Bürgerbühnenblog

Foto: Thomas M. Jauk
Liebes Publikum,

wir begrüßen Sie herzlich zu unserem BürgerBühnenBlog. Im Mai werden Sie hier jeden Mittwoch neue Beiträge finden.

"Das offene Mehr", die erste Inszenierung der Bürgerbühne, die gemeinsam mit Schauspieler*innen des Ensembles am 23. Mai Premiere haben sollte, wird aufgrund der Corona-Pandemie in die nächste Spielzeit 2020/21 verschoben.

Aber wir als Bürgerbühne sind in unserem ursprünglichen Premierenmonat präsent. Auch wenn es derzeit nicht möglich ist, sich gemeinsam in einem Raum auszutauschen – unsere Kreativität lebt hier im Blog weiter. 

Wir bloggen Texte, Videos oder auch Podcasts, die speziell hierfür entstanden sind. Es ist eine besondere und manchmal sehr persönliche Reflexion dieser merkwürdigen Zeit, von der wir alle hoffen, dass sie bald enden möge. Denn was uns Menschen ausmacht, ist das soziale Miteinander, das uns derzeit nicht möglich ist. Bis wir wieder persönlich zusammen sein können, bleiben wir virtuell mit Ihnen und untereinander in Kontakt.

Viel Freude beim Verfolgen unseres BürgerBühnenBlogs!

Manuela Gerlach, Oliver Toktasch, Natalie Driemeyer, Alexandra Engelmann
und das Bürgerbühnen-Ensemble

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Kontrolle

von Martin Ahrends
Endlich mal wieder mit dem Enkel (23) reden.
Er: Hat man die Leute in den Pflegeheimen vorher gefragt, bevor man sie isoliert hat? Falls es da jemanden gibt, der Lebensqualität vor -quantität stellt? Und ohnehin damit rechnet, die nächste schwere Krankheit nicht zu überleben? Wie viele der Corona-Toten sind eigentlich an Altersschwäche gestorben? Das taucht in keiner Statistik auf.
Ich: So viel ich weiß, hat man in den Pflegeheimen niemanden gefragt. Der Schutz des Lebens, des Überlebens, gilt als oberste Priorität, was inzwischen auch von offizieller Seite in Frage gestellt wird. Klar, Altersschwäche ist der natürliche Grund zu sterben, und es gibt meistens einen konkreten Anlass, eine Krankheit, die einem früher wenig anhaben konnte. Die Abwehrkräfte haben so weit nachgelassen, dass man daran stirbt. An einer Grippe zum Beispiel.
Er: Im Winter 2017-18 starben laut RKI ca. 25.000 Menschen in Deutschland an der Grippe, so viele wie seit 30 Jahren nicht mehr. Mich hatte es auch ganz schön erwischt. Yamagata hieß die, hat sich niemand gemerkt. Auch ich werde an irgendeiner Krankheit sterben, wenn mein Stündlein geschlagen hat. Dagegen ist nichts einzuwenden.
Ich: Und wenn man so alt ist wie ich, fällt es einem auch nicht schwer zu sterben, dann darf der Tod kommen. In welcher Gestalt – darauf hab ich wenig Einfluss. Es gibt vieles, worüber ich keine Kontrolle hab. Hätte ich immer alles unter Kontrolle gehabt in meinem Leben, dann wäre etwas Dürftiges daraus geworden. Dann würde es Dich zum Beispiel gar nicht geben.
Er: Bin ich ein Unfall zweiter Generation?
Ich: Ein Glücksfall. Dem so genannten Schicksal hab ich seinen Raum gelassen und war immer wieder überrascht, was sich dadurch für neue Räume eröffneten. Kontrolle in Balance. Mein Leben ist nie nach Plan verlaufen und war nie zu leicht. Liebe, Sinn und Not, die drei Essentials von Rilke haben mich satt gemacht, seelensatt. Und wer am Lebensende so gesättigt ist, der ist auch bereit, zu gehen.
Er: Moment mal, so war das nicht gemeint, Opa. Nicht so persönlich.
Ich: Weiß ich doch.




