Hintergründe zu Eugen Ruges Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“

Eugen Ruge, 1954 geboren, stammt aus Soswa. Als Kleinkind kam er mit seinen Eltern in die DDR. Er ist diplomierter Mathematiker und arbeitete in Potsdam als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Physik der Erde. Erste schriftstellerische Tätigkeiten begannen 1986. 1988 kehrte er von einer genehmigten Reise in den Westen nicht mehr zurück. Ab 1989 wirkte er überwiegend als Autor und Übersetzer für das Theater und den Rundfunk. Für sein Romandebüt „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ erhielt er 2009 den Alfred-Döblin-Preis. 2011 erschien das Werk und wurde mehrfach ausgezeichnet, so mit dem Aspekte-Literaturpreis und dem Deutschen Buchpreis. Das Buch verkaufte sich in fast 30 Länder und stand mehr als 40 Wochen auf der Bestsellerliste. Heute lebt Eugen Ruge in Berlin und schreibt auf Rügen.

Bereits als Theaterautor hatte er sich dem Stoff in einem Stück gewidmet. Es heißt "Babelsberger Elegie" und wurde Ende 1997 am Theater Magdeburg uraufgeführt. In dem Theaterstück wird am Beispiel eines Funktionärsgeburtstags und seiner spießigen Rituale der Untergang der kommunistischen Führungsriege dargestellt. Er stellte selbst fest, dass der Rahmen eines Theaterstücks zu klein sei, für das, was er eigentlich erzählen wollte. Doch der Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ entstand erst nach dem Tod seines Vaters Wolfgang, der im Dezember 2006 verstarb, und nachdem sich eine Krankheitsdiagnose als falsch herausgestellt hatte. Beides führte dazu, dass Eugen Ruge sich sehr mit seiner eigenen Familiengeschichte befasste. Natürlich spiegelt der Roman die Familiengeschichte unter dem Aspekt der künstlerischen Freiheit, denn Eugen Ruge hat die Figuren im Verhältnis zu den wirklichen Personen teils stark verändert. Und zwar nicht nur Daten oder äußere Umstände, sondern auch die Charaktere an sich.

Aber grundsätzlich bilden folgende reale Geschehnisse in Ruges Familiengeschichte die Grundsäulen des Romans:

Eugen Ruges Vater, Wolfgang Ruge, an den sich die Romanfigur Kurt Umnitzer anlehnt, wurde 1917 in Berlin geboren und wuchs in einem kommunistischen Elternhaus auf. Die Ehe der Eltern zerbrach Anfang der 30er Jahre und 1933, mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, emigrierte Wolfgang mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Walter über Finnland in die Sowjetunion, ins gelobte Land, in dem aber nichts war, wie er es sich vorgestellt hatte. Er erlebte die Zwangssäuberungen und wurde als verdächtiger Deutscher nach Kasachstan umgesiedelt und 1942 nach Soswa in Sibirien gebracht und dort in ein Arbeitslager interniert, wo er vier Jahre unter härtesten Bedingungen lebte. Er wurde aber, anders als Kurt im Roman, nicht aufgrund des Vorwurfs der antisowjetischen Propaganda und Bildung einer konspirativen Organisation interniert. Genau dies passierte seinem Bruder Walter, der im Roman Werner heißt. Im wirklichen Leben überlebte Walter jedoch die Lagerhaft. Auch Wolfgang überlebte Hunger, Entkräftung und die eiserne Kälte. Danach musste er per Dekret noch weitere elf Jahre in der Verbannung leben, wo er auch seine spätere Frau Taissja (die Vorlage für die Romanfigur Irina) kennenlernte. Wolfgang konnte trotz der Verbannung ein Fernstudium in Geschichte absolvieren. 1954 kam der gemeinsame Sohn Jewgeni (Eugen Ruge) auf die Welt und 1956 kehrte die kleine Familie in die DDR zurück. Wolfgang begann als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte der Deutschen Akademie der Wissenschaften und wurde später Professor für die Geschichte der Weimarer Republik. Er gilt bis heute als einer der produktivsten Historiker der DDR und verfasste in seinem Leben über 800 Publikationen.

Zur Zeit seiner Rückreise in die DDR glaubte Wolfgang Ruge noch, dass man einen wirklichen und demokratischen Sozialismus aufbauen könnte. Die Entartung des Sozialismus verband er stark mit der Figur Stalins, der zu dieser Zeit ja bereits seit drei Jahren tot war. Doch er verzweifelte zunehmend daran, dass der Sozialismus so demokratisch, wie er ihn sich gewünscht hatte, nie geworden ist. Wolfgang Ruge verstarb 2006, nachdem bereits Ende der 90er Jahre bei ihm Alzheimer-Demenz diagnostiziert worden war.

Eugen Ruges Großmutter Charlotte arbeitete als Dolmetscherin der Komintern (die Weltorganisation der kommunistischen Parteien). Gemeinsam mit ihrem neuen Lebensgefährten Hans, der ein gelernter Metallarbeiter war, floh sie bereits vor ihren Söhnen nach Moskau. Durch die Trennung von ihrem ersten Ehemann Erwin, dem Vater von Wolfgang und Walter, verlor sie auch mehr und mehr den Kontakt zu den Söhnen. Auch in Moskau blieb der Kontakt lose. Sie und Hans arbeiten dort für die Geheimabteilung OMS, die Abteilung für internationale Verbindungen, weswegen sie bald dazu gezwungen waren, sich ins mexikanische Exil zu begeben, um nicht durch Stalins Handlanger getötet zu werden. Anfang der 50er Jahre kehrten sie in die DDR zurück und ließen sich in Potsdam nieder.
Für die Psychologie der Romanfigur der Charlotte (auffällig, dass Eugen Ruge nur ihren Namen nicht geändert hat) ist der Tod des Sohnes Werner sehr wichtig. Dieser Verlust bringt sie nicht in Distanz zur Partei, sondern bindet sie an sie. Sie hat Werner geopfert. Eine Abkehr von der Partei würde das Opfer sinnlos werden lassen.

Eugen Ruge reiste nach Russland und nach Mexiko, um sich auf Spurensuche zu begeben und um genauer zu verstehen, wo seine Familie herstammt. Er schrieb eine Art Reisetagebuch, dass er unter dem Titel „Annäherung – Notizen aus 14 Ländern“ veröffentlichte. Vieles, was sich in diesen Notizen finden lässt, hat er auch in den Roman einfließen lassen, gerade in seinen Beschreibungen über Alexanders Mexiko-Reise.  

Alexandra Engelmann

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