Krebsstation
»Haben das andere überstanden, dann wirst du es auch überstehen.« Auf einer Krebsstation treffen sie aufeinander, Menschen aller Schichten und verschiedenster Herkunft, vereint im Kampf gegen die unsichtbare Bedrohung. Die Krankheit läßt Unterschiede verschwinden. Rang und Funktion allein machen nicht gesund. Andere Differenzen treten umso klarer hervor: die des Charakters, der biografischen Erfahrung, der Haltung zum Leben und zur Gesellschaft. Der Parteikader trifft auf den Verbannten, der Arbeiter auf den Intellektuellen, der Denunzierte auf den Denunzianten, die Erkrankten und ihre Familien auf das Pflegepersonal und die Ärzteschaft, der Unheilbare auf den Überlebenden – eine geschlossene Gesellschaft in Erwartung von Heil oder Tod. Leicht, auf spielerische Weise, läßt
Solschenizyn den Mikrokosmos seiner Figuren entstehen, realistisch und prägnant, voller Humor und Interesse sind seine Beschreibungen. Sie zeichnen die seltsame Welt eines Krankenhauses, darüber hinaus aber auch die zeitgenössische Lebenswirklichkeit und das komplexe soziale Geflecht einer Gesellschaft zwischen historischem
Aufbruch nach Stalins Tod und ungetilgter Schuld.
Solschenizyn wurde 1945 aus den Reihen der Roten Armee heraus verhaftet. Acht Jahre Straflager verarbeitete er u. a. im Roman »Der erste Kreis der Hölle«. 1953 mußte er sich, noch immer verbannt, in einem Krankenhaus in
Taschkent einer Krebsbehandlung unterziehen. 1970 mit dem Literaturnobelpreis geehrt, wurde er 1974 nach Erscheinen seines Hauptwerkes »Der Archipel GULAG« der UdSSR verwiesen. Er lebte zunächst in der Schweiz, dann in den USA, kehrte 1994 nach Rußland zurück und starb 2008 in Moskau.
Wovon der Mensch wirklich lebt, zeigt sich bei [Solschenizyn] in der Auseinandersetzung mit der historischen Situation. In einem wunderbaren ideendramatischen Dialog mit Kostoglotow gegen Ende dieses dreieinhalbstündigen Abends leuchtet der schweigsame Schulubin (Roland Kuchenbuch) gnadenlos sein Opportunistendasein aus: Nach Puschkin gebe es nur drei Möglichkeiten, sein Leben zu führen: als „Tyrann, Verräter oder Gefangener“. Er sei Verräter geworden, ein duldender, wortkarger Herdenmensch unter dem „Himmel der Furcht“. In solchen Momenten ist man ganz weit weg von einem unspezifischen Existenzialismus, nahe bei einer echten historischen Parabel über Entscheidungen und ihre Kosten.
(Berliner Zeitung/Frankfurter Rundschau)
Und wieder einmal erlebt man ein homogenes Potsdamer Ensemble, engagiert im Dienst der Sache.
(Radio Mensch)
Hier wird ein großer Bilderbogen der russischen Gesellschaft am Ende der Stalin-Ära im Brennglas einer Krebsstation gezeigt.
(Radio Mensch)
Es ist ein Wagnis, das Wellemeyer und der Dramaturg John von Düffel eingegangen sind. Sie haben den Roman „Krebsstation“ des Literaturnobelpreisträgers Alexander Solschenizyn auf die Bühne geholt. [
]Ein großer Roman. Und man kann Tobias Wellemeyer und John von Düffel nur dankbar dafür sein, dass sie dieses Wagnis eingegangen sind. Beide haben schon für die Erfolgsinszenierung „Der Turm“, nach dem Roman von Uwe Tellkamp, zusammengearbeitet. Zwei, die sich vertrauen, die sich aufeinander verlassen können. Was das für das Theater bedeuten kann, konnte man am Freitag bei der Uraufführung von „Krebsstation“ erleben.
(Potsdamer Neueste Nachrichten)
Melanie Straub in der Rolle der Dr. Vera Hangart beeindruckt als hagere Schönheit. Gütig, mitfühlend, aber auch pragmatisch, wie sie den Blick von der Spritze abwendet mit der Begründung, man müsse auch mal Pause machen.
(www.nachtkritik.de)
Zwei Darsteller ragen aus dem vielköpfigen Ensemble heraus: Zum einen Wolfgang Vogler als Ex-Lagerhäftling Oleg Kostoglotow und Alter Ego Solschenizyns. Er ist der Sympathieträger des Abends, er will leben und lieben, misstraut den Ideologen und Medizinern, ist ganz einfach ein guter Mensch. Zum anderen Jon-Kaare Koppe, der den krebskranken Parteibonzen Rusanow spielt, ihn leicht satirisch verzerrt und karikiert und zum Abbild all jener macht, die in Sonntagsreden von der Diktatur des Proletariats sprechen und dann gern die Privilegien der Mächtigen in Anspruch nehmen.
(RBB-Kulturradio)
In Doppelrollen stechen Roland Kuchenbuch und Christoph Hohmann hervor, während beim vorwiegend weiblichen Personal Melanie Straub als aus ihrer Verhärmtheit in vergebliche Liebe zu Oleg aufwachende Ärztin überzeugt.
(Deutschlandradio Kultur)
Vogler spielt [Oleg Kostoglotow] zart und wild, verzweifelt und verständnisvoll. Kein Klischeeheld, der sich trotz seiner sieben Jahre Lagerhaft und bevorstehender Verbannung ungebrochen seinem Schicksal stellt und die Ungerechtigkeiten und Falschheiten dieser Welt anprangert.
(Potsdamer Neueste Nachrichten)
[W]ie Roland Kuchenbuch diesen Schulubin spielt, das erschreckt zutiefst, packt einen und frisst sich fest.
(Potsdamer Neueste Nachrichten)
Mitwirkende
- Regie
- › Tobias Wellemeyer
- Bühne
- › Alexander Wolf
- Kostüme
- › Ines Burisch
- Musik
- › Gundolf Nandico
- › Wolfgang Vogler
› Jon-Kaare Koppe
› Friedemann Eckert
› Christoph Hohmann
› Eddie Irle
› Roland Kuchenbuch (als Gast)
› Bernd Geiling
› Raphael Rubino
› Juliane Götz
› Andrea Thelemann
› Melanie Straub
› Kristin Suckow
› Marianna Linden
› Friederike Walke (als Gast)
› Franziska Hayner


