Über Flucht, Vertreibung und Heimat

Der Autor Christoph Nußbaumeder im Interview
An seinem 80. Geburtstag lässt Stefan Riedl vor der versammelten Familie eine Bombe platzen: Er sei ein Heimatvertriebener. Er wolle jetzt zum Sterben ins Sudetenland wandern. Die Familie ist schockiert. Doch bald müssen alle einsehen: Stefans lang verschwiegene Herkunft hängt eng zusammen mit den zerrissenen Biografien seiner Kinder und Enkel. Die Gespenster der Vergangenheit sind noch lang nicht gebannt.
Christoph Nußbaumeder
Im Stück geht es um die Geschichte eines sogenannten Heimatvertriebenen – ein außergewöhnliches Thema für einen zeitgenössischen Theatertext. Hast du bei der Recherche Dinge erfahren, die dich überrascht haben?
Es ist ein Terrain, das noch immer emotional vermint ist. Das Leid der Vertriebenen, die Schrecken der Flucht, die Ablehnung nach der Ankunft – darüber konnte lange Zeit, bis in unsere Gegenwart hinein nicht offen gesprochen werden. Es handelte sich ja – pauschal gesprochen – um das Leid des »Tätervolks«, auch wenn sich unter den Flüchtlingen verhältnismäßig viele Frauen, Kinder und alte Menschen befanden. Aufkommende Klagen über das Unrecht hat man stets – fast reflexartig – gegen die Gräueltaten der Nazidiktatur aufgewogen und rasch unterdrückt. Es durfte schon aus außenpolitischen Gründen nicht eintreten, dass der Genozid in Russland und vor allem der Holocaust nachgerade relativiert werden. Innergesellschaftlich aber waren die Flüchtlinge, so unwillkommen sie waren, willkommene Sündenböcke. Viele konnten die Kriegsschuld auf sie abwälzen, nach der kruden Devise: »Wenn ihr nicht so brutal gewesen wärt, hätte man euch auch nicht vertrieben.« Das ganze Ausmaß an unterdrücktem, an nicht anerkanntem Leid war enorm.

Mit dem Begriff Heimat, der ja eine zentrale Rolle im Stück spielt, verbinden heute viele Leute eine rückständige Vorstellung, die sich in der globalisierten Welt sowieso erledigt habe. Welche Bedeutung hat »Heimat« für die Figuren? Und für dich, den Autor?
Viele Soziologen behaupten ja genau das Gegenteil, sie sagen, dass beispielsweise Burn-out-Phänomene oder tiefe mentale Verunsicherungen Begleiterscheinungen einer ruhelosen Globalisierung seien, also mit Beschleunigung und Digitalisierung zu tun hätten. Diese Erklärung ist wahrscheinlich zu eng, dennoch: Den Menschen sind Orte als Bezugspunkte abhanden gekommen, wo man Zuflucht und Halt finden kann, wo man das Geschehen versteht. Die traditionellen Glücksvorstellungen haben ja nach wie vor mit Idyllen, mit Gelassenheit und Ruhezonen zu tun, die dann oft mit einer bestimmten Landschaft verknüpft werden. Ich selbst fühle mich dort beheimatet, wo ich Vertrauen spüre, wo ich mich nicht zu verstellen brauche. Heimat ist für mich aber eher ein Gefühl des Aufgehobenseins denn ein konkreter Ort.

Das Stück erzählt von einer ganz normalen Familie, die eigentlich erfolgreich im Leben steht. Unter der Oberfläche aber zeigen sich Risse in den Biografien der Familienmitglieder. Inwiefern hängen die Probleme der Kinder und Enkel mit der Vertriebenen-geschichte Stefans zusammen?
Ich glaube, es gibt keine Familie, die keinen Riss hat, ich kenne jedenfalls keine. Die Behauptung der heilen Familienverhältnisse kommt wahrscheinlich aus der Waschmittelwerbung, wo makelloser Glanz vermarktet werden soll. Um auf das Stück zurückzukommen, ich denke, in dieser Familie wurde sehr viel verdrängt, all die seelischen Verwundungen aus Kindheitstagen wurden nie hinreichend aufgearbeitet, ausgehend von Stefan, der das Trauma des Ausgestoßenen nie zur Sprache gebracht hat. Er hat diese Verletzungen in sich hineingefressen und sie in Form von Härte und Leistungsdruck an seine Kinder weitergereicht, ohne dass die begreifen konnten, woher diese lieblosen erzieherischen Maßnahmen kommen. Wie eine Wucherung, die im Verborgenem gärt. Es handelt sich um ein Kriegstrauma mit Auswüchsen bis in die nächste und übernächste Generation hinein. Nichts wird verwunden, was man verdrängt. Und gleichzeitig ist es so unendlich schwer, sich dem zu stellen.

