Wie geht’s nach oben?

Ein Gespräch mit dem Regisseur Elias Perrig und der Schauspielerin Andrea Thelemann
Seit Jahren hält sich Margaret, alleinerziehende Mutter einer behinderten Tochter, mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser. Jetzt ist sie um die fünfzig und mal wieder gefeuert worden. Aber sie gibt nicht auf und sucht ihre einstige Highschool-Liebe Mike auf, der Chefarzt einer edlen Privatpraxis geworden ist. Sie will unbedingt einen neuen Job und lässt sich auf die Party seiner wesentlich jüngeren Frau Kate in die schicke Vorortvilla einladen. Doch der Abend entwickelt erhebliche Tücken. – Eine amerikanische Erfolgskomödie mit Witz, Substanz und starken Figuren.
Andrea Thelemann
»Good People« verbindet das große Versprechen des amerikanischen Traums bzw. das neoliberale Credo »Jeder ist für sein Glück selbst verantwortlich« mit der Realität, mit Menschengeschichten. Und trifft damit mitten hinein in die aktuelle Diskussion um soziale Gerechtigkeit. Welche Positionen lässt der Autor in seinem Stück aufeinanderstoßen?
Elias Perrig: Hauptsächlich sind es drei Positionen. Kate, die Ehefrau von Mike, vertritt diejenigen, die seit Generationen Geld haben und durch Erbschaft auch reich bleiben werden. Mike ist derjenige, der es geschafft hat, aus der Gosse in die Welt der Reichen aufzusteigen. Er steht im Grunde für den amerikanischen Traum, durch eigene Anstrengung zum Erfolg zu kommen. Was im Fall von Mike höchst fragwürdig ist, denn bevor er reich heiraten konnte, boten sich ihm mehrere weichenstellende Chancen – vom fürsorglichen Vater bis zum Medizin-Studium. Die wesentliche Position vertreten Margaret und ihre Freundinnen, die ununterbrochen darum kämpfen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, und im sozialen System gefangen sind, ohne Chance, da jemals herauszukommen. Welche Rolle für ein erfolgreiches Leben allein die eigene Leistung oder aber doch Glück und Zufall spielen, diskutiert das Stück. Entsprechend zieht sich das Glücksspiel Bingo motivisch durchs Stück – ein Spiel, in dem die Verteilung des Glücks rein auf Zufall basiert.

Andrea, du spielst die Hauptfigur Margaret, die so ziemlich alle Voraussetzungen für ein Leben in prekären Verhältnissen erfüllt: alleinerziehend, Schule abgebrochen, ohne Berufsausbildung, häufige Jobwechsel. Wie reagiert sie auf Mikes Vorwurf, dass sie an ihren Verhältnissen selbst schuld sei?
Andrea Thelemann: Mike sagt Margaret sehr direkt, dass sie in ihrem Leben falsche Entscheidungen getroffen habe und dementsprechend an ihrer Lage selbst schuld sei. Das verletzt sie sehr. Sie geht sofort dagegen und sagt Mike ganz deutlich, dass sie und er nie die gleichen Chancen gehabt haben – worüber Mike offensichtlich noch nie reflektiert hat. Natürlich weiß Margie, dass vieles in ihrem Leben schiefgelaufen ist, aber sie weiß auch, dass sie das meiste nicht beeinflussen konnte, dass sich vieles wie in einer Abwärtsspirale gegenseitig bedingt hat.
E. P.: Grundsätzlich kommen die beiden aus demselben sozialen Kontext. Ein Unterschied ist aber, dass Margie bei ihrer alleinerziehenden und berufstätigen Mutter aufgewachsen ist. Mike dagegen hatte ein intaktes Elternhaus und zudem einen Vater, der gearbeitet und sich um die Bildung seines Sohnes gekümmert hat. Ich denke, dass jeder mindestens einen Menschen braucht, der einen unterstützt. Wer keine Hilfe erfährt, hat weniger Chancen. Das ist bei uns nicht anders als in den USA – auch wenn dort viele Bedingungen wesentlich härter sind.
A. T.: Das Großartige an Margaret ist, dass sie sich trotz ihrer Misere den Blick für das Positive bewahrt hat. Sie verfällt nicht ins Jammern und Klagen, sie ist weder zynisch noch verbittert, sondern eine Kämpfernatur. Dabei hat sie auch ihren Stolz, denn sie will von Mike keine Almosen, sondern einen Job. Ja, und sie ist auch stolz darauf, dass sie es trotz aller Widrigkeiten geschafft hat, durchs Leben zu kommen und für sich und ihre behinderte Tochter zu sorgen.