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Morgenwonne

Joachim Ringelnatz gelesen Eva Reuss-Richter

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.
Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
betiteln mich "Euer Gnaden".
Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.




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Die Gier macht Zwangspause!

von Ulrich Pöll
Wenn die Viren wachsen, muss die Menschheit sich schützen.
Verteidigung gegen den Angriff der Natur hat viele Gesichter.
Erst bleibt die Lungeninfektion noch Privatsache. Es kann ja jedem mal passieren, eine Bronchitis ist doch ein normales Ereignis im Winter. Doch dann fliegen die kleinen Unholde, Corona genannt, mit jedem Husten durch die Luft und suchen einen neuen Hafen, um sich zu vermehren. Sie werden schnell mehr, die Menschen sind auf diese Eindringlinge nicht eingestellt. Man merkt sie erst nach 14 Tagen oder gar erst nach 20.

Aber dann haben sich diese schlechten Geister schon massenhaft vermehrt, exponentiell, und jeder Husten, der freundliche Händedruck oder die Umarmung reichen für sie aus, um sich ungehindert Zutritt zu verschaffen. Sie schlüpfen in die ahnungslosen Lungenzellen des Umarmten, stellen deren Stoffwechsel auf Virenproduktion um und schon geht es los. Nach 20 Minuten ist die Brut fertig, sprengt ihre Ernährerzelle und breitet sich in der Nachbarschaft aus. Ehe das Immunsystem diesen Angriff erkannt und entsprechende Antikörper produziert hat, sind schon Massen von menschlichen Zellen befallen. Es herrscht Krieg im menschlichen Körper, die Abwehr wird mobilisiert. Wie schnell und wie effektiv, hängt von der Stärke des Menschen ab, von seiner Abwehrarmee an Killerzellen und von der Produktion von Antikörpern.
Die Alten und bereits anderweitig Erkrankten gehören zur Risikogruppe; für sie ist der Kampf möglicherweise chancenlos, ohne Stabilisierung von außen können solche Menschen sterben – ein ganz natürlicher Vorgang in dieser Welt.
Gesundheit ist ein relativer Zustand. Angriffe durch Bakterien und Viren gehören dazu. Aber wir leben in einer Gesellschaft, in der Krankheit systematisch aus unserem Leben verbannt wird, weil sie den normalen Ablauf stört. Die einwandfreie Funktion jedes Mitglieds in dieser Gesellschaft ist eingeplant und auf Effektivität ausgerichtet. Krankheiten stören das Wirtschaftswachstum und die Gewinnmaximierung, sie sind die Achillessehne der kapitalistischen Gesellschaften. „Das offene Mehr“ an Viren und Bakterien bedeutet den Niedergang der Aktienkurse.

Das ist Leben! Wachsen und Grenzen des Wachstums.
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Brücken bauen

von Lea Richter
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Mehr als vermitteltes Wissen

von Martin Ahrends
Die Hochschule fordert mich auf, meine Veranstaltungen digital durchzuführen. Man gibt mir Werkzeuge zur Hand: digital tools. Geht das? In meinen Kursen lernen wir uns auf eine Weise kennen, für die es sonst kaum Gelegenheit gibt: Im philosophischen, zeithistorischen, literarischen Dialog.
Was in so einer Veranstaltung vor sich geht, was jeder der Teilnehmenden für sich mitnimmt, ist viel mehr als vermitteltes Wissen. Gruppendynamische Prozesse werden oft unbewusst in Gang gesetzt und erlebt. Eine Generation findet sich, Menschen, anwesend mit allem, was sie sind. Da verlieben sich Zwei und wissen nicht, wie es zustande kam.
Etwas zur Sprache bringen, sich mitteilen ohne noch den geeigneten Weg zu kennen, sich ausprobieren, weil man den Anderen spürbar trauen kann: Dafür sind digitale Medien bestenfalls Notbehelfe. Am Bildschirm fehlt die Atmosphäre, die leisen Lacher, Betroffenheit, auch körperliche Reaktionen. Nachdenken in der Gruppe ist etwas anderes als vorm Bildschirm.
Was ereignet sich zwischen präsenten und was zwischen verschalteten Menschen? Was wissen wir über die unterschwelligen Signale? Am Bildschirm ist es schwer auszuhalten, wenn niemand etwas zu sagen hat. Wenn plötzlich so ein Loch entsteht, ein kollektives Schweigen, das alles Mögliche bedeuten kann, das seinen Raum braucht, um gedeutet zu werden, bevor es gebrochen werden kann. Präsenz-Veranstaltungen sind eine der wenigen Chancen, sich zu zeigen und einander trauen zu lernen. Und zu erfahren, dass man selbst und diese gegenwärtigen Anderen mehr sind als das, was auf einen Bildschirm passt.



