Hans Otto Theater

Profil

Das Hans Otto Theater ist das Theater der Landeshauptstadt Potsdam. In seinem 2006 eröffneten großen Bühnenneubau auf der Schiffbauergasse am Tiefen See, dem »Neuen Theater«, und in der zweiten, kleineren Spielstätte nebenan, der »Reithalle«, setzt es auf Ensemble und starke Geschichten. Auf dem Spielplan stehen Themen und Figuren von heute, Theater pur und international, Stücke, Texte und Projekte von Gegenwart bis Klassik, Drama bis Volkstheater, Musical bis Dokumentarspiel, Experiment bis Weltliteratur, in selbstbewussten und spannungsvollen Inszenierungen. Gastspiele, Matineen, Lesungen und Gespräche ergänzen das Programm. Nach zehn warten im »nachtboulevard« Lange Nächte mit Literatur und Dramatik, Diskurs, Musik und Party.

Intendant Tobias Wellemeyer leitet das Hans Otto Theater seit der Spielzeit 2009/10. Sein Stammensemble zählt 25 Schauspielerinnen und Schauspieler. Barbara Bürk, Fabian Gerhardt, Sascha Hawemann, Alexander Nerlich, Isabel Osthues, Stefan Otteni, Elias Perrig, Andreas Rehschuh und Niklas Ritter sowie Tobias Wellemeyer führen in Potsdam regelmäßig Regie.

Ein besonderes Augenmerk gilt der Theaterkunst für junge Zuschauer. Das Hans Otto Theater ist das produktivste und wichtigste Kinder- und Jugendtheater im Land Brandenburg. Jede dritte Premiere und fast die Hälfte der eigenen Vorstellungen richten sich an Kinder, Jugendliche und Familien. Darüber hinaus schafft ein umfangreiches theaterpädagogisches Angebot Begegnungssituationen und gibt Kindern und Jugendlichen Einblick in künstlerische Prozesse. Der Theaterjugendclub bringt jährlich vier eigene Premieren heraus.

In jeder Spielzeit entstehen am Hans Otto Theater 20 bis 22 Neuproduktionen. Zusätzlich steht ein Repertoire von ständig rund 20 weiteren Stücken zur Verfügung. Das Theater Potsdam macht jährlich ein Gesamtangebot von mehr als 600 Veranstaltungen. Hierzu zählen auch die rund 50 Gastspiele, die das Theater im Rahmen des Theaterverbundes des Landes Brandenburg in Frankfurt/Oder und Brandenburg an der Havel zeigt.

Seit 2005 bringt das Hans Otto Theater alljährlich in Koproduktion mit der Kammerakademie Potsdam die »Potsdamer Winteroper« heraus. Während der Rekonstruktionsarbeiten am Neuen Palais ist die Friedenskirche Sanssouci Spielstätte der Potsdamer Winteroper. Geboten werden szenische Aufführungen barocker Oratorien. Das Hans Otto Theater lädt außerdem jährlich zwei Musiktheater-Gastspiele vom Staatstheater Cottbus ins Neue Theater ein.

Geschichte

Der eigentlichen Geschichte des Hans Otto Theaters geht eine wechselvolle Vorgeschichte staatlichen, privaten und städtischen Theaterlebens in Potsdam voraus.
1795 wurde unter König Friedrich Wilhelm II., Nachfolger von Friedrich II., das »Dem Vergnügen der Einwohner« gewidmete »Königliche Schauspielhaus« am Stadtkanal eröffnet. Das Haus, im Volksmund »Kanaloper« genannt, bot Platz für 700 Gäste. Es fungierte zunächst als Spielstätte des Königlichen Nationaltheaters in Berlin, stand unter der künstlerischen Leitung der Berliner Generaldirektion und verfügte über kein eigenes Ensemble. Zum Programm gehörten Schauspiele, Opern und Ballette – sämtlich Gastspiele aus Berlin. Da die Potsdamer Garnison rund ein Drittel der Einwohner stellte, machte neben bürgerlichem Publikum die Militärkaste einen großen Teil der Zuschauerschaft aus. Seit 1846 wurde das Haus von privaten Pächtern und Direktoren mit eigenen Ensembles betrieben. Man zeigte Schauspiele und Opern, dazu Lustspiele und viel Triviales. Die Unternehmungen standen wirtschaftlich auf wackligen Beinen; mehrfach wurde das Haus vorübergehend ganz geschlossen. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs stellte man auf Vaterländisches um. Nach der Novemberrevolution 1918 übernahm der Staat das Theater, um es 1919 einem ehemaligen Offizier, Kurt Pehlemann, als Pächter, Oberspielleiter und Schauspieler zu übergeben. Pehlemann führte gängige deutsche Klassiker, Unterhaltung und Deutsch-Nationales auf. 1924 wurde das Theater in die »Potsdamer Schauspielhaus GmbH« umgewandelt; Pehlemann wurde Intendant. Wenig später wurde das Haus mit öffentlichem Geld und Spenden renoviert und auf 650 Plätze verkleinert. Zur Wiedereröffnung 1929 gab man Schillers »Kabale und Liebe«. Nach 1933 wurde das Repertoire umgestellt: Neben wenig Klassik spielte man leichte Kost und nationalsozialistische Dramatik. Am 25. April 1945 brannte das Theater nach schwerem Artilleriebeschuß aus. Die Ruine wurde 1966 gesprengt. An ihrer Stelle erhebt sich heute ein Wohnhochhaus.

