Aus dem Seelenleben eines Mörders

Der Regisseur Alexander Nerlich spricht über seine Adaption und Inszenierung des russischen Klassikers
Wann bist du zum ersten Mal mit dem Roman »Verbrechen und Strafe« von Dostojewski in Berührung gekommen? Was war für dich so faszinierend daran, dass du ihn für die Bühne adaptieren wolltest?
Das erste Mal war 1997, da war die Neuübersetzung von Swetlana Geier schon ein paar Jahre alt. Ich bekam das Buch vor meinem ersten Sankt-Petersburg-Besuch geschenkt. Ich habe es damals gelesen, zumindest die ersten 400 Seiten, und fand es sehr aufregend. Heute, zwanzig Jahre später, lese ich das Buch ganz anders. Differenzierter, hoffe ich, und mit mehr Begeisterung für die Figuren, denen Raskolnikow auf seinem einsamen Weg begegnet. Ähnlich ging es übrigens auch Eddie Irle, der den Raskolnikow spielt. – Raskolnikow hat sein Studium abgebrochen, er hat die Erwartungen seiner Mitmenschen enttäuscht, was ihn sehr quält. Er sieht sich umzingelt von Ermutigungen, wohlgemeinten Ratschlägen und Hilfsangeboten. Freundliche Zuwendung erlebt er als Demütigung, er fühlt sich verkannt und zurückgesetzt, sogar verhöhnt und als ganzer Mensch in Frage gestellt. Schuldgefühle bedrängen ihn; er geht den meisten Menschen aus dem Weg, lebt zunehmend in seiner eigenen Wahrnehmungswelt, die er selbst vertrauten Personen nicht mehr vermitteln kann. Er hat Eingebungen und Visionen, taucht in Erinnerungen und verstörende Träume. Da er Mühe hat, seine eigenen Gedanken zu sortieren, überfordert ihn die Nähe anderer Menschen. Er ist an etwas wichtigem dran. Der große Coup, die Prüfung, die Entscheidung. Die Mission, in der es um alles geht, der Beweis, kein Loser zu sein, sondern der Auserwählte. Anstatt also seine Niederlagen zu akzeptieren und zu verarbeiten, überbietet er seine Ansprüche noch. Er beutet seinen Körper aus, leugnet dessen Bedürfnisse bis zur Erschöpfung und zieht sich gleichzeitig von der Welt zurück. Dabei hasst er sich selbst für das Bild, das er abgibt, treibt seinen Zustand aber auch bewusst auf die Spitze. Er taumelt exzentrisch gekleidet durch die Straßen, wie ein Büßer, verweigert jede Anpassung an die Normalität. Sein Elend inszeniert er, in der Pose des Bohemiens, als freie Wahl. Er muss um jeden Preis ein außerordentlicher Mensch sein, einer, der sich von der Masse abhebt, radikal. – Sein Denken sucht nach absoluten Antworten auf die größten Fragen, und wirkt dabei doch zunehmend realitätsfremd. Mal größenwahnsinnig, mal kindlich, dann wieder hochkomplex, präzise und rational. Nach und nach packt ihn die Faszination für die tödliche Gewalt. Sie zu vollziehen, zum Wohle seiner Mitmenschen – das soll der Prüfstein sein für das Außerordentliche: zu töten im Namen einer Idee, und der Tat seelisch gewachsen zu sein, sie auszuhalten. – So tief an das Seelenleben eines Mörders heranzukommen, eines Mörders im Namen einer Idee. In diesen Abgrund zu gucken, mit Empathie, und zu beschreiben, wie das sogenannte Böse in ihm wuchert; mitzuverfolgen, wie ein selbsternannter Überzeugungstäter in ein Kräftemessen verwickelt wird, dem sein Verständnis nicht gewachsen ist. Das finde ich einfach verdammt interessant und bewegend.