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Ein Fest in Zeiten von Corona

von Eva Reuss-Richter
„Blattgold“ sagt der Kassierer anerkennend, als er die Großpackung Toilettenpapier über den Scanner zieht. Ich muss lachen. Ja, das trifft es genau. Endlich ein Volltreffer, nach zwei Wochen vor leeren Regalen, mit schwindendem Vorrat zuhause. Blattgold!

Jetzt wäre genug da für die große Gesellschaft, die vielen Gäste zur Goldenen Hochzeit in ein paar Tagen. Aber daraus wird nichts. Die Kinder und Enkelkinder, die Freunde, die Vertrauten und Wegbegleiter seit 50 Jahren müssen fernbleiben.

Wegen Corona.

Die Goldene Hochzeit wird im kleinsten Kreis, also zu zweit, gefeiert.
 
Aber wie?

Nicht einmal schick ausgehen können wir. Kein Theater, kein Restaurant, keine Bar.

Aber irgendetwas ganz Besonderes sollte doch sein, wenn man 50 Jahre Ehe feiert.

Was könnten wir denn unternehmen?

Wir könnten einen Ausflug machen, zum Park, in die Natur, ans Wasser.

Wir werden ein schönes Frühstück haben und abends etwas Leckeres kochen.

Wir kaufen einen großen Blumenstrauß.

Wir hören auf dem Sofa ein Konzert – ganz nach unseren Wünschen – von unseren vielen CDs.

Aber so etwas machen wir doch jeden Tag! Das ist doch nichts Besonderes!

Nein? Nichts Besonderes?

Auf einmal wird mir klar, wie reich wir sind, wie unermesslich reich. Sogar in Zeiten von Corona.

Wir können jeden Tag zu einem Festtag machen.

Wir können alle Köstlichkeiten kaufen.

Wir können Musik hören, wann und so viel wir wollen.

Wir können uns bewegen, wo wir wollen.

Wir haben eine Familie und viele Freunde, die uns verbunden sind und aus der Ferne grüßen.

Und wir haben einander, um diesen Tag zu zweit zu genießen. Jeden Tag, seit 50 Jahren.

So werden wir, damit etwas Außergewöhnliches stattfindet an diesem Tag, abends im Wohnzimmer eine Flasche Champagner köpfen. Und vielleicht ziehen wir uns ein bisschen festlich an. Nicht ganz so festlich wie vor 50 Jahren, aber doch ...

Oder wir bleiben den ganzen Tag im Bett. Das geht fast nur in Corona-Zeiten.



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1,5 meter hoch zwei

von Lydia Schanze
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Und auf einmal steht es neben dir

Joachim Ringelnatz gelesen von Eva Reuss-Richter

Und auf einmal merkst du äußerlich:
wieviel Kummer zu dir kam,
wieviel Freundschaft leise von dir wich,
alles Lachen von dir nahm.
Fragst verwundert in die Tage.
Doch die Tage hallen leer.
Dann verkümmert deine Klage ...
Du fragst niemanden mehr.
Lernst es endlich, dich zu fügen,
von den Sorgen gezähmt,
willst dich selber nicht belügen,
und erstickst es, was dich grämt.
Sinnlos, arm erscheint das Leben dir,
längst zu lang ausgedehnt. –
Und auf einmal – steht es neben dir,
an dich gelehnt.
Was?
Das, was du so lang ersehnt.



