REGISSEURIN CARO THUM IM GESPRÄCH

In dem Stück „Freie Wahl“ begegnen wir zwei sehr unterschiedlichen Personen: der Schulabbrecherin Denise und ihrem früheren Lieblingslehrer Bruno. Kannst du uns etwas über sie erzählen?
Bruno ist beruflich etabliert und gründet gerade eine Familie mit seiner Frau, die Karriere als Sprecherin des Innenministers gemacht hat. Er hat ein Haus gekauft und begibt sich sozusagen auf die Bahn eines geordneten, niedergelassenen Erwachsenenlebens. Bei Denise ist das Gegenteil der Fall. Ihre Mutter wurde gerade wegen Terrorverdacht verhaftet, und sie hat die Schule abgebrochen. Sie wird aus der Geborgenheit eines sicheren Kinderlebens geschleudert. Auch politisch stehen sich die beiden Figuren diametral gegenüber. Während Bruno die „radikalen“ Maßnahmen der Regierung zum Klimaschutz gutheißt und sogar die Koalition der Ökopartei mit den Rechten als Mittel zum guten Zweck akzeptiert, lehnt Denise die Regierung ab und glaubt sich in einer Diktatur, die der Bevölkerung die Freiheitsrechte entzieht.

Was ist die Dynamik zwischen diesen beiden Figuren?
Sie ringen permanent miteinander, nicht nur um politische Haltungen, sondern auch ganz konkret um die Preisgabe von Informationen. Mal hat die eine Figur die Oberhand und mal die andere. Die Umschwünge und Strategiewechsel der beiden psychologisch genau zu zeichnen, war mir und den Schauspielenden wichtig.

Esther Rölz hat „Freie Wahl“ 2019 geschrieben. Seitdem ist viel passiert. Inwiefern beeinflussen Entwicklungen der letzten Jahre deinen Blick auf das Stück – und vielleicht auch den des Publikums?
Das Stück ist heute, wenn man so will, deutlich weniger dystopisch, als es noch 2019 war. In der Coronapandemie ergriff die Regierung strenge Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung, und es waren einige Menschen schnell damit bei der Hand „Diktatur!“ zu rufen. Ähnliche Rufe werden im Zusammenhang mit dem Klimawandel laut, wenn die Regierung nun Maßnahmen ergreift, um die Zukunft der nächsten Generationen durch die Bekämpfung der Klimakrise zu retten. Die gesellschaftlichen Gräben sind seit 2019 deutlich tiefer und unversöhnlicher geworden. Dabei werden oft subjektive Meinungen oder gefühlte Wahrheiten mit Fakten verwechselt und Glaubenssätzen wird der Vorzug vor der unbestreitbaren Realität gegeben. Auch das spielt im Stück eine Rolle.

Was ist für dich die Stärke des Stoffes?
Ich muss gestehen, dass ich zunächst Bedenken hatte, das Stück zu inszenieren, weil Denise zumindest teilweise Positionen vertritt, die man aus der Corona- oder auch Klimakrisenleugner*innen-Szene kennt. Ich hatte Bedenken, diese Standpunkte mit dem Stück möglicherweise zu befeuern. Dann dachte ich: „Okay, du sitzt auch ganz schön in deiner eigenen Blase.“ Und das ist der Punkt. Ich glaube, dass wir alle zunehmend Gefahr laufen, unsere Diskursfähigkeit zu verlieren und den Willen, Ambivalenzen auszuhalten. In „Freie Wahl“ werden zwei entgegengesetzte Meinungen gleichwertig gegenübergestellt. Ich halte das für eine gute Gesprächs- bzw. Diskussionsgrundlage, und ich glaube, dass wir als Gesellschaft dringend wieder miteinander sprechen müssen.

Das Interview führte Nina Rühmeier

WEITERFÜHRENDE LINKS

Im Anschluss an die Vorstellung „Freie Wahl“ am 26. Januar 2024 diskutierten die Klimapsychologin Janna Hoppmann, Klimaaktivistin Irma Trommer der Gruppe Die Letzte Generation und die Journalistin Lea Busch über eine der am heftigsten debattierten Fragen unserer Gegenwart: Wie viel Freiheit sollen, können oder müssen wir aufgeben, um jene der kommenden Generationen zu wahren? Wo enden die Spielräume der Demokratie? Und welche Verantwortung trägt dabei jede und jeder Einzelne von uns?
In dem Stück „Freie Wahl“ wird ein Zukunftsszenario entworfen. Darin ergreift die Regierung zum Teil harte Maßnahmen, um den Klimawandel und dessen Folgen zu begrenzen. Aber wie groß ist das Klimaproblem heute? Eine Dokumentation der Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim gibt einen Überblick:
Welche Folgen für unsere Demokratie der Klimawandel haben kann, hat der Journalist Jonas Schaible in seinem Buch "Demokratie im Feuer" auszuloten versucht. Im NS-Dokumentationszentrum in München hat er aus diesem Buch gelesen:
Wie kann man mit Menschen über den Klimawandel sprechen, denen die Klimakrise egal ist? Tipps von der Psychologin Janna Hoppmann:
Was verstehen wir unter dem Begriff Freiheit?