Rio Reiser wollte Hoffnung wecken und Liebe.

Ein Gespräch mit seinem Bruder Gert Möbius und dem Regisseur Frank Leo Schröder.
Regisseur Frank Leo Schröder bei der Probenarbeit zu
»RIO REISER. KÖNIG VON DEUTSCHLAND«
Herr Schröder, was war Ihre erste Reaktion auf den Vorschlag des Hans Otto Theaters, das Schauspielmusical »Rio Reiser. König von Deutschland« zu inszenieren? Kannten Sie die Musik von Rio Reiser und der Band »Ton Steine Scherben«?
FRANK LEO SCHRÖDER: Ich kannte die Hits, aber ehrlich gesagt nicht die Breite von Rios Werk. Das habe ich erst im Zuge dieser Arbeit kennengelernt und je mehr ich mich einhöre, desto begeisterter bin ich. Das geht ganz vielen im Ensemble so. Für die meisten war Rio Reiser »König von Deutschland« und »Junimond « und mittlerweile haben wir ein paar richtige Fans.

Das Stück ist von Heiner Kondschak und wurde von Ihnen gemeinsam partiell bearbeitet. Wann haben Sie sich zum ersten Mal getroffen und wie sah letztlich Ihre Zusammenarbeit aus?
GERT MÖBIUS: Zum ersten Mal haben wir uns im Dezember letzten Jahres getroffen. Später sind wir zusammen zu der Aufführung von Kondschaks Stück in Krefeld gefahren, die Kondschak selbst inszeniert und in der er auch mitgespielt hat. Im Laufe der Zeit hat sich bei uns der Wunsch verfestigt, das Stück etwas zu verändern. Wir wollten vor allem die Hauptcharaktere mehr herausstellen und die Songauswahl verändern. Die Bearbeitung gefällt mir jetzt sehr gut, ich kann damit etwas anfangen. Und was ich an der Inszenierung in Potsdam wirklich phantastisch finde, ist, dass es keine externe Band gibt. Hier beherrschen auch die Schauspieler die Instrumente. Ich habe ein großes Vertrauen in Juan Garcia, der die Musikarrangements macht. Das ist ein ganz wichtiges Kapital, dass die Inszenierung eine besondere musikalische Wirkung entfaltet. Aber die Handlung ist ebenso wichtig und wir haben versucht, das Leben Rio Reisers so realitätsnah wie möglich wiederzugeben, historisch gesehen, aber auch sprachlich.

FLS: Ich habe ehrlich gesagt gar nicht damit gerechnet, dass sich Gert meldet. Er bekommt ja ständig Anfragen. Nach einiger Zeit hat er aber dann tatsächlich geantwortet und wir hatten glücklicherweise von Anfang an einen guten Draht zueinander. Ich durfte mich durch das Rio-Reiser-Archiv wühlen, das er verwaltet, und wir haben viele Gespräche geführt. Durch ihn habe ich Informationen bekommen, die nicht in den publizierten Biografien zu finden sind. Das hat mir die einmalige Chance gegeben, dem Menschen Rio Reiser doch recht nahe zu kommen, auch wenn die Wahrheit für jeden etwas anders ist. Das habe ich gemerkt, als ich mich mit dem Gitarristen Lanrue, dem Schlagzeuger Funky, Marianne Rosenberg, seinem Manager Georg Glueck und zwei seiner Lebensgefährten, Misha Schöneberg und Jan Bajen, unterhalten habe. Diese Treffen waren für mich sehr interessant. In allen Produktionen, die ich gesehen habe, war Rio immer nur der Held. Ich möchte ihn auch mit seinen Schwächen zeigen, in seiner Zerrissenheit, nicht so geradlinig wie er häufig dargestellt wird, als Menschen eben. Deshalb gibt es auch die von uns eingefügte Tagebuchebene, mit der wir versuchen, sein Innenleben mitzuerzählen.