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Theater ohne Körperkontakt!?

von Ulrich Pöll
Geht das überhaupt?
Spielen wir doch einfach die Dinge mal gedanklich durch!
Der Mensch hat fünf Sinne.
Ein kleines Virus hat die Welt verändert. Wer überleben will, sollte daher Abstand halten, einen Mindestabstand von 1,5 Metern, andere sprechen von 2 Metern, zusätzlich wird eine Schutzmaske empfohlen.

Theaterstücke der klassischen Art von Shakespeare, Schiller, Goethe oder Kleist haben uns bisher auf eindringliche Weise sichtbar und fühlbar gemacht, zu was der Mensch fähig ist. Was Gefühle sowie Missverständnisse machen können und Herrschaft anrichten kann oder auch, dass Liebe Berge versetzen kann.

Eine wesentliche Aufgabe von Schauspielern ist es, diese Texte auf der Bühne zum Leben zu erwecken und sie für das Publikum sinnlich erfahrbar zu machen. Dadurch werden sie direkt und berührend.
Aber Theater ist physisch. Es gehört dazu, dass die Spieler auch über ihren Körper miteinander agieren und reagieren. Einen Mitspieler z. B. anzugreifen, zu verletzen oder in den Arm nehmen oder tragen zu können, sind unausgesprochene Handlungen, die möglicherweise eine Textaussage in sein Gegenteil verkehren und damit einen Konflikt sichtbar machen können.
Was wäre Theater ohne Gesichter, ohne Mimik? Wenn eine Gesichtsmaske diese verdeckt?
Das Publikum erhält durch die Körpersprache neue Einsichten, kann den Text anders begreifen, sieht und hört Dinge, die jenseits der Worte liegen und erlebt damit Schauspiel als ein ganzheitliches Ereignis.
Was passiert aber, wenn Schauspiel ohne Berührungen auf der Bühne auskommen muss? Wenn der Mindestabstand von 2 Metern eingehalten werden muss? Wenn man sich nur noch verhüllt mit einer Maske einem anderen Menschen zuwenden kann?
Was ist dann z.B. Liebe, wenn man sich nur noch Handküsse zuwerfen darf?
Wenn Annäherung oder Nähe in Zeiten der Pandemie gefährlich, unvernünftig, verantwortungslos gegenüber dem Partner ist, was ist dann noch möglich?
Wird man dann ein Stück wie „Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind noch aufführen können?
Wie kann so ein Frühling eines jungen Paares auf Abstand aussehen? Ersetzt man den Spielpartner aus Fleisch und Blut durch Plastikpuppen oder Roboter? Geht das?

Dank digitaler Medien können wir Theaterstücke über das Internet erleben.
Theater im Fernsehen oder am Computer kann allerdings das Erlebnis nicht ersetzen, das wir bei einem Theaterbesuch haben.

Bringen wir diese Gedanken aus dem Theater in unseren Alltag.
Menschliches Zusammenleben ohne Berührungen kann doch nur ein Ausnahmezustand sein! Wer wird das auf Dauer aushalten? Sich verlieben unter Corona-Abstinenz mag eine Zeit lang überdauern, doch welche Beziehungen werden solche Paare entwickeln?
Angenommen, Corona oder eine der Folgepandemien erzwängen ein zölibatäres Leben! Wie soll das gehen?
Wenn es schon keine Menschen mehr sein dürfen, werden wir unser Bedürfnis nach Liebe durch eine Nähe zu Robotern ersetzen können, plüschig weich, stets anwesend, mit beruhigender Stimme, Zuversicht vermittelnd, wie die Roboter in Altenheimen für Demenzkranke?
Zugegeben sind die Beispiele etwas zugespitzt, doch was ich sagen will ist, dass wir soziale Wesen sind und eine Isolation trotz technisch herstellbarer Kontakte auf Dauer nicht auszuhalten ist. Wir brauchen uns als Mitmenschen.

