Prof. Dr. Dieter Wiedemann

Schriftführer

Warum ich das Theater brauche?

Aber, brauche ich es denn wirklich? Ich gebe den Suchbegriff „Theaterinszenierungen“ bei Youtube  ein und erhalte 11600 Angebote, die ich mir teilweise bzw. vollständig ansehen kann. Da müsste ich mehr als 800 Jahre in das „Hans Otto Theater“ gehen, um auf diese Zahl zu kommen! Einige Selbstversuche mit durchaus interessanten Inszenierungen im Netz misslingen: der kleine Bildschirm und die auf Details bzw. Gesichter orientierten Kameraführungen erinnern mich eher an Fernsehspiele denn an Theatererlebnisse. Nicht ich kann entscheiden, was in einer Theaterinszenierung für mich wichtig ist: welcher Figur ich folgen will, welches Detail des Bühnenbildes mich interessiert oder ob ich lieber Zuschauer/innen/reaktionen beobachten will? Diese Entscheidung liegt bei einer Regisseurin oder einem Regisseur!
 Und deshalb brauche ich das Theater, weil ich nur im analogen Medium Theater eine selbst bestimmte Kommunikation mit einer Inszenierung und ihren Protagonistinnen und Protagonisten in Echtzeit erleben kann. Der suchende Blick nach der Souffleuse, das helfende Flüstern einer Mitspielerin, das Eingehen auf Reaktionen des Publikums und das bange Warten auf dessen Beifall, und vieles anderes mehr ermöglichen dem Theater als älteste Form künstlerischer Live-Erlebnisse auch und gerade heute einen besonderen Stellenwert als Seismograph gesellschaftlicher Binnenverhältnisse.
 Als regelmäßiger Besucher von Theateraufführungen im Hans Otto Theater kann ich zudem die Entwicklungen einzelner Darstellerinnen und Darsteller verfolgen – einige kenne ich schon seit ihrem Studium an der HFF „Konrad Wolf“ –, lerne neue Handschriften von Regisseurinnen und Regisseuren kennen, die mir nicht alle gefallen müssen, mit denen ich mich aber auseinandersetzen will und kann. Das Theater ist ein bisschen wie mein Leben: Nicht alles hat mir Spaß gemacht, aber alles hat mich weiter gebracht: Auch meine Irrtümer! 
 Weil ich das als politisch denkender Medien-, Film- und Theatermensch weiter befördern möchte, bin ich Mitglied des Fördervereins des Hans Otto Theaters geworden und habe im Verein auch Verantwortung übernommen. Meine vor ein paar Jahren für die HFF „Konrad Wolf“ aufgestellte Losung gilt genauso für das Hans Otto Theater: Potsdam ohne das Hans Otto Theater wäre wie Cuba Libre ohne Rum!
 Für mich eine schreckliche Vorstellung und ich hoffe, für Sie auch!