Du hast, bis auf den Hauptdarsteller Raskolnikow, alle Schauspieler mehrfach besetzt, zudem gibt es einen Chor. Welche Überlegungen haben zu diesem Konzept geführt?
Ich mag es, wenn alle Schauspieler einer Produktion viel zu tun haben, und ich finde es sehr wichtig, als Team zu arbeiten. Bei einem so verrückten Vorhaben wie diesem hier bevorzuge ich eine kleinere Gruppe. Alle sind aufeinander angewiesen und unterstützen die Bemühungen der anderen. – Natürlich gibt es auch dramaturgische Gründe, zum Beispiel für die Doppelbesetzung Sonja-Lisaweta, beide gespielt von Nina Gummich: In der zweiten großen Szene zwischen Raskolnikow und Sonja meint er plötzlich, in ihr sein zweites unschuldiges Mordopfer zu erkennen: Lisaweta, die Stiefschwester der Pfandleiherin. Kurz darauf erfährt er von Sonja, dass sie mit Lisaweta ihr Kreuz getauscht hat. – Solche Doppelbelichtungen liebe ich einfach. Wenn Figuren mit anderen verschmelzen und eine Figurenidentität Risse bekommt oder sich erweitert. Ein anderes Beispiel ist Michael Schrodt, der sowohl den verarmten Selbstmörder Marmeladow als auch den reichen Utilitaristen Luschin spielt. Oder Moritz von Treuenfels: als Ermittler Porfirij Petrowitsch oder auch als böser Traumtänzer Swidrigajlow gleichermaßen ein Quälgeist für Raskolnikow. – Chor heißt nicht, dass immer im Chor gesprochen wird; wir meinen damit den Bewegungschor, oder die Erzählstimme, die sich manchmal meldet, oder auch anonyme, mal wissende, mal unwissende Figuren, die Raskolnikows Weg kreuzen. Und die Stimmen in seinem Kopf natürlich.

Der Roman spielt in Sankt Petersburg und wurde von Dostojewski auch dort geschrieben. Du selbst hast diese Stadt schon mehrfach bereist. Wie würdest du die Atmosphäre von Sankt Petersburg beschreiben und wie findet sich dies im Bühnenbild wieder?
In Sankt Petersburg war ich zuletzt 2003, in Moskau 2014. Die Idee, vor Beginn der Produktion eine Reise nach Russland zu machen, war leider nicht umsetzbar. Ich habe von Sankt Petersburg also leider keine aktuellen Eindrücke parat und kann nur schildern, was mir damals aufgefallen ist. Klischee hin oder her – die weitläufige Innenstadt ist wirklich so prachtvoll, dass es einen fast erschlägt. Überall ist Wasser, es ist windig und gerade in den berühmten Weißen Nächten sehr belebt. Wenn man mit dem Boot auf einem Seitenarm der Newa stadtauswärts fährt, tauchen bald riesige Trabantenstädte aus dem Nebel auf. Am stärksten ist mir der Gegensatz zwischen Pracht und Armut in Erinnerung. In der Innenstadt ist er deutlich zu spüren, und schon in den Seitengassen und Hinterhöfen tut sich eine Welt des Verfalls auf, die man gewiss auch als romantisch empfinden kann. Ach so, sehr prägnant: die Mücken im Sommer – die Blümchentapete im Studentenheim war eigentlich eine Tote-Mücken-Tapete. Wenn ich an Petersburg zurückdenke, werde ich gleich ein bisschen wehmütig. Es gab viele schöne und skurrile Begegnungen dort. – Unser Bühnenbild zeigt keine Ansichten der Stadt und hat auch nicht den Anspruch, irgendeine Wirklichkeit zu imitieren. Es geht mehr um ein Lebensgefühl – und natürlich darum, wie Raskolnikow, der im engen Labyrinth der Wohnungen, Straßen und Plätze unterwegs ist, seine Umwelt wahrnimmt: als gestörte Räume. Abschließend gesagt: Sankt Petersburg ist eine Stadt, die zum Träumen einlädt. Im Guten wie im Bösen.

Das Gespräch führte Julia Fahle