfahrungen, für die Verluste und Beschädigungen des Selbst? Für die historische Schuld und den eigenen Anteil daran?
Wie begegnest du dem Stoff angesichts der rechtspopulistischen Forderung nach Rückbesinnung auf deutsche Werte und Kultur?
Buddeberg: Mit konkreter Angst. Aber meine derzeitige Erkenntnis ist: Solange ich mit der Wirklichkeit arbeiten darf, kann sie mich nicht lähmen. Ich käme mir naiv verträumt vor, jetzt eine andere Geschichte zu erzählen. Dass für eine derart ausgrenzende Identitätsbildung, wie sie propagiert wird, wieder deutsche Mythen und Brauchtum herangezogen werden und das als Kanon einer Gemeinschaft beschworen wird, ist für mich schrecklich. Wir stehen wirklich an einer Schwelle, wie Geschichte weitergehen wird. Angesichts dieser Situation wünsche ich mir sehr, dass sich über die Nibelungen-Untergangserzählung eine Sehnsucht nach anderen Narrativen einstellt, nach der Möglichkeit, andere Geschichten zu denken. Eben nicht von den Helden, die strahlend gekämpft haben, sondern von denen, die es erlitten, erduldet, ertragen haben und trotzdem weitergehen können. Ein ganz unheroisches Überleben. Vielleicht ist das eine lebbarere Geschichte momentan.
Interview: Sina Katharina Flubacher
Alice Buddeberg: Ich komme aus einer Familie, in der die 68er-Diskurse prägend waren. Mein erster Zugang war also, Mythen unter dem Aspekt der Vernunft zu hinterfragen. Aber ich glaube, dass es gewisse Einschreibungen in uns gibt, die sich in Mythen wiederfinden. Einerseits in Form von kulturell erlerntem, tradiertem Verhalten, andererseits in einer Sprache für die unbewussten, nicht rationalen menschlichen Antriebe. Es ist, als wäre in ihnen das, was unter der dünnen Decke unserer Zivilisation rumort, in eine Form gebracht.
Was erzählt dir der Mythos der Nibelungen?
Buddeberg: Für mich geht es sehr stark darum, was eine Gemeinschaft tun muss, um eine solche zu sein, wie sie sich Rituale und Werte für ihren Zusammenhalt schafft – und damit gleichzeitig auch die Ausgrenzung des Anderen, bis hin zur Gewalt. Siegfried und Brunhild erfahren das beide auf unterschiedliche Weise. Im Prinzip geht es um Zivilisation
und deren Auflösung.
In deiner Theaterfassung rückst du die Frauenfiguren ins Zentrum.
Buddeberg: Auch Friedrich Hebbel, auf dessen Dramatisierung unsere Fassung basiert, fokussiert die Frauenfiguren schon, aber aus unserer heutigen Perspektive ist seine Sicht natürlich veraltet. Ich wollte die Frauen als Erzählende etablieren und damit auch als die Überlebenden. Das Stück beginnt bei uns mit einer älter gewordenen, trauernden Kriemhild, die auf ihr Leben und ihre Liebe zurückblickt und fragt, was passiert ist. Sie ringt darum, die Geschichte zu Ende zu bringen und eine Sprache dafür zu finden.
Dadurch gibt es auch eine ungewöhnliche theatrale Setzung: Siegfried ist zu Beginn bereits tot. Der deutsche Held wird zu einer Leerstelle, die von den anderen Figuren immer wieder gefüllt werden muss.
Buddeberg: Ich finde das inhaltlich nur folgerichtig. Es gibt bei Hebbel von Anfang an eine Art unausweichliche Rutschbahn in die Katastrophe. Der unbesiegbare Siegfried reitet in Worms ein und hat Angst; er spürt gewissermaßen seinen Untergang. Alles in diesem Drama zielt auf Vernichtung und Tod. Heiner Müller hat treffend formuliert, dass Siegfried schon todgeweiht ist, als er den Drachen tötet. Das haben wir zugespitzt – in unserer Fassung ist er tatsächlich schon tot. Diese Retrospektive der Geschichte, das Erzählen von und über Siegfried, aber auch das sich darin Verlieren und das Wiedererleben, ermöglichen uns zu hinterfragen, was der deutsche Held eigentlich ist und ob Geschichte wirklich so zwangsläufig ist.
Wie heutig kann man diese mythologisch aufgeladenen Figuren denken?
