Volkstheater Rostock
28./29. März 2015

Ein weiteres Mal taten sich Freunde des Hans Otto Theaters und des Kunsthauses Potsdam, etliche davon auch gleichzeitig zu den Freunden des Gorki Theaters oder der Schaubühne zählend, zu einer Wochenendreise zusammen. Ziel des Ausflugs per Bus und in einzelnen PKWs am 28./29. März 2015 war – nicht zum ersten Mal – Rostock, stolze Hansestadt und größte Stadt in Mecklenburg-Vorpommern. Als die Reiseplanung startete, war nicht abzusehen, zu welch kritischem Zeitpunkt wir dem Volkstheater Rostock (VTR) unseren Besuch abstatten würden. Wenige Tage vor unserem Start berichteten die Medien vom energisch verfolgten Plan des Oberbürgermeisters, gestützt vom Kultusministerium, seinen gerade erst angetretenen VRT-Intendanten Sewan Latchinian schleunigst wieder loszuwerden. Aber den kennen wir doch aus seiner Zeit am Deutschen Theater und den haben wir doch schon bei einer Reise nach Senftenberg als tatkräftigen Chef und Retter der dortigen krisengeplagten »Neuen Bühne« erlebt!? Wer, wenn nicht Latchinian, soll denn den Niedergang des Rostocker Theaters noch stoppen können? Ist er nicht seit September 2014 auf dem besten Weg, wieder ein wachsendes Publikum für sein neues altes Haus zu gewinnen? Kann unser Besuch der »Mahagonny«-Inszenierung im VTR oder das Gespräch mit ihm die bedrohliche Situation noch retten? Nein! wissen wir inzwischen aus den Medien.Doch zunächst, nach dem Einchecken ins Hotel Radisson, erkunden wir mit einer geschichts- und datenfesten Begleiterin die Innenstadt. Höhepunkt ist die Marienkirche, und darin das Wunderwerk der Astronomischen Uhr, die seit 1472 – als älteste noch funktionierende Uhr der Welt – zuverlässig die Zeit und vieles mehr angibt. Im frühlingshaften Sonnenschein promenieren wir weiter durch die Stadt, über den bunt-belebten Ostermarkt schließlich zu unserem Futterplatz »Zur Kogge«, und das ist wiederum Rostocks ältestes maritimes Gasthaus, abenteuerlich dekoriert mit Schiffsmodellen, ausgestopftem Seegetier und dergleichen. Frisch gestärkt, finden viele von uns den Weg ins Kulturhistorische Museum, das einen Teil der Räume des Klosters »Zum Heiligen Kreuz« einnimmt; da gibt es z.B. einen Splitter vom Kreuz Christi, den die Klostergründerin im 13. Jh. von einer Pilgerfahrt nach Rom mit heimbrachte.
Die drei Dutzend Leute unserer Gruppe treffen sich wieder vor dem Theatergebäude; Lea Rosh muss einige Mühe aufbringen, sie zum Gruppenfoto zu formieren. Dann erwartet uns der Intendant Sewan Latchinian in der Theaterkantine zum Gespräch und legt uns die verfahrene Situation seines Hauses dar. Da ist keiner unter uns, der nicht zumindest den Kopf schüttelt über die Forschheit und den mangelnden Kulturverstand der Stadtoberen. Latchinians Vergleich der Kulturvernichtung durch den IS im Nahen Osten mit der drastischen Subventionsschrumpfung und den Umbauplänen für das VTR mag überzogen sein – aber liest man den Kontext seiner Worte von der Demonstration in Neustrelitz, erkennt man zu allererst darin seinen engagierten Versuch, der Stadt wieder ein funktionierendes Theater zu bieten, das tatsächlich seit seinem Amtsantritt wieder deutlich steigende Besucherzahlen verzeichnen kann.
Was die künstlerischen Gruppen des VTR können, zeigt sich dann bei »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny« von Brecht und Weill, in Szene gesetzt von (Brecht-Enkelin) Johanna Schall. Die Spieler, Tänzer, Sänger, das Orchester – alle versprühen deftige Spiellaune; es bleibt unverständlich, warum aus diesem Gesamtgefüge der vier Sparten gleich zwei herausgeschnitten werden sollen. Der Rest des Abends wird noch genutzt zu lebhaften Gesprächen in der Bar des Hotels, die Fahrtteilnehmer nutzen die Gelegenheit zum Kennenlernen und Gedankenaustausch.
Am Sonntagmorgen erwartet uns das Potsdamer Mitglied Jochim Sedemund auf dem von ihm erworbenen und strahlend restaurierten Pfarrhof von Volkenshagen, knapp 30 km von Rostock. In seiner »Kunstscheune« werden wir bewirtet, erkunden das Grundstück, bewundern die schlichte Dorfkirche und das wie neu wirkende, im Stil der Zeit um 1900 möblierte Pfarrhaus.
Mit Bus und einigen PKWs geht es danach in die Barlach-Stadt Güstrow. Den ersten Stop machen wir am Atelierhaus Ernst Barlachs am Stadtrand, wo uns wieder eine engagierte Führerin erwartet. Es folgt ein Besuch in der Gertrudenkapelle, wo ein misstrauisch-wachsamer Aufpasser (nahezu erfolgreich) das Fotografierverbot durchsetzt.
Beim abschließenden späten Mittagessen in der »Villa Italia« am Domplatz zu Güstrow hat sich die Gruppe schon etwas gelichtet. Rundum leiblich gestärkt und geistig erhoben durch den erlebten vielfachen Kunstgenuss strebt der Bus schließlich dem Zielort Potsdam zu.
Die Teilnehmer bedanken sich bei Etta Timm, Lea Rosh und Elisabeth Schöneich für die Planung und exakte Durchführung einer erlebnisreichen Wochenendreise!

Text: Elmar Engels
Fotos: Olaf Lemke und Elmar Engels