WAS HABEN WIR GETAN?

„Und was haben wir dazu getan, dass die Zukunft besser wird? Gar nichts!“ Trudel Hergesell, die frühere Verlobte vom gefallenen Sohn des Ehepaars Quangel, gerät in einen handfesten Streit mit ihrem neuen Mann Karl. Anlass dafür ist die Frage, ob die beiden das Recht hatten, sich vom Widerstand gegen Hitler zurückzuziehen und ihr Glück im Privaten zu suchen. Empört hält Trudel ihrem Mann vor, diese Entscheidung sei grundverkehrt gewesen, ein Verrat an ihren innersten Überzeugungen. Im Konflikt dieser beiden Romanfiguren spiegelt sich die zwiespältige Lebenssituation Falladas während der Nazi-Herrschaft. Obwohl er keinerlei wirkliche Sympathie für die braune Ideologie hegt, arrangiert er sich opportunistisch mit dem System. Deswegen reagiert Fallada zunächst auch ablehnend, als 1945 der Dichter und spätere DDR-Kulturminister Johannes R. Becher die Idee an ihn heranträgt, einen Roman über den historisch verbürgten Fall eines Arbeiterehepaars zu schreiben, das mit Postkarten gegen den Nazi-Staat ankämpfte. Fallada will nicht den Eindruck entstehen lassen, das Romanprojekt könnte ihm als nachgeholter Widerstand ausgelegt werden, als wollte er sich damit gleichsam reinwaschen.

Trotzdem beschäftigt er sich mit dem umfangreichen Aktenmaterial, das ihm von Becher ausgehändigt wird. Darin ist dokumentiert, wie Elise und Otto Hampel im Spätsommer 1940 beginnen, überall in Berlin Postkarten mit Botschaften gegen das Hitler-Regime zu verteilen. Bis zu ihrer Verhaftung im Herbst 1942 wurden insgesamt 234 Karten von der Gestapo erfasst. Die Hinrichtung der beiden erfolgte im April 1943. Fallada beginnt schließlich doch mit der Arbeit an dem Roman, gerät in einen wahren Schreibrausch und benötigt weniger als vier Wochen (!), um bis November 1946 die gut 650 Seiten in einer ersten Fassung zu Papier zu bringen. Dabei folgt er in großen Linien den historischen Fakten, erfindet aber eine umfangreiche Nebenhandlung hinzu.Man merkt, dass ihn die Frage nach den Möglichkeiten des Widerstandes immer noch umtreibt: Was können einzelne Menschen bewirken? Welchen Sinn haben scheinbar vergebliche Taten? Wie verändert der Kampf für die gerechte Sache das Leben der Aktivisten? Gibt es eine moralische Verpflichtung, persönliche Opfer zu bringen? Anhand verschiedener Figuren spielt Fallada diese Fragen durch. Dabei fällt auf, dass seine Widerstandskämpfer keine strahlenden Helden sind; vielmehr erscheinen sie als vom Leben gezeichnete, gemischte Figuren mit vielen Charakterschwächen. Aber wenn es wirklich drauf ankommt, denken sie nicht an ihren persönlichen Vorteil, sondern stehen ein für die Werte der Humanität. In ihrem Herzen tragen sie ein sicheres Gefühl dafür, welches Handeln geboten ist, damit Würde und menschlicher Anstand nicht ganz und gar preisgegeben werden.

Dadurch unterscheiden sie sich wesentlich von anderen Figuren, die radikal rücksichtslos nur ihre egoistischen Interessen verfolgen. Der Roman beschreibt nämlich auch – ins Alltägliche heruntergebrochen – wie die rechtspopulistische Diktatur die Herzen der Menschen korrumpiert und deformiert. Wie das System bewusst ein gesellschaftliches Klima befördert, in dem die zivilisatorischen Schranken fallen. In dem Verrohung, Enthemmung und Brutalität gedeihen. In dem feiges, raffgieriges, räuberisches Verhalten belohnt wird. In dem Missgunst, Angst und Argwohn herrschen, weil sich hinter jeder Person ein potenzieller Spitzel und Denunziant verbergen könnte, so dass aller Kommunikation etwas Berechnendes, Kalkuliertes innewohnt. Die Quangels bieten diesem Ungeist die Stirn, sie lassen sich nicht brechen, ihr Widerstand ist zugleich ein Fanal der Menschlichkeit.

Christopher Hanf

Weiterführende Links