Es eröffnen sich plötzlich Welten

Das Theaterstück nach dem erfolgreichen Film ist eine lebensbejahende Komödie mit tragischen Untertönen: Driss – ein Kleinkrimineller aus ärmlichen Verhältnissen – wird als Pfleger für den querschnittsgelähmten Millionär Philippe eingestellt. Mit seiner draufgängerischen Art mischt Driss das Leben in Philippes Stadtpalast gehörig auf. In einem Gespräch berichten die Darsteller der ›ziemlich besten Freunde‹, Philipp Mauritz (Philippe) und Frédéric Brossier (Driss), von ihren Erfahrungen mit dem Stoff.



Man hört ja heute viel davon, dass sich unsere Gesellschaft immer stärker aufspaltet. In diesem Stück geschieht das Gegenteil. Da schließen zwei Männer Freundschaft, die ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen angehören. Wieso kommen die beiden so gut miteinander klar?
Philipp Mauritz: Philippe ist zwar einerseits Teil der Schicht der Reichen, andererseits gehört er durch seine Lähmung auch nicht mehr so richtig dazu. Dadurch kann er klarer sehen, worauf es eigentlich ankommt: Dass in existenziellen Situationen der menschliche Kern wichtiger ist als der äußerliche Status. Und er hat gemerkt, dass unter seinesgleichen viel Heuchelei, Verstellung und Verlogenheit im Spiel ist. Da ist die Begegnung mit Driss eine echte Wohltat für ihn. Denn Driss ist radikal ehrlich. Er steht für etwas, was Philippe in seiner Welt vermisst und wonach er eigentlich gesucht hat.
Frédéric Brossier: Für mich ist der Grund, weshalb sie zusammenfinden, dass sie beide Verstoßene sind. Deshalb heißt der Film im Französischen ja auch: »Intouchables«, also »Die Unberührbaren «. Driss stammt aus schwierigen sozialen Verhältnissen, kommt gerade aus dem Gefängnis und kann nirgendwo einen Ankerpunkt finden. Und Philippe scheint durch den Verlust seiner Frau und seinen Unfall den Zugang zum Leben verloren zu haben. Beide befinden sich anfangs an einer Art Nullpunkt. Und an diesem Punkt treffen sie sich. Indem sie gemeinsam versuchen, wieder am Leben teilzunehmen, lernen sie unglaublich viel voneinander.

Könnt ihr nochmal genauer beschreiben, was die beiden aneinander fasziniert?
F. B.: Für Driss ist es etwas Besonderes, dass Philippe ihn so akzeptiert, wie er ist. Er ordnet ihn nicht in irgendwelche Kategorien ein. Er gibt ihm eine Chance. Dieses Vertrauen, dieses Zutrauen, das ihm da entgegengebracht wird, ist für Driss neu. Außerdem ist es faszinierend für ihn, dass Philippe eine gewisse Ruhe ausstrahlt. Driss ist ja ein äußerst agiler Typ, immer in Bewegung und sehr körperlich in seinem ganzen Auftreten. Dazu steht die Bewegungslosigkeit von Philippe im extremen Gegensatz. Und gerade das hilft Driss, auch innerlich etwas zur Ruhe zu kommen. Die beiden nehmen sich Zeit füreinander.
P. M.: Was Philippe an Driss gefällt, ist die Anarchie, Abenteuerlust und Frechheit, die er ausstrahlt. Vorher war sein Leben komplett durchgeplant. Alles war in Routine erstarrt. Andauernd hieß es: Das geht nicht. Als Driss das Haus betritt, kommen sämtliche Regeln durcheinander. Dieses Chaos findet Philippe wunderbar. Und sehr komisch. Plötzlich eröffnen sich für ihn Welten. Plötzlich wird vieles wieder möglich, von dem er gedacht hätte, dass es ihm für immer verschlossen bleiben würde.