Was impliziert der Autor mit dem Titel »Good People«?
E. P.: Seine Figuren sind alles »gute Leute«, keine hat böse Absichten oder ist wirklich so was wie ein Arschloch. Alle Figuren in dem Stück haben die gleichen moralischen Standards – und argumentieren natürlich aus ihrer Lebenssituation heraus. Der Aufsteiger Mike zieht sein Selbstbewusstsein daraus, dass er es nach oben geschafft hat, und sieht sich dementsprechend im Recht. Er macht sich aber nicht bewusst bzw. gibt nicht zu, dass auch sein Leben anders hätte verlaufen können.

Elias Perrig
Die Schere zwischen Arm und Reich geht sowohl in den USA als auch in den europäischen Ländern immer weiter auseinander. Welche Folgen hat eine wachsende soziale Ungleichheit für eine Gesellschaft?
E. P.: Das kapitalistische System lebt von dem Grundgedanken, dass man es zu Wohlstand, Ansehen und Prestige bringen kann, wenn man dafür entsprechend kämpft und hart arbeitet. Wenn die Leute aber begreifen, dass diese Grundvereinbarung nicht mehr funktioniert, dass sie trotz harter Arbeit kaum ihren Lebensunterhalt bestreiten können, auf der Stelle treten oder in der sozialen Rangfolge sogar zurückfallen, bricht das System langfristig zusammen – und die Gefahr sozialer Unruhen steigt. Interessanterweise haben besonders die Reichen Angst davor, dass der soziale Kontext aufgrund steigender Ungleichheit zusammenbricht. Und eben auch in Deutschland werden die Chancen zunehmend geringer, den eigenen sozialen Kontext zu verlassen, d. h. das Versprechen, dass man allein durch Leistung nach oben kommen kann, stimmt nicht mehr. Dabei macht »Good People« keine Zukunftsszenarien auf, sondern beschreibt einen Ist-Zustand.
A. T.: Ich möchte noch mal den Blick auf den einzelnen Menschen lenken – auf Menschen wie Margaret. Sie gibt nie auf, sie kämpft und lässt sich nicht wegschieben. Gleichzeitig hat sie ihren wertschätzenden Blick für das, was sie hat und was auch gut ist, nicht verloren. Dies ist eine große Qualität, die wir uns bewahren bzw. zurückerobern sollten. Angesichts wachsender sozialer Ungerechtigkeit ist es wichtig, quasi von früh auf ein Bewusstsein für soziale Verhältnisse zu entwickeln. »Good People« ist für mich ein Stück, das bei aller guten Unterhaltung explizit zur kritischen Auseinandersetzung auffordert.

Worin liegen die Herausforderungen bei der Erarbeitung dieses Stückes?
E. P.: »Good People« zeichnet sich von der Struktur her durch Klipp-Klapp-Dialoge aus, was typisch ist für angelsächsische Well-made Plays. Als Regisseur muss man da eher zurückstecken, denn es geht in erster Linie darum, die Grundhaltungen der Figuren zu klären – also herauszubekommen, welcher Gedanke unter den Äußerungen der Figuren liegt, der dann aber nicht gezeigt werden darf. Auf den Proben versuchen wir also, eine Art Unterbewusstsein der einzelnen Figuren zu bauen – und die jeweils richtigen »Temperaturen« der Szene herauszufinden. Dem dann auch eine Musikalität zu geben, bedeutet tatsächlich eine Riesenarbeit, die aber sehr viel Spaß macht.
A. T.: Ja, es ist ein langwieriger Weg, auf dem man ganz allmählich seine Figur entdeckt. Abgesehen von den Textmengen braucht es auch eine ungeheure Konzentration, um bei dem hohen Dialogtempo rechtzeitig die Absichten und Haltungswechsel der Figur vorzubereiten. Am Ende wirkt es dann ganz leicht, aber das Leichte ist ja eben oft am schwersten.

Und was macht das Stück so besonders?
E. P.: Es heißt, dass South Boston bekannt ist für seinen schwarzen Humor – und tatsächlich: das Stück hat sehr viel trockenen Humor. Das ist wunderbar. Außerdem hat es lebensnahe Figuren und ein wichtiges politisches Thema – was braucht ein gutes Theaterstück mehr?!
A. T.: Außerdem wird das Stück nie sentimental – und ist dabei zugleich doch zutiefst berührend.

Das Gespräch führte Nadja Hess.