12.12.2017

Mit den Augen hören –
21 Jahre Theater mit Gebärdensprache am Hans Otto Theater

Live gedolmetschte Vorstellungen im Kinder- und Jugendtheater wieder am 13., 14. und 17. Dezember

Die Begeisterung hört man nicht, aber man sieht sie: Wenn im Hans Otto Theater Potsdam die Vorstellungen mit Gebärdensprachdolmetschern zu Ende gehen, wird nicht nur geklatscht, sondern Hände winken schwungvoll über den Köpfen, als stummer und herzlicher Applaus.

Seit mehr als 20 Jahren bietet das Potsdamer Theater die live übersetzten Aufführungen an, um auch tauben und hörbehinderten Menschen ein Tor zur Theaterkunst zu öffnen. In seiner Kontinuität und innovativen Form ist das Projekt deutschlandweit einzigartig. Mehrmals in der Spielzeit stehen die beiden Dolmetscher Gudrun Hillert und Christian Pflugfelder gemeinsam mit den Schauspielern auf der Bühne und übertragen das Bühnen¬geschehen simultan – ein Kultur-erlebnis, das auch Besucher ohne Hörbeeinträchtigung als eine besondere Bereicherung empfinden.

In dieser Woche bietet das Theater wieder drei Vorstellungen an: Am 13. Dezember werden Gudrun Hillert und Christian Pflugfelder das Jugendstück »Wie man unsterblich wird« von Sally Nicholls live gebärden sowie am 14. und 17. Dezember den Märchenklassiker »Der Zauberer von Oz«.
»Gerade die jährlich gedolmetschten Vorstellungen des Weihnachtsmärchens sind zu einer festen Tradition geworden und erfreuen sich großer Beliebtheit bei Potsdamer und Berliner Schulen. An diesem Tag nehmen nicht nur mehr als 300 hörbehinderte Kinder auf den Zuschauerstühlen Platz, sondern auch alle anderen – das ist ein inklusives Theatererlebnis für alle«, so Manuela Gerlach, Projektleiterin und Theaterpädagogin am Hans Otto Theater.

Bei der in Potsdam praktizierten innovativen Methode des »Shadow Interpreting« folgen die beiden Übersetzer den Schauspielern wie Schatten und sind aktiver und integraler Teil des Bühnengeschehens. »Dadurch wird gehörlosen Theaterbesuchern die Möglichkeit geboten, das jeweilige Stück genauso wie alle anderen Zuschauer wahrzunehmen. Sie müssen sich nicht – wie leider an anderen Theatern üblich – zwischen dem auf der Bühne stattfindenden Schauspiel und dem neben oder vor der Bühne produzierten gebärdensprachlichen Text entscheiden. Beim »Shadow-Interpreting« wird beides räumlich im Bühnenbild vereint: Die Dolmetscher stehen dort, wo die Handlung stattfindet«, so Christian Pflugfelder.

Das Angebot »TamiDos« (Theateraufführungen mit DolmetscherInnen für Gebärdensprache) gehört seit 1996 fest zum Programm des Hans Otto Theaters. Es richtet sich an Erwachsene ebenso wie an Kinder und Jugendliche. Die Projektleitung liegt bei der Theaterpädagogin Manuela Gerlach. Die fachliche Beratung und die Verdolmetschung der Vorstellungen erfolgt über die Potsdamer Diplom-Gebärdensprachdolmetscherin Gudrun Hillert und ihrem Kollegen Christian Pflugfelder. Das Projekt wurde 2012 für den »BKM-Preis Kulturelle Bildung« nominiert, der vom Staatsministerium für Kultur und Medien verliehen wird.

Das Hans Otto Theater möchte auch mit anderen Formaten sein Angebot für Menschen mit Beeinträchtigungen erweitern. So hat das Theater zum »Internationalen Tag des Weißen Stocks« im Oktober 2017 erstmalig zu einer Theaterführung für blinde und sehbehinderte Menschen eingeladen. Als inklusives Angebot waren zu der Führung natürlich auch alle Sehenden eingeladen. »So ein Projekt baut Barrieren auch im Kopf ab«, so das Fazit einer Besucherin nach der Führung. Die nächste Führung ist für das Frühjahr 2018 geplant.

Vorstellungen mit Übersetzung in die Gebärdensprache

»Wie man unsterblich wird« (13+) von Sally Nicholls
Am 13. Dezember, 10:00 Uhr, Hans Otto Theater/Reithalle

»Der Zauberer von Oz« von L. Frank Baum
Am 14. Dezember, 10 Uhr, Hans Otto Theater/Neues Theater
Am 17. Dezember, 15:00 Uhr, Hans Otto Theater/Neues Theater

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