1946 wurde in Potsdam das Brandenburgische Landestheater gegründet. Es fand seine Spielstätte zunächst im historischen Schlosstheater im Neuen Palais von Sanssouci. Für die Eröffnungsinszenierung der ersten Saison wurde »Iphigenie auf Tauris« von Johann Wolfgang Goethe ausgewählt. Ein neuer provisorischer Spielort wurde am 16. Oktober 1949 mit Goethes »Faust I« in der ehemaligen Tanzgaststätte »Zum alten Fritz« in der Zimmerstraße eröffnet. Im Oktober 1952 erhielt das Theater den Namen »Hans Otto Theater« nach dem Schauspieler Hans Otto, der im November 1933 als Kommunist und Gewerkschafter von der SA verhaftet, gefoltert und ermordet wurde.

Ein 1968 beschlossener Wiederaufbau des Potsdamer Stadtzentrums samt Stadthalle und Theater – die Eröffnung war für 1974 geplant – verzögerte sich. 1985 wurde erneut ein Theaterbau geplant; das von Günter Franke, einem der Architekten des Berliner Fernsehturms, geplante Haus sollte 1993 zur 1000-Jahr-Feier Potsdams übergeben werden. Noch vor dem Mauerfall wurde 1989 der Grundstein gelegt. Der bereits fertiggestellte Rohbau wurde jedoch 1991 nach einem Beschluss des Stadtrats abgerissen. (An seiner Stelle wurde im Januar 2014 die Replik des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Potsdamer Stadtschlosses als neuer Sitz des Landtages Brandenburg eröffnet.) Die altgediente Spielstätte in der Zimmerstraße wurde etwa zeitgleich wegen baulicher Mängel geschlossen. Ersatzspielstätten fanden sich einstweilen in der Schiffbauergasse und in der Heinrich-Mann-Allee. Am Alten Markt wurde ein provisorisches Theaterhaus errichtet, das zunächst für fünf Jahre als zentraler Spielort dienen sollte und vom Potsdamer Publikum alsbald den Spitznamen »Blechbüchse« erhielt.

In der »Reithalle«, einem Klinkerbau von 1915 auf dem früheren Industrie- und Militärgelände Schiffbauergasse (an der Berliner Straße) wurde 1998 eine Spielstätte für Kinder- und Jugendtheater eingerichtet. 1999 folgte die Entscheidung, den lang erwarteten Theaterneubau der Landeshauptstadt Potsdam auf dem neu zu erschließenden Kultur- und Gewerbeareal Schiffbauergasse zu errichten. Der Entwurf wurde dem renommierten Architekten und Pritzker-Preisträger Gottfried Böhm übertragen. Im April 2003 wurde der erste Spatenstich gesetzt; im Oktober 2003 erfolgte die Grundsteinlegung. Zur Überbrückung der Bauphase bis zur Inbetriebnahme des Neuen Theaters lud der damalige Intendant des Hans Otto Theaters, Uwe Eric Laufenberg (2004–2009) zwei Spielzeiten lang seine Zuschauer unter dem Motto »unterwegs« an diverse, z. T. exotische,  Ausweichspielorte in der Stadt. Auch in der »Blechbüchse« wurde weiterhin gespielt – das ursprünglich für nur fünf Überbrückungsjahre geplante Provisorium diente bis zu seiner endgültigen Schließung im Juni 2006 vierzehn Jahre lang als Hauptspielstätte des Hans Otto Theaters. Am Wochenende vom 22. bis 24. September 2006, zwei Jahre nach dem Richtfest im September 2004, wurde der Neubau des Hans Otto Theaters, das Neue Theater, feierlich eröffnet.

Intendanten seit 1947

Tobias Wellemeyer (seit 2009)
Uwe Eric Laufenberg (2004 bis 2009)
Ralf-Günter Krolkiewicz (1997 bis 2004)
Stephan Märki (1993 bis 1997)
Guido Huonder (1991 bis 1993)
Gero Hammer (1971 bis 1991)
Peter Kupke (1968 bis 1971)
Gerhard Meyer (1957 bis 1968)
Ilse Rodenberg (1951 bis 1957)
Alfred Dreifuß (1948 bis 1950)
Rochus Gliese (1947/1948)
Fritz Kirchhoff (1946/1947)