Der Film ist ja extrem erfolgreich gewesen. Fast alle kennen ihn. Fühlt ihr euch dadurch unter Druck gesetzt? Wie geht ihr um mit der Filmvorlage?
P. M.: Ein bisschen Druck habe ich schon gefühlt. Aber das gehört dazu. Und ich habe mir verboten, den Film jetzt nochmal anzusehen. Damit ich mich der Figur frei annähern kann und nicht immer schon fertige Bilder im Kopf habe. Es macht ja keinen Sinn, dem Film hinterherzulaufen und ihn kopieren zu wollen. Das würde nicht funktionieren. Denn die Mittel des Theaters bieten ganz andere Möglichkeiten. Wir müssen keinen Filmrealismus bedienen, sondern können für den Stoff eine eigene Theaterform entwickeln. Das ist spannend. Trotzdem bleibt die Geschichte natürlich die gleiche.
F. B.: Als ich gehört habe, dass ich den Driss spielen soll, war ich erstmal höchst erfreut. Der Film hatte mir damals so gut gefallen, dass ich ihn mir gleich mehrmals angesehen habe. Natürlich ist das eine ganz schöne Herausforderung, zum Beispiel die Leichtigkeit und den Humor des Films auf die Bühne zu bringen. Denn der Humor spielt ja eine wichtige Rolle darin. Wie Driss einerseits locker alle gesellschaftlichen Anstandsregeln bricht und andererseits durch die pflegerischen Aufgaben total überfordert ist und trotzdem versucht, sein Macker-Image aufrecht zu erhalten. Das ist komisch. Daran zu arbeiten, macht viel Spaß auf den Proben. Dabei entwickeln wir unsere eigenen Lösungen und Setzungen. Ein Unterschied zum Film ist ja auch, dass ich – anders als der Driss im Film – keine dunkle Haut habe. Aber ich halte die Hautfarbe sowieso für nicht so wesentlich in dieser Konstellation; für den Ausgangspunkt des Stoffes ist die unterschiedliche soziale Herkunft der beiden viel wichtiger.


Philipp, deine Rolle bedeutet eine außergewöhnliche schauspielerische Herausforderung: Du hast nur deinen Kopf zur Verfügung. Wie ist das für dich?
P. M.: Ich finde das eine ziemlich interessante Erfahrung, mal fast nichts zu machen, in so einer totalen Reduktion zu arbeiten. Sich ganz auf seinen Körper zu fokussieren. Ich muss es ja vermeiden, zum Beispiel versehentlich mit den Füßen zu wackeln. Ich begreife das als eine Art Meditation: mich auf jeden Muskel zu konzentrieren, alles locker zu lassen. Wenn ich das schaffe, kippe ich auch wirklich nach vorn, wenn der Rollstuhl leicht schief steht. Ich befinde mich also in einer kompletten Abhängigkeit. Auch von den Kollegen auf den Proben. Wenn ich von irgendeinem Gegenstand verdeckt bin, muss ich das aushalten. Diese Erfahrungen kann ich sehr gut mit in die Rolle nehmen. Um die Konzentration während der Proben aufbringen und fast acht Stunden am Tag im Rollstuhl sitzen zu können, habe ich mir außerdem ein extra Bewegungsprogramm zwischen den Proben verordnet.

Frédéric, ist der Umgang mit einem gehandicapten Menschen neu für dich?
F. B. Nein, ich habe sogar einen gewissen persönlichen Bezug. Samuel Koch, der ja bei »Wetten, dass..?« diesen schlimmen Unfall erlitten hat, war in einem älteren Jahrgang auf der gleichen Schauspielschule wie ich und mir als Pate zugeordnet. Die Paten sollten den jüngeren Schauspielschülern ein bisschen durchs Studium helfen. Und so habe ich recht viel Zeit mit Samuel verbracht. Zwar hatte er einen eigenen Pfleger an seiner Seite, aber es gab natürlich immer wieder Situationen, in denen ich auch mit anpacken musste. Dabei konnte ich erleben, wie viele Hindernisse und Schwierigkeiten eine solche Lähmung im Alltag bedeutet. Und ich habe einen großen Respekt vor Menschen entwickelt, die einen Umgang mit diesem Handicap gefunden haben.

Das Gespräch führte Christopher Hanf.