Geschichten aus dem Wiener Wald

Ödön von Horváth
Wien in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts: Marianne, Tochter des »Zauberkönigs«, des Inhabers eines kleinen Spielzeuggeschäfts, ist dem Fleischergesellen Oskar versprochen, denn Oskar ist in Krisenzeiten eine »gute Partie«. Doch just beim Verlobungspicknick läuft ihr Alfred über den Weg, den sie sofort als den Mann ihres Lebens missversteht. Die Verlobung mit Oskar platzt, aber auch das vermeintliche Liebesglück mit Alfred löst sich in der Wirtschaftskrise in ein Nichts auf. Alfred, der Lebemann, bringt Marianne als Tänzerin in einer Nacktbar unter. Das gemeinsame Kind wird derweil zu Alfreds Mutter und Großmutter in Pflege gegeben. Mariannes Aufbruchversuch endet in einer Tragödie. Ihr Kind stirbt, weil die Großmutter es in der Kälte aussetzt. So muss sie schließlich doch Oskar, den Fleischer, heiraten, ganz wie der es ihr prophezeite: »Du wirst meiner Liebe nicht entgehen«.
Mit unvergleichlichem Einfühlungsvermögen und bitterbös-komisch schildert Ödön von Horváth in seinem bürgerlichen Sittengemälde ein Dasein, in dem Träume gar nichts zählen. Ob Liebe, ob Glücksvision, ob Glaube an das Gute – alles zerschellt hier an der Unbarmherzigkeit der Welt und ihrer Herren, der Männer. Horvaths 1931 uraufgeführtes Volksstück ist eine hellsichtige und poetische Parabel auf die Krise des bürgerlichen Zeitalters. Voller Sehnsucht und Liebe irren die Menschen als Verlorene durch eine kalte Welt, die vom Schmerz und der Komödie unerfüllten Lebens widerhallt.
Inszenierung
Bühne / Kostüme
Kostüme
Choreographie
Dramaturgie
Theaterpädagogik
Manuela Gerlach
Besetzung
Marianne
Alfred
Zauberkönig
Die Mutter
Die Großmutter
Rittmeister
Havlitschek / Der Mister
Hierlinger Ferdinand / Conferencier
Pianist
Ida
Lina Bey / Renée Gerschke
Premiere 10. April 2015
»Alexander Nerlich komponiert große, oft opernhafte Bilder. Und wenn Marianne im Nachtklub tanzt, dann ist das selbst großes Verführungstheater, hinter dessen großen Kostümen die nackte Verzweiflung hockt.«
Berliner Morgenpost
»Holger Bülow steckt seinen Alfred körpersprachlich virtuos in ein Korsett von egoistischen Gefühlen und einem Gut-sein-wollen. Und wie Zora Klostermann die Marianne einfach nur sein lässt und sich dabei in ihrer Unbedingtheit selbst gefährdet, das fasst die Figur und greift den Zuschauer an. Hier spielt keiner ein Horváth-Klischee, sondern alle sind: Theaterfiguren nach Menschenart. Alexander Nerlich schafft mit vielen schönen szenischen und spielerischen Ideen eine Inszenierung von Poesie und Schwung. – Sehenswertes Schauspielertheater.«
Nachtkritik
»Gelungene Premiere. Ohne Verachtung, mit Liebe blickt (Ödön von Horváth) auf diese unglücklichen, bigotten und oft so fiesen Figuren – das ›Proletariat der Sprachlosen‹, wie es Franz Xaver Kroetz nannte. Die keine Worte gelernt haben, für das, was sie meinen und die sich deshalb mit Schablonen aus Sprichwörtern und Floskeln behelfen müssen und damit doch nie zum Wesentlichen durchstoßen. Mit großer Lässigkeit haben die Schauspieler das hier – übrigens bis in die Nebenrollen perfekt besetzt – umgesetzt.«
Potsdamer Neueste Nachrichten
»Dem Hans Otto Theater glückt ein leichthändiger Kraftakt. Mit welchem Ernst und welcher Lust dieses Ensemble wendig seinen Ton zu wechseln weiß, wie pointiert und fein es spielt, das imponiert. Die Spießer werden nicht gefressen, sondern mit Witz und Wucht entblößt. Die Tragik des Stückes nutzt man in Potsdam für beherzten Funkenschlag.«
Märkische Allgemeine Zeitung