Noch ist Raum zum Handeln

Interview mit Regisseur Moritz Peters
Welche thematischen oder stilistischen Aspekte interessierten dich als Regisseur besonders an „paradies spielen (abendland. ein abgesang)“?

Moritz Peters: Zuerst mal das große politische Anliegen. Thomas Köck liegt offenbar sehr viel an der Zukunft unserer Erde, daher verarbeitet er Themen wie den Klimawandel und die Ausbeutung der Lohnarbeit bis zum sich absurd beschleunigenden Turbokapitalismus. Trotzdem wirkt der Text nicht überladen. Mich hat aber auch die Form, eine Mischung aus Textfläche und Figurendialogen, sehr interessiert.

Wie hast du dich gemeinsam mit der Bühnen- und Kostümbildnerin Nehle Balkhausen und dem Musik- und Sounddesigner Marc Eisenschink dem Stoff, diesem komplexen Assoziationsmaterial, genähert? Was war dir wichtig?

Ich wollte die verschiedenen Themen, Geschichten und Formen zeigen und trotzdem eine einheitliche Welt erschaffen. Wir haben nach einem Raum gesucht, aus dem sich diese entwickeln können. So sind wir zu dem zentralen Thema der Ausgrabung aus den Sedimentschichten gekommen, was inhaltlich und ästhetisch zum Leitmotiv wurde. Es ging mir auch darum, den Text als musikalisches Element zu stützen und gleichzeitig atmosphärisch zu arbeiten. Daher haben wir neben Songs und „Geräuschen“ sehr viel Musik, die diese postapokalyptische Stimmung erzeugt. Mir war wichtig – gerade weil der Text so assoziativ ist – alles aus den Schauspielern heraus zu entwickeln. Sie „reißen“ die Szenen an und beenden sie, sie eignen sich die verschiedenen Figuren, Themen und Geschichten an, um mit ihnen forschend etwas über den Zustand unserer Welt herauszufinden. Dabei wollte ich unbedingt neben den ernsthaften auch die komischen Elemente des Textes erhalten.

Drei konkrete Situationen entwickeln sich aus dem „Sediment“ heraus und werden plastisch. Sie scheinen auf den ersten Blick in keinem Zusammenhang zu stehen. Ist das tatsächlich so?

Ich habe gestern versucht, meiner siebenjährigen Patentochter den Inhalt in sehr einfachen Worten zu erklären, und habe festgestellt, dass alles zusammenhängt. Ein Mensch zündet sich an wegen der spätkapitalistischen Auswüchse der Arbeitswelt, an denen zwei chinesische Schneider zugrunde gehen, während die übersättigte Wohlfühlgesellschaft im ewigen nicht mehr haltenden ICE – diese Kleidung tragend – an ihren persönlichen Problemen scheitert und durchdreht. Das alles wird kommentiert und beobachtet von einem Chor, der versucht zu verstehen, warum diese Welt so ist, und von einem jungen Mann, der überlegt, was man denn nun machen könne. Ich denke, Köck möchte uns eben anregen, diese Zusammenhänge zu sehen – er fragt: Wer sieht den Schlafsack, der im Bauzaun flattert, neben dem künstlich atmenden Vater liegen?

Warum rückst du einen siebenköpfigen Chor ins Zentrum deiner Inszenierung? Welches Potential siehst du darin?

Der Chor und das Individuum führen die ursprünglichste Rede und Gegenrede des Theaters. Der Chor kann den Zustand der Welt als Verkünder und Aussprecher thematisieren, ohne unmittelbar zu einer individuellen Handlung gezwungen zu sein. Er hat die Freiheit der Betrachtung, ohne persönlich verknüpftes Schicksal. Diese Aufgabe übernimmt das Individuum, welches sich persönlich zu verhalten hat, welches Schmerz und Trauer und Verantwortung kennt. In diesem Spannungsfeld hoffe ich, interessante Momente kreieren zu können. Aber auch das musikalische Motiv der sich abwechselnden Chor- und Einzelsprache ist ein wichtiger Aspekt. Gesellschaft und Individuum, Masse und Einzelner, ist die entscheidenden Konstellation in der Frage nach der Verantwortung für den Niedergang unserer Welt.

Begleiteten dich Themen über die Probenarbeit hinaus in deinen normalen Alltag?

Ja ständig. Man kann sich nicht mehr entziehen, wenn man Köcks Auftrag, die Zusammenhänge zu sehen und sich „hineinzutrauen in die Betrachtung der Welt“, gelesen hat. Ich reagiere mahnender auf den wieder aufkeimenden Rechtspopulismus. Nach Köck sind die „Züge im Kreis herumgefahren. Ein Jahrhundert lang im Kreis ...“ Und ich versuche sensibler dafür zu sein, dass mein scheinbar lokales Handeln immer Auswirkungen auf die ganze Welt hat. Scheint banal, aber die Lust und Feinheit, mit der Köck das in seinen Sprachbildern vermittelt, sensibilisiert nochmal anders. Irgendwie emotionaler, ohne Schuldzuweisung und Trauer, eher mit körperlicher und poetischer Wucht.

Spiegeln sich ganz aktuelle politische Ereignisse in Thomas Köcks Text, der ja vor einem knappen Jahr uraufgeführt wurde?

Ja. Die USA sind aus dem Klimaschutzabkommen ausgestiegen, der Rechtspopulismus scheint mehr und mehr Teile unseres Landes zu gewinnen, und „normaler“ zu werden. Die Stimmen, die wieder nach oben kommen, von Köck wohl auf Pegida bezogen, marschieren gerade durch Chemnitz und Köthen. Daneben ist natürlich der Pro-Kopf-Verbrauch an Ressourcen in den Industriestaaten immer noch viel zu hoch.

Meinst du, dass Theater in dieser hochkomplexen Welt etwas bewegen kann?

Muss. Sonst muss ich das nicht machen. Die Veränderung zeigt sich vielleicht nicht unmittelbar wie bei einem neuen Gesetzesbeschluss, aber im Sinne der Sensibilisierung der Menschen.

Schon der Stücktitel „paradies spielen (abendland. ein abgesang)“ drückt einen Widerspruch aus. Der Theatertext selbst zeichnet ein dystopisches Bild unserer globalisierten Welt, wir befinden uns darin in einer Postapokalypse. Gibt es keine Hoffnung – ist das „paradies“ verspielt?

NEIN. Das ist das Tolle. Obwohl er in aller Deutlichkeit den katastrophalen Zustand der Welt beschreibt, ruft Köck aus meiner Sicht eher zum „Augen auf!“ auf. Wir sollen die Zusammenhänge erkennen. Er sagt, wenn wir so weitermachen wie bisher, verspielen wir das Paradies. Die Konstruktion des Stückes ist ja auch so, dass es aus einer Zukunft, die beschreibt, wie die Welt einmal aussehen wird, wenn wir so weitermachen wie bisher, auf unsere Gegenwart zurückschaut. Das heißt: noch ist Raum zum Handeln gegeben. Aber nicht mehr lang.

Dramaturgin Bettina Jantzen führte das Interview am 17. September 2018.




 
    

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