Bürgerkrieg im Kleinformat

»Unterleuten« erschien 2016 und wurde umgehend zum Bestseller. Der Roman ist Krimi und Zeitpanorama zugleich. Er zeichnet seine Figuren mit Liebe, Biss und Humor und schreckt auch vorm Äußersten nicht zurück. Seine Handlung spielt im Jahr 2010, dem Jahr, in dem Hochwasser den Osten der Republik heimsuchten, eine Massenpanik auf der Loveparade in Duisburg mehr als 20 Menschenleben forderte, die BP-Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko explodierte, Lena Meyer-Landrut mit »Satellite « den Eurovision Song Contest gewann, das Wort »Wutbürger« zum Wort des Jahres und das Wort »alternativlos« zum Unwort des Jahres gekürt wurden. Das Hans Otto Theater zeigt »Unterleuten« in eigener Bearbeitung. Es inszeniert Tobias Wellemeyer.

Unterleuten ist ein Dorf in der Ostprignitz. Es ist 700 Jahre alt, besitzt 250 Bewohner, die Gaststätte »Märkischer Landmann«, den Agrarbetrieb »Ökologica« GmbH, der aus der früheren LPG hervorging, ein Vogelschutzgebiet in der Unterleutner Heide, eine Hauptstraße und eine Waldsiedlung. Hier teilt sich die A24 nach Berlin und Hamburg. Unterleuten ist ein Ort, der nur in der Fiktion existiert, aber so real erscheint wie das realste Dorf zwischen Oder und Havel. Seine Erfinderin ist Juli Zeh: »Unterleuten ist der Ort, an dem ich in meiner Phantasie fast zehn Jahre lang gelebt habe. Ich kenne dort jeden Stein, jede Hausecke, alle Menschen, die dort leben. Es konnte vorkommen, dass ich meinen Mann gefragt habe: ›Sag mal, wie geht es eigentlich Linda, ich habe schon so lange nichts mehr von ihr gehört?‹ – Und dann wurde mir erst klar, dass Linda eine Figur aus ›Unterleuten‹ ist und dass es sie gar nicht in Wirklichkeit gibt, nur in meinem Kopf.« Unterleuten ist arm an Attraktionen, an Touristen, an Einkommen. Dreimal hat in siebzig Jahren das Eigentum an Grund und Boden gewechselt: Die alliierte Bodenreform übergab 1945/46 »Junkerland in Bauernhand«, enteignete den ostelbischen Großgrundbesitz und verteilte ihn an Landlose und Umsiedler. Die sozialistische Kollektivierung führte die Flächen zwischen 1952 und 1960 in Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) zusammen – ein spannungsreicher Prozeß zwischen Förderung und Zwang – und unterwarf diese der staatlichen Planwirtschaft. Die Wende brachte 1990 das Ungetüm des LwAnpG, des Landwirtschaftsanpassungsgesetzes, nach dessen Vorgaben sich die LPG neue Rechtsformen gaben; sie wirtschafteten weiter auf ihren großen Flächen als e. G., GmbH oder AG. Die vierte große Umwandlung begann um 2010 und nimmt seither Fahrt auf: Kapitalgesellschaften kaufen den Boden landschaftsweise auf und produzieren Biomasse auf bis zu 45.000 Hektar, Riesenflächen, die die der Junkerzeit oft deutlich übertreffen. Die Bewohner von Unterleuten haben gegenüber den Wechselfällen von Verhältnissen, die sie nicht ändern können, eine Haltung entwickelt, »die ich«, so Juli Zeh, »›positiven Fatalismus‹ nennen würde. Diese Menschen sind in der Lage, Dinge hinzunehmen und sich damit zu arrangieren. Einer meine Lieblingssätze, den man häufig hört, lautet: ›Irgendwas ist immer.‹« Dennoch: Als die Windpark-Investoren nach Unterleuten kommen, wird es konkret. Wer »Windeignungsflächen« besitzt, kann mit einsteigen in den subventionierten Goldrausch, auf zigtausende Euro Pacht und eine Zukunft hoffen. Ein Krieg entbrennt, um ein paar Hektar Brachland: Dörfler gegen Städter, Ossis gegen Wessis, jeder gegen jeden. Er wird erbittert geführt. Am Ende haben sich den Toten der Vergangenheit neue Tote hinzugesellt …

Ute Scharfenberg

Auszug aus der Konzeptionsprobe von Tobias Wellemeyer:

