Vier Fragen an die Regisseurin Esther Hattenbach

Worin liegt für Sie die Aktualität des Stückes?
Ionesco untersucht gezielt Mechanismen, welche den angenommenen gesellschaftlichen Konsens ins Rutschen zu bringen vermögen. Ihn interessieren insbesondere die Spontanität und Profanität dieser Kipppunkte, die unterschiedlichen Motive der Menschen hierfür und die Macht, die die jeweilige Situation als Folge von Ereignissen auf das Verhalten von Menschen ausübt. Er entwirft folgerichtig eine kugelrunde Miniaturgesellschaft, die sich zunächst in ihrer eigenen ich zentrierten lustigen Verdrängungsschicht des fleischgewordenen Bauchgefühls verliert, gesellschaftlich sukzessiv verrutscht und letztendlich zu einer gewalttätigen Horde Dickhäuter transformiert, die jegliche menschliche Errungenschaften wie Kultur, Rechtsstaat und Humanismus niedertrampelt. 

Trotz der Absurdität und Komik beschreibt Ionesco deutlich den Prozess einer Ideologisierung. Welchen Anteil hat die Komik, welchen der Ernst in Ihrer Inszenierung?
Der Komik kommen meines Erachtens vier wichtige Funktionen zu: das freundliche Annähern an das Publikum, das Erzeugen von Gemeinschaft und das Erzeugen von Erkenntnis, da das Lachen unter anderem auch ein Ausdruck für den Prozess des Verstehens ist, wenn nämlich buchstäblich „der Groschen fällt“ und ein „Aha-Moment“ empfunden wird. Und zuletzt, aber nicht zu vergessen, hat das Lachen eine weitere und wahrscheinlich seine wesentlichste Bedeutung, die schon Friedrich Nietzsche faszinierte, als er feststellte: „Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tötet man.“ Denn das Lachen wird seit Menschengedenken wirksam als Waffe gegen ideologische Diktaturen eingesetzt. 
Der Ernst des Stückes ist der Ernst der gesellschaftlichen Entwicklung, in der wir uns aktuell befinden. Man könnte sagen, die Vorgänge in „Die Nashörner“ sind gar nicht absurd, sie sind längst wieder zur Realität geworden. Aber sehen Sie und urteilen Sie selbst.

In dem Stück passiert etwas total Unglaubliches – ein Nashorn läuft durch die Stadt - doch niemand scheint die Tatsache an sich zu irritieren, alle diskutieren Nebensächlichkeiten. Ist es heute in unserer Gesellschaft ähnlich? Halten wir uns mit Nebensächlichkeiten auf?
Ich denke: ja. Es geht ja nicht nur um die eine Nashorn, das durch die Stadt läuft, sondern um eine Dystopie, eine Untergangsvision unserer Welt, und davon sind wir, man denke nur an die Klimakrise, heute nicht weit entfernt. Und – womit beschäftigen wir uns? Mit Nashörnern und anderen Nebenschauplätzen, aber nicht mit dem Abwenden der Krise.

Wo ist derzeit in unserer Gesellschaft ein Herdentrieb zu erkennen? 
Ich weiß nicht, ob es im Wesentlichen um die Herde geht. Ich glaube, es geht vielmehr um das menschliche Bedürfnis nach Komplexitätsreduktion und Reduktion der kognitiven Dissonanzen. Menschen halten Widersprüche und Uneindeutigkeiten nur sehr schwer aus. Sie fühlen sich überfordert und spüren ihre eigene Fragilität und Schutzlosigkeit. Zudem gibt es, dies muss sich unsere Gesellschaft eingestehen, einige nicht eingelöste Versprechen der Demokratie, da unser Ordnungsprinzip, der Kapitalismus, den demokratischen Grundsätzen in Teilen nicht unwesentlich widerspricht. Es ist eben leider immer noch nicht wahr, dass alle Menschen dieselben Chancen haben, sondern es ist wahr, dass der Dominante, der Starke sich letztendlich durchsetzt. Da man sich aber nur ungern schwach fühlen möchte, kann unter anderem auch eine mächtige Sehnsucht nach Kraft, Stärke, Vitalität und Eindeutigkeit entstehen. Der Hass auf das Fremde ist einfacher als der Hass auf sich selbst, auf die eigene Fragilität. Adorno nennt die Menschen mit dieser Sehnsucht die „autoritätsgebundenen Persönlichkeiten“ und wo uns die am 30. Januar 1933 hingeführt haben, ist bekannt.


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