Die Familie von Stefan hat eine Nazi-Vergangenheit. Ist das Schicksal der Vertriebenen und ihrer Nachfahren auch als Strafe für die Verbrechen der Väter zu begreifen? Geht es also um Schuld und Sühne?
Nein, das hielte ich für eine alttestamentarische Blut- und Bodenmoral. Es geht hier nicht um einen Staat oder um ein Volk, das sich großer Kriegsverbrechen schuldig gemacht hat und dessen Nachfahren zu büßen haben. Es geht primär um das Individuum Stefan Riedl, der als kleiner Junge seine Eltern und seinen Bruder verloren hat, der eine traumatische Flucht durchstehen musste und der als Heranwachsender vielen Demütigungen ausgesetzt war. Dass sich vor allem sein Vater die Hände blutig gemacht hatte, ist eine historische Tatsache, es ist ein unumstößlicher Fakt. Das Stück stellt nun die Frage, wie geht man angemessen mit Stefans Leid um. Ich habe diese Zuspitzung bewusst so gewählt, damit es keine eindeutige Antwort darauf geben kann, insbesondere nicht, wenn die Frage an alle Figuren adressiert wird. Dabei taucht zwar auch das Schuld-und-Sühne-Motiv auf, aber es ist meines Erachtens nicht der Wahrheit letzter Schluss. Man würde der Logik von Rache und Revanchismus nicht entkommen.

Von Ingeborg Bachmann stammt der Satz: »Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar«. Stimmt das? Brauchen wir nicht unsere Lebenslügen, um weitermachen zu können?
Es macht einen Unterschied, ob man an Lebenslügen festhält oder versucht, ein Trauma zu heilen. Der Bachmann-Satz, so verstehe ich ihn zumindest, will gegen bequeme Sichtweisen vorgehen. Er lässt sich als eine Aufforderung lesen, kritisch und eigenständig zu denken. In Stefans Fall ginge es darum, eine Versöhnung mit sich selbst und seinem eigenen Schicksal zu erreichen. Und das eben nicht durch ständige Konfrontation mit dem Trauma, sondern durch einen behutsamen Akt der Aufarbeitung. Bei Opfern im Allgemeinen ist es so, dass ihr Leid Anerkennung braucht. Den Opfern muss eine gewisse Gerechtigkeit widerfahren.

Ein besonders interessanter Ansatz im Stück ist, dass du die Lage der Heimatvertriebenen von damals in Verbindung bringst mit der Situation um die Flüchtlinge heute. Was ist dir dabei wichtig?
Klar gibt es da eine Kongruenz. Stefans Geschichte korrespondiert mit der der Flüchtlinge, die unten im Ort in einer Turnhalle untergebracht sind. Es ist fast aus dem Bewusstsein verschwunden, aber die BRD wurde ja maßgeblich mit den Händen von Geflüchteten aufgebaut. Wenn man nun die Heimatvertriebenen, die Spätaussiedler und die Gastarbeiter seit 1945 zusammennimmt, so hat fast jeder zweite Deutsche – wenn man so will – einen Migrationshintergrund, aber das nur als Einschub, um zu verdeutlichen, wie heterogen dieses Land eigentlich aufgestellt ist. »Das Wasser im Meer« handelt von Krieg und Vertreibung, und viele Flüchtlinge unserer Gegenwart kommen aus Kriegs- bzw. Krisengebieten und haben ähnlich mörderische Strapazen hinter sich wie die Heimatvertriebenen seinerzeit. Die meisten kommen zu uns, um in Sicherheit leben zu können. Die bereitwillige Aufnahme der Kanzlerin im Sommer 2015 fand ich richtig, auch wenn mir ihre politischen Motive im Unklaren blieben. Als großes Waffenexportland und rohstoffabhängige Industrienation dreht Deutschland aber gewaltig mit am großen Rad der Kriegs- und Fluchtursachen. 

Es geht also um viele ernste, durchaus auch traurige Themen. Hast du demzufolge ein düsteres Theaterstück geschrieben?
Nein, ich denke nicht. Das Stück hat ja durchaus humorvolle Seiten, manchmal einen Anflug von Boulevardtheater. Und am Ende gibt es ja noch Inas Aufbruch. Das Reden war also nicht vergeblich.

Das Gespräch führte Christopher Hanf.