»Der Fokus unserer Erzählung, liegt, wenn man es ganz vereinfacht beschreiben möchte, auf den verschiedenen ›zukunftsgestaltenden Aktivitäten‹ einzelner Bewohner dieses nordbrandenburgischen Dorfes heute. Ein Dutzend recht pointiert und sarkastisch gezeichneter Figuren wird zunächst mitsamt ihren Lebenszielen, ihren Herkünften und den damit verbundenen Traumata in einer Art Ouvertüre vorgestellt. Dann wird beobachtet, was im Laufe eines Sommers aus ihnen selbst und aus ihren Lebenszielen wird: Tote und Zu-Brei-Geschlagene, leere Häuser, ein vergifteter Brunnen.
Für eine Dorfgemeinschaft haben die Akteure von Anfang an wenig Gemeinsames. Eigentlich exististert keine Gemeinschaft, keine ländliche Schicksalsverbindung – es gibt nur abgekapselte Einzelkämpfer, kriminell handelnde Paare, Kleinbanden. Das ist eine rauhe Dorfschilderung; das Dorf ist hier eine heterogene, zersplitterte Übergangsgesellschaft, geprägt vom Prinzip der Konkurrenz, des Wettbewerbs. Hier herrscht keine ländliche Idylle, keine Romantik – sondern eine neoliberale Bundesrepublik im Kleinformat. Die Akteure sind eher Bürger, moderne Ich-AGs, als Bauern. Der Roman zeichnet modellhaft zuspitzend ein Gesellschaftsporträt, vor allem aber ein Bild vom Rückbau der ländlichen Gebiete. Natur und Landschaft verlieren ihre Anmut und Ursprünglichkeit; sie werden brutal wirtschaftlichen Interessen unterworfen – eine Umgestaltung, die nicht mehr aus der Region heraus gesteuert wird, sondern von auswärtigen Wirtschaftsunternehmen und einer Landesregierung, die das Land politisch aufgegeben hat. Der unerwartete Auftritt eines Windkraftunternehmens polarisiert die Verhältnisse im Dorf. Moralisch maskiert als politisch-korrektes Zukunftsunternehmen, sozial maskiert, indem es der regionalen Administration Einkünfte verspricht, wirft das Unternehmen einen vergifteten Köder in den Ring. In Wahrheit beteiligt dieser Investor nur ausgewählte Einzelne am unermeßlichen, steuerbezahlten Profit.
Dieser Rückbau der regional geprägten Landschaft, die Zersetzung der dörflichen Gemeinschaft und quasi aller Formen selbsterhaltenden regionalen Wirtschaftens (egal, ob als LPG, Eingetragene Genossenschaft, Vogelparadies, Pferdehof oder Öko-GmbH) sowie die Opferung noch der letzten Naturrefugien führt in der porträtierten Dorfgesellschaft, die ihren wirklichen, ihren globalen Gegner tragischerweise nicht mehr genau ausmachen und fassen kann, zu einem selbstzerstörerischen Krieg, einem Bürgerkrieg, einem Bandenkrieg – einem großen Krieg ums private Glück. Die Allianzen und Methoden der Akteure werden ständig neu justiert und gewechselt. In diesem Nervenkrieg werden die Unschuldigen langsam zu Schuldigen, die Utopisten werden zu Reaktionären, die Engagierten werden zu Wutbürgern. Alle werden zu dem, was sie hassen – siehe die Verwandlung des Vogelschützers Fließ in einen Totschläger, die Verwandlung des Kommunisten Kron in einen Windradkönig, die Verwandlung der Siegernatur Linda in eine Gebrochene. Die Fronten verlaufen zwischen denen, die für Unterleuten überhaupt noch eine persönliche Zukunftsvision haben (ob wir diese Visionen nun als sozial oder als asozial-egoistisch bewerten), und denen, denen der Untergang des Dorfes egal wäre. In einem gespenstischen Kampf löschen sich in dieser Geschichte alle Unterleuten-Visionäre gegenseitig aus, es obsiegt letztendlich ›metaphorisch‹ das Kind Krönchen, das den brandenburgischen Boden verlassen wird; der lebenspendende Brunnen ist vergiftet. Im Dorf Unterleuten spielt die ostdeutsche Vorgeschichte als gesellschaftsphilosophisches Echo noch eine wichtige Rolle – das 20. Jahrhundert als eine Zeit der Utopien ist hier noch sehr präsent. Die Vergangenheit ist für viele Eingesessene eine Wunde oder eine heillose persönliche Verstrickung; sie gibt keine Ruhe. Juli Zeh zeigt trotz ihrer Systemanalyse, daß die Figuren keine Opfer sind. Sie sind Täter. Sie sind es selbst, die ihr System erschaffen und reproduzieren. Und jede von ihnen besitzt eine gute und eine schlechte Seite; sie bedingen einander. ›Unterleuten‹ zeigt das Verschwinden eines Dorfes – oder ist das vielleicht der Gang der Dinge? Es ist ein Dorf, das sich nicht rechnet. Alles, was besteht, ist wert, daß es zugrunde geht. Dann wäre unsere Geschichte die Komödie des Kapitalismus – ausschließlich und umfassend bestimmen seine Energien und Gesetze die Dynamik und die Formen unseres Lebens. Etwas Schöneres ließe sich dann nicht mehr denken – oder doch …? Juli Zeh stellt durch den metaphorischen Aufbau des Romans mehr Fragen als sie Antworten gibt. Einfache Begründungen gibt es hier nicht, nur Widersprüchlichkeit.« (Notat vom 28. November 2017).