Buddeberg: Ich glaube, dass der ganze Stoff sehr heutig funktioniert. Die Glorifizierung von Männlichkeit und Heldenmut sind wie eingeschriebene Muster, die bis ins Heute fortwirken. Auch die Erfahrung von Trauer oder Traumata durch sexuelle Gewalt ist immer noch aktuell. Aber es ist notwendig, die Figuren aus ihrer historischen Dimension zu lösen und die Momente von Gewalt und Schuld genau anzuschauen. Bei Hebbel geht es nach der Hochzeitsnacht nicht darum, Brunhilds Vergewaltigung aufzuarbeiten. Der Konflikt entbrennt daran, dass Kriemhild Brunhild mitteilt, dass sie vergewaltigt wurde und Brunhild sich betrogen fühlt, aber nicht vergewaltigt. Das ist eine wirklich irre Verschiebung. Die Schuldfrage oder Brunhilds Trauma werden gar nicht angefasst, stattdessen geht es um Ehre und Konventionen, und so zieht sich eine Decke des Schweigens ein, eine Tabuisierung, welche die eigentliche Schuld nicht mehr bearbeiten lässt. Das gleiche passiert nach dem Mord an Siegfried nochmal, was Kriemhilds Trauer massiv verstärkt: Keiner übernimmt die Verantwortung für die Tat, und ihre Forderung nach einem Gericht läuft ins Leere.
Viele Aspekte daran, nicht zuletzt das kollektive Schweigen, lassen einen sofort an das Nachkriegsdeutschland denken.
Buddeberg: Absolut. Ich lese gerade die Gedichte der DDRSchriftstellerin Inge Müller. Sie ist in der NS-Diktatur aufgewachsen, wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs lebendig verschüttet und erst drei Tage später geborgen. Nach dieser traumatischen Erfahrung hat sie Zeit ihres Lebens darum gerungen, wieder ins Leben zurückzukommen; ihre Gedichte beschäftigen sich stark mit dem Motiv des Übrigbleibens und der Schuld. Das finde ich inspirierend für eine weibliche Erzählperspektive – und auch für eine modern gedachte Kriemhild. Wie findet man überhaupt Worte für diese Grenzerfahrungen, für die Verluste und Beschädigungen des Selbst? Für die historische Schuld und den eigenen Anteil daran?
Wie begegnest du dem Stoff angesichts der rechtspopulistischen Forderung nach Rückbesinnung auf deutsche Werte und Kultur?
Buddeberg: Mit konkreter Angst. Aber meine derzeitige Erkenntnis ist: Solange ich mit der Wirklichkeit arbeiten darf, kann sie mich nicht lähmen. Ich käme mir naiv verträumt vor, jetzt eine andere Geschichte zu erzählen. Dass für eine derart ausgrenzende Identitätsbildung, wie sie propagiert wird, wieder deutsche Mythen und Brauchtum herangezogen werden und das als Kanon einer Gemeinschaft beschworen wird, ist für mich schrecklich. Wir stehen wirklich an einer Schwelle, wie Geschichte weitergehen wird. Angesichts dieser Situation wünsche ich mir sehr, dass sich über die Nibelungen-Untergangserzählung eine Sehnsucht nach anderen Narrativen einstellt, nach der Möglichkeit, andere Geschichten zu denken. Eben nicht von den Helden, die strahlend gekämpft haben, sondern von denen, die es erlitten, erduldet, ertragen haben und trotzdem weitergehen können. Ein ganz unheroisches Überleben. Vielleicht ist das eine lebbarere Geschichte momentan.
Interview: Sina Katharina Flubacher
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Die Gedichte der DDR-Schriftstellerin Inge Müller erzählen von den Zerstörungen und Traumata des Zweiten Weltkriegs. Zeitlebens versuchte sie, ihre eigenen Erlebnisse und Erinnerungen an Gewalt und Schuld schreibend zu bewältigen und sich mit der Poesie ins Leben zurück zu stemmen.
Die Gedichte der DDR-Schriftstellerin Inge Müller erzählen von den Zerstörungen und Traumata des Zweiten Weltkriegs. Zeitlebens versuchte sie, ihre eigenen Erlebnisse und Erinnerungen an Gewalt und Schuld schreibend zu bewältigen und sich mit der Poesie ins Leben zurück zu stemmen.
Ende der 1970er beschrieb Klaus Theweleit in seinem Buch „Männerphantasien“ einen bestimmten Männertypus, der den Faschismus ermöglichte. Seine Analyse zum Faschismus und sexualisierter Gewalt liest sich so aktuell wie eh und je.