In den derzeit geforderten Beschränkungen liegen allerdings auch Chancen, neu wahrzunehmen, was uns die Anderen bedeuten, was geteilter Raum und geteilte Zeit bedeuten. Die menschlichen Kommunikationsmöglichkeiten neu zu entdecken und neue Gestaltungsideen zu entwickeln, hierin liegt eine Chance.
Theater in Zeiten von Corona stellt Regisseure und Dramaturgen vor neue Aufgaben. Die Lebenssituation vieler Familien, der Verlust des Arbeitsplatzes wird zum dramatischen Stoff der nächsten Jahre.
Doch auch für unsere private Welt brauchen wir neue Ideen. Die Bedingungen in einem Altenheim zu Zeiten der Pandemie machen es uns deutlich. Seien wir aber ehrlich, für einige Heimbewohner ist dieser gegenwärtige Zustand des Alleinseins schon lange der Normalzustand. Alleine zu sterben ist wohl sehr bitter, auch bei den Anverwandten dürften solche Zustände seelische Schäden hinterlassen. Vielleicht ist es doch mittlerweile sinnvoll, eine neue Risikodiskussion zu führen.



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Konsumlaune

von Martin Ahrends
Ja, die dürfen das: Sie dürfen uns bei unseren Instinkten packen und uns verführen wer weiß wohin, ohne dabei auf die Umwelt oder auf unseren Weg zum Menschsein Rücksicht zu nehmen. Sie dürfen es auch noch Lebensstil nennen. Und nun sehn wir ihre erschrockenen Gesichter im Fernsehen, wenn sie Hilfen fordern und die mangelnde Konsumlaune beklagen. Der gemeine Verbraucher verweigert sich mehr oder weniger freiwillig, er ist auf Entzug, er tut nicht, was er soll: Enddarm des Wirtschaftsorganismus zu sein, es ist eine große Verstopfung zu beklagen, die Autos stehen auf Halde und eine Abwrackprämie soll das Abführmittel sein. Was ist denn schon am Boden? Unsere Konsumsucht ist es. Die Flieger sind es. Wollten wir das nicht? Das Ende der so immens kostspieligen Billigfliegerei? Des Massentourismus? Dass unsere schlechten Angewohnheiten so schnell überflüssig wurden: Das ist kein Weltuntergang, sondern ein gutes Zeichen. Und wir fragen uns jetzt: Dürfen wir unseren Lebensstil den Vermarktern überlassen? Können wir in dieser Krise Selbstbestimmung zurückgewinnen über die Art, wie wir leben wollen?



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Maskenspiel

von Rosemary Rosendahl
Eine Maske muss her?
Was macht eine alte Frau, die nicht vor die Tür darf?
Im Haus habe ich deswegen alle Ecken abgesucht!
Ich wundere mich, was ich alles gefunden habe – aber die richtige Maske war, glaube ich, nicht dabei.
Foto privat

Die ersten, die ich gefunden habe, hängen an der Wand als Erinnerung an unsere drei Jahre in Kenia – aber sie sind zu groß, zu klein, zu hart, gar nicht praktisch.
Foto privat
Dann die Schlafmaske für die Flugreise – damit kann ich nichts sehen, und sie bietet keinen Mundschutz!
Foto privat
Die Katzenmaske und die Maus aus der Karnevalskiste machen mich zwar unkenntlich, aber Schutz? Nein!
Foto privat
Die Skibrille in Übergröße schützt zwar die Augen – aber sonst?
Foto privat
Die selbstgebastelte Hexenmaske aus einem früheren Theaterkurs schreckt alle Menschen ab, aber sicher nicht den verflixten Virus!