GM: Dazu möchte ich noch sagen, dass Rio jedoch ziemlich genau wusste, wo er hinwill, schon als Kind. Er hat immer genau den Weg eingeschlagen, den er gehen wollte. Die Auflösung der »Scherben« zum Beispiel: Er wusste, das geht nicht weiter mit der Band, und wollte seinen eigenen Weg gehen, Volksmusik machen im besten Sinne.

Es heißt, Sie haben Rio Reiser zur Musik gebracht.
GM: Meine Mutter hat Klavier gespielt und war kulturell sehr interessiert. Sie hat uns immer in unserem Weg bestärkt. Wir sind drei Geschwister, ich und unser älterer Bruder Peter haben Kunst studiert und Rio eine Zeit lang Musik. Ich habe ihm seine erste Gitarre gekauft und ihn nach meinen finanziellen Möglichkeiten unterstützt. Er hat bereits im Alter von 14 Jahren begonnen zu komponieren. Das ist schon sehr außergewöhnlich und dieses Talent wollte ich fördern.

Herr Möbius, Sie haben in einem Interview gesagt, aus der Erregtheit über die Welt entsteht Kunst. War das auch Rios Motivation für sein künstlerisches Schaffen?
GM: Ja, auf jeden Fall. Das merkt man ja auch an all seinen Texten. Selbst die Texte, bei denen man denkt, sie sind unpolitisch, die sind nicht unpolitisch, sie beschreiben immer auch eine gesellschaftliche Situation. Er hat keine »Mucke« gemacht, er hat wirklich nur Dinge gemacht, von denen er überzeugt war, und daran Tag und Nacht gearbeitet. Rio war ein politischer Mensch mit einem großen Gerechtigkeitssinn. Und er hat sich sehr für Religionen interessiert, fast jeden Tag in der Bibel gelesen. Deshalb war auch Karl May wichtig für ihn, da er versucht hat, verschiedene Glaubensrichtungen zu verstehen.

Was mich besonders an seiner Musik und seinen Texten fasziniert, ist, dass sie es immer schaffen, Mut zu machen, obwohl sie von gesellschaftlichen Missständen, unerfüllter Liebe u. a. erzählen.
GM: Du hast Recht, er hatte immer das Prinzip Hoffnung, das hat eine große Rolle bei ihm gespielt. Das war ein Ziel seiner Lieder: Hoffnung zu wecken und Liebe. Er war nicht negativ oder deprimiert, das kann man wirklich nicht sagen. Er hat sehr viel Humor gehabt, es gibt keinen Menschen, mit dem ich so viel gelacht habe wie mit Rio.

FLS: Ja, ich empfinde das auch so. Eines meiner Lieblingslieder ist »Irrlicht«. Das ist eigentlich ein sehr düsterer Song, aber er beschreibt eben auch, dass es dieses Licht einmal gab. Das heißt, dieses Licht ist irgendwo, man muss es nur wiederfinden. Also »Irrlicht« ist für mich ein sehr exemplarischer Song.

Herr Möbius, Sie waren bereits zum zweiten Mal auf einer Probe und werden auch weitere Proben besuchen, was für uns etwas sehr Besonderes ist. Was ist Ihr Eindruck von der Produktion?
GM: Ich merke, dass die Schauspieler sehr engagiert sind. Auch der Hauptdarsteller Moritz von Treuenfels kann die Persönlichkeit Rios gut transportieren. Ich habe großes Vertrauen in alle Beteiligten und freue mich auf die Premiere.

Das Gespräch führte die Dramaturgin Julia Fahle.

Gert Möbius, geboren 1943, studierte Malerei und arbeitete mit dem »Hoffmanns Comic Theater« an zahlreichen Theaterproduktionen, zu dessen Mitgliedern auch seine Brüder Peter und Ralph (Rio Reiser) zählten. Zudem war er Manager der »Ton Steine Scherben« sowie Drehbuchautor für Film-und Fernsehproduktionen. Nach dem Tod von Rio Reiser baute er das »Rio Reiser Archiv« auf.
Am 13. Dezember liest Gert Möbius im Rahmen der Reihe »Stadt der Zukunft« aus seinem Buch »Halt dich an deiner Liebe fest – Rio Reiser«.