Foto privat
Also bleibt mir nichts anderes übrig, als Empfehlungen im Internet zu durchforsten – und aus einem alten Kissenbezug habe ich einfache Gesichtsmasken genäht!
"Danach" werden sie hoffentlich, wie die anderen Schätze, irgendwo in den Ecken verschwinden.



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Was Dann?

Eva Reuss-Richter liest Joachim Ringelnatz

Wo wird es bleiben,
Was mit dem letzten Hauch entweicht?
Wie Winde werden wir treiben -
Vielleicht!?
Werden wir reinigend wehen?
Und kennen jedes Menschen Gesicht.
Und jeder darf durch uns gehen,
Erkennt aber uns nicht.
Wir werden drohen und mahnen
Als Sturm,
Und lenken die Wetterfahnen
Auf jedem Turm.
Ach, sehen wir die dann wieder,
Die vor uns gestorben sind?
Wir, dann ungreifbarer Wind?
Richten wir auf und nieder
Die andern, die nach uns leben?
Wie weit wohl Gottes Gnade reicht.
Uns alles zu vergeben?
Vielleicht? - Vielleicht!
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In Isolation

von Stefan Reschke
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Theater in Zeiten von Corona

von Eva Reuss-Richter
Foto: Privat
Eine gute Nachricht, eine supergute Nachricht:
Auch in diesen Zeiten, gerade in diesen Zeiten, brauchen wir auf das Theater nicht zu verzichten. Im Gegenteil: Wir bekommen Schauspiel, Oper, Konzerte ins Haus geliefert, jeden Abend ein anderes Programm und kostenlos! Wir werden geradezu überschüttet mit Kultur, für die wir sonst viel Geld bezahlen. Und wir müssen dazu nicht einmal das Haus verlassen. Ein paar Klicks genügen!
Ich sitze jeden Tag vor dem Bildschirm und konsumiere. Musik, Oper, Komödien, Tragödien, Klassisches, Modernes, von den renommiertesten Bühnen, mit den berühmtesten Künstlern der Welt. Manchmal mehrere Aufführungen am Tag.
Ich bin beeindruckt, ich bin dankbar, ich fühle mich beschenkt.
Aber etwas fehlt. Das beglückende Gefühl, das mich beschwingt zum Theater und wieder nach Hause gehen lässt, stellt sich nicht ein.

In den Zeiten vor Corona war es so:
Mein Theaterabend beginnt lange vor der Aufführung. Eine Ankündigung weckt mein Interesse. Ich bemühe mich um Karten und freue mich, dass ich welche bekomme, vielleicht sogar gute Plätze. Jetzt ist die Vorfreude da, jeden Tag ein bisschen mehr. Am Tag der Aufführung spüre ich ein Prickeln, eine Art Ungeduld, Spannung. Ich plane den Tag so, dass alles zusammenpasst. Ich will Zeit haben. Ich will mich in Ruhe umziehen und auf den Weg machen. Ich will sehen, wie das Publikum zum Theater strömt. Ich genieße das Betreten des Hauses, das Gedränge der Menschen, gut gekleidet, gut gelaunt, gespannt wie ich. Sie suchen, entdecken einander, begrüßen sich freundlich, herzlich oder distanziert. Ich beobachte lauter kleine Szenen schon im Foyer. Ich genieße das Stimmengewirr, die Wärme, den Duft. Ich genieße es, meinen Platz zu finden, von dort durch den Raum zu schauen, zu den Rängen, zur Decke, über die Reihen, in dem Meer von Gesichtern nach Bekannten zu suchen. Ich genieße es, mich zu setzen, über den Stoff des Sitzes zu streichen, mich anzulehnen, herauszufinden, wie ich zwischen den Köpfen vor mir am meisten von der Bühne sehe. Noch immer kommen Leute, suchen die wenigen noch freien Plätze. Die Türen werden geschlossen. Das Licht verschwindet. Die Stimmen werden leiser, verstummen. Wehe, wenn jetzt noch einer redet. Nichts ist so köstlich wie die erwartungsvolle Stille, bevor der Vorhang sich öffnet. Die Vorstellung beginnt! ...
Aus dem Dunkel heraus belebt sich die Bühne. Licht. Geräusche. Musik. Die Schauspieler. Ich höre ihre Stimmen, ihre Schritte, von rechts, von links, aus der Mitte, das Rauschen der Kostüme. Ich sehe das Bühnenbild. Sehe die Schauspieler im Bühnenbild. Ich sehe die ganze Bühne, die Darsteller, wie sie zueinander stehen, wie sie sich zueinander bewegen, wie sie einander ansehen. Ich sehe Gesten, große und versteckte. Ich sehe Gesichter, schöne, hässliche, freundliche, ärgerliche, erschrockene, alte, junge. Ich sehe und höre das, was ich sehen will, was sich mir als wichtig präsentiert. Ich spüre die Stimmung im Publikum. Jeder sieht und versteht sein Stück.
In Zeiten von Corona, vor dem Bildschirm, treten die Schauspieler, das Bühnenbild, die Choreografie, sogar die Regie in den Hintergrund. Ich sehe das, was die Kamera mir zeigt.
Ich sehe das, was den Kameramann interessiert und was die Bildregie mir zeigen will. Ich sehe von immer wechselnden Plätzen, oft von ganz nah, Gesichter, Augenbrauen, Nasenlöcher, Münder, Schminke, Schweißperlen, Hände, Füße, Gestalten vor Requisiten, Gestalten ohne Gegenüber. Ich höre Schritte, ohne zu erfahren, wem sie gehören, wohin sie gehen. Ich höre Stimmen aus immer derselben Richtung. Ich sehe ein Stück, aber ich sehe nicht mein Stück.

So diskutieren wir danach nicht wie früher über das Stück und die Inszenierung, sondern darüber, wie Kamera und Bildregie das Stück gesehen und verstanden haben.

Wie gesagt, ich bin froh über die vielen Aufzeichnungen, ich weiß sie zu schätzen.
Aber ich freue mich auf die Zeit, wenn ich nicht mehr konsumiere, sondern wieder ins Theater gehe und die Aufführung sehe, durch die die Regie, die Schauspieler mich führen. Ich freue mich auf das Gefühl, einen beglückenden Theaterabend erlebt zu haben.


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Ich wünsche mir

von Ulrich Pöll
Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der …

•  Gegenstände, Produkte des alltäglichen Gebrauchs, noch einen Wert haben.
•  Waren, die ich kaufe, aus soliden Materialien hergestellt werden, haltbar sind und reparierbar.
•  Lebensmittel mit Sorgfalt hergestellt und Waren nicht in Massen zu Billigpreisen verscherbelt
   werden.
•  es wieder weh tut, wenn ich etwas wegwerfe.
•  die Natur, der Boden, die Luft, das Wasser, die Tiere und Pflanzen mit Respekt und Achtung
   behandelt werden und man mit ihnen sorgsam und sparsam umgeht.

Ich wünsche mir, dass …

•  man die Natur um uns herum wie ein Geschenk, wie ein geliebtes Wesen achtet.
•  wir unsere Kinder so erziehen, dass sie die Erde bewahren lernen.
•  wir eine Kultur entwickeln, in der die Entnahme und die Rückgabe an die Natur im Einklang
   stehen.
•  die direkte Begegnung der Menschen wieder eine große Bedeutung hat.
•  Solidarität mit Schwachen, Kranken und Armen eine Selbstverständlichkeit ist.
•  Maschinen, hier vor allem die digital gesteuerten Roboter, unsere Diener bleiben und nicht
   unsere Kontrolleure werden.
•  Perfektion nicht zum Maßstab unseres Lebens wird und wir uns nicht von den Leistungen der
   Maschinen antreiben lassen, sondern stattdessen das menschliche Maß und die
   Schwächsten unter uns als Richtschnur dienen.
•  wir einfach Zeit haben, denn es ist unsere Lebenszeit, und sie ist begrenzt.

•  dies alles wieder einen großen